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alltagsallotria eines koprolalisten

markus köhle | alltagsallotria eines koprolalisten

„Hei Falk, alles klar?“

„Kein Politikfickgedicht im Arsch, was? Auch keine Ahnung, wie breit die Palette der Damenklosprüche gefächert ist, hm? Keinen Pullunder im begehbaren Schrank und kein Mutterdispositiv vorrätig, was? Jaja, dann ist es kein Zuckerdosenwunder, wenn im hauseigenen Glasbottich kein Kevin Pascal Kloß schwimmt, sondern lediglich Engelbert Humperdinck, der Erfinder von Hänsel und Gretel. Ja, 1921 gab’s noch kein Schnüffelprogramm Waldi, und Hallervorden war noch ein Ziegel des ungedeckten Hallervordendachs. Da krümmt sich jeder Zestenreißer und verliert seine Aufhängöse, selbst wenn die KIBA-Schorle noch so nudelig garniert ist und wenn dein Herz für andere pumpt, wird deine Luftmatratze stets eine schlaffe Windhose bleiben. monologe sind kein konzeptalbum, Yes, Josef, hast ja recht, also seien wir ansatzweise gescheit: lassen wir die kirche nicht im dorf. reden wir vom poetischen als einer philosophischen hilfsleistung, jenseits von klartext. Danke Schweikhardt, was für ein Name für einen Leichtschwurbler! Womöglich bekommt mein Hirn zu wenig saures Stoffzeugs aus der Ketchupflasche. Womöglich müssen da erst die kanonischen Kannen kommen und das Sprungbrett an den kritischen Punkt ansetzen. Und wenn’s zu schmerzhaft wird, dann wird halt ein Verband katholischer Schriftsteller verpasst, damit jeder weiß, dass es Zeit für ein Gedicht ist. Das wird dir dann die Hausbesorgerin vom Zählerstand ablesen. Du seist wie eine Beule am Hintern, die bei jedem Schritt ein Kampfscheuern mit der eingesteckten Geldtasche auslöse? So hart nimmt die dich an die Kandare? Freilich, hier wird um die Ecke erzählt. Im Reich der Zwischentöne ist Panierfett heiter wie Hosenträger und versteckt sich in einem avancierten Literaturfördertopf. Ja, es genügt nicht, das Normalste und deshalb Wahrste aufzuschreiben. Ungereimtes Zeug und Treibholz in den Satzschlaufen, Spoilerkühle und was noch? Häuserrock im Morgenhemd am Fensterbügel abgefahren. Just in time. Bin ich ein Ü oder ein lachendes Gesicht? Und was soll das Kastenschnurspringbrett in der Spüle? Schlechter Nasenbeinbruchwitz was? Schnapsgurgler? Nein, Gurkenhobel und Camauro-Träger. Das ist nicht liturgisch, bedeckt aber Papstköpfe und ist aus Seide oder rotem Samt und hermelinverbrämt. Du Ochs! Die Sandviper heißt auch Hornotter und ist im südsteirischen Weinland zu Hause, sie ist nachtaktiv, hat weder Geweih noch Pelz aber trotzdem ihre Qualitäten. Gegen ein gepflegtes Tröpfchen Roten hat sie nie etwas einzuwenden. Sie küsst am liebsten unter Misteln und ist mit chinesischen Weisheiten beschlagen: In der Hast des Lebens sind schon viele Genies umsonst alt geworden. Daniil Charms wäre jetzt 100. Mir ging’s auch schon besser. Ich habe einen Osterinselsteinschädel mit Fragilhals und Wortwabbelvisage, da täten natürlich Bratwurstbrustwarzen gut dazu passen, gell, die hat aber leider schon der Franzobel gepachtet. Also Rückzug aufs Wikingerschafschiff mit flammendem Karfiol als Bugfigur und Wellenfurchteinflößer. Sowohl Hornhautscheitelabstand als auch Pupillardistanz sprechen eine ganz eindeutige Sprache. Deitsch. Mein Schutzengel hat ein absolutes Gehör und schnitzelgroße Ohrläppchen, ungelogen und unpaniert. Der Rorschachtestmusterkatalog hingegen log, weil der Probandenverband die Vertragsbande der Probandenbande loslöste. Ätsch! Geschmack fesselt – Fadheit löst. Effekthascherische Mischmaschine schluckte schaufelweise schuldlose Schöffenschwurgerichtsschüler, wofür ich aber nichts kann. Lass ihn ziehen, den Sinn. Parapluieparadebeispiel. Die Poesie drängt sich nicht mehr auf, sie setzt sich aus. Er zieht noch immer, der Sinntee, nicht kalt werden lassen. Trudelnde Lapidarität schleicht sich in den blätternden Strudelsprachteig. Auch der Spazierstock flockt aus und durch betonte Irritationen wird natürlich Interpretationslurch generiert. Zweifellos. Öko-soziale Fahrradprosa! Verrat! Lokalkolorit Platzhirsch mit Mozartaffinität schüttelt den Glockenschopf. Nein, Peinlichkeit ist kein Kriterium, damit brauchen sie uns nicht zu kommen! Da könnte ja jeder kommen, zuhauf. Zuhause dann ein Falaffel-Relaunch trotz Schwindelgefühl und Bauchbohren. Bürste im Zorn, Borsten in Aufruhr, der Stil eine windige Birke. Heimat ist, wo dir auch die Katastrophen gehören, und die CD eine entfernte Verwandte der Waschmaschine, rein äußerlich betrachtet. Es schleudert mich wieder. So weit so rund, so gut so kugelbunt. Man versteht mich oder nicht. So oder so oder auch so nicht. Zuhören gehört ja nicht mehr zum guten Ton. Bin leicht sprachverknotet heute, aber an sich alles im Lot. Danke der Nachfrage.“

„Gern geschehen, Alter … Durst?“

„Oh ja, komm, lass’ uns auf ein Bier gehen, das dämpft meine Tics*.“

* Das Tourette-Syndrom bringt die Patienten dazu, genau das zu tun, was gerade völlig unpassend ist. Sie sind dabei völlig klar im Kopf und können ihre Tics registrieren, aber nicht verhindern. Beim Tourette-Syndrom handelt es sich um eine neurologische Erkrankung, bei der mehrere Bereiche im Gehirn gestört sind, es geraten ganze Regelkreise aus dem Takt. Vereinfacht ausgedrückt, könnte man sagen, die Schaltstellen spielen verrückt. Medizinisch korrekter ist, dass die Basalganglien, Nervenzentren im Endhirn, Nervenimpulse senden, die weder, wie sonst üblich, vom Stirnhirn kontrolliert, noch vom Thalamus gefiltert werden. Zehn bis dreißig Prozent der Tourette-Kranken zeigen die so genannte Koprolalie. Sie stoßen unkontrolliert Schimpfwörter aus oder werfen mit irritierenden Sätzen um sich. Nur selten und für kurze Zeit können die Patienten ihre Tics unterdrücken.