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danke gut

wolfgang gulis | danke gut

Dramolett in sechs Patientenakten

I.
Oberarzt Dr. Huber trifft Oberarzt Dr. Meier am Gang, hält den Befund vom Patienten in der Hand.

Dr. Huber: Ah schön, dass ich Sie treff´, werter Kollege, kann ich Ihnen gleich den Befund des Patienten geben. (Liest vor):
MR Leber. Ergebnis: Ca. 3,5 cm großer parenchymzersetzender Prozess am Übergang vom Segment 2 zu Segment 3 des linken Leberlappens nahe der Fissura interhepatica. Der Prozess liegt den Gallenwegen an. Ein Neoplasma ausgehend von den Gallenwegen oder vom Leberparenchym ist nicht auszuschließen.
Dr. Meier nickt, schaut den Kollegen an.
Dr. Meier: Müss’ ma a Biopsie machen.
Dr. Huber: Wohl besser. Gesehen hab ich so was noch nie.
Dr. Meier: Hmm.
Dr. Huber: Irgendwo hab ich gelesen, er war in Südamerika, im Dschungel!
Dr. Meier: Ja, (zögernd) aber schon vor einem Jahr.
Dr. Huber: Na, weiß ma’s ?
Dr. Meier:  Na, nix wiss’ ma!
Dr. Huber: Na, aber wiss’ ma des?
Dr. Meier: Des wiss’ ma net.
Dr. Huber: Aber anderes wiss’ ma sehr wohl.
Dr. Meier: Wie wahr. Sehen uns.
Meier nimmt den Befund, hebt die Hand und geht.

II.
Visite in einem Mehrbettzimmer. Es ist Sommer, heiß. Die Fenster sind mit Jalousien verdunkelt. Oberarzt Dr. Meier, ein zweiter Oberarzt, eine Psychologin und einige Stationsärzte und Krankenpfleger sowie Praktikanten.

Dr. Meier: Guten Morgen, die Herren.
Die Herren: Morgen, Herr Doktor.
Der Rest der Visite:  Morgen, Guten Morgen.
Dr. Meier: Na, was haben wir denn heute? (Blättert in den Unterlagen.) Ja, der Herr Patient, wie geht’s Ihnen denn heute? Sie schauen schon ganz gut wieder aus. Fein, fein. Die Biopsie ist ja eh gut verlaufen.
Patient: Schmerzen hab’ ich gestern in der Nacht ...
Dr. Meier (blättert in den Unterlagen, zeichnet was ab, zeigt ein Papier dem Stationsarzt): Ja, jaa, ah ja, das ist mein Kollege, der Doktor Bauer, der wird jetzt für Sie zuständig sein.
Zeigt auf einen jüngeren Kollegen, der neben ihm steht.
Patient: Aber die Schmerzen.
Dr. Meier: Was? Ach. Na, die gehören dazu. (Blättert in den Unterlagen.) Aber extra leiden solln’S nicht müssen. Aber jetzt geht es, oder? Haben’S noch irgendwelche Beschwerden?
Patient: Nein, seit heute ...
Dr. Meier: Na sehen´S, hamma schon überstanden ...
Sein Handy läutet. Alle hören nun dem Telefonat zu. Psychologin nähert sich dem Patienten, während der Oberarzt telefoniert.
Ja, Meier!? Ah, servus! Ja fein, dass du anrufst, wollt’ nur sagen ... (hört zu) ... damit da keine Missverständnisse auftauchen, gell! (hört zu)
Psychologin (während des Telefonats flüsternd): Herr Patient, darf ich mich kurz vorstellen, bin die Psychologin für die Station, Frau ...
Patient: Psst. Bitte.
Dr. Meier (lacht): Also ich würd’ dich drum bitten, dass du das vorbereitest. Ja, fein, ist jetzt nur ungünstig im Moment, bin grad’ Visite. Rufst mich nach deinem Vortrag an, Servus.
Legt auf.
Wo war’ ma?
Patient: Ich möchte gern nach Hause gehen.
Dr. Meier: Ja versteh ich, aber jetzt können’S nicht heimgehen, da müssen wir schon wissen, woran wir ...
Handy läutet. Meier nimmt ab.
Was ist denn? Nein, nicht jetzt! Ich bin in der Visite, ich schick Ihnen den Fehlschlag runter, der kann Ihnen helfen.
Legt auf.
Also, na ja. Herr Patient, das versteh ich, freilich. Aber schauen Sie, die paar Stunden sollten’S schon noch aushalten. Dann wissen wir, woran wir sind, und wenn es sein muss, können wir gleich einen Plan machen. Gell?
Greift ihm empathisch auf die Schulter.

Also bis zum Nachmittag!
Schüttelt ihm die Hand, wendet sich zum nächsten Patienten. Herr Huber ist ein älterer, weißhaariger Herr, der schwer hört.

Der Herr Huber, wie geht’s Ihnen denn heute, gut? Ja fein, gut also – Schwester? (Zur Schwester:) Also wir schauen jetzt, ob er operationsfähig ist. Morgen macht er die Kardiologie, und dann können wir das Neoplasma, hoffe ich, bald entfernen. Warten sollten wir ja nicht. (Zu Herrn Huber:) Aber in Ihrem Alter müssen wir schon schauen, ob Sie es auch gut durchstehen.
Psychologin (nähert sich wieder dem ersten Patienten und spricht leise.): Also, wenn Sie was brauchen, ich bin für Sie da, gell? Lassen Sie mich einfach holen, ich komm’.
Patient hört ihr nur halb zu, weil er das Gespräch zwischen Arzt und Herrn Huber mitverfolgen will. Gibt ihr gedankenverloren die Hand. Sie wendet sich dem Tross zu, der gerade das Zimmer verlässt. Als die Tür aufgeht, hört man von draußen eine Stimme, die im langgezogenen Ton klagt.

Stimme: Hilfe, Hilfe. Mörder.
Die Tür geht zu. Stimme ist nicht mehr zu hören.

Patient (lauter): Herr Huber, Sie haben wieder nix verstanden, gell?
Huber: Nix, kein Wort. Der red’t viel zu schnell und zu leis’.
Patient: Der Arzt hat g’sagt, sie müssen jetzt schauen, ob Sie operationstauglich sind.
Huber: Aha.
Patient: Und morgen haben Sie bei der Kardiologie einen Termin. Wegen dem Herz und so.
Huber: Und hab ich jetzt den Krebs?
Patient: Ja, Sie haben im Darm einen Krebs. Aber sie wollen ihn operieren.
Huber: Und wann kann ich nach Hause?
Krankenschwester tritt ein. Gibt Herrn Huber zwei gelbe Zettel.

Schwester: Herr Huber, bitte tun Sie mir die zwei Zettel ausfüllen.
Huber: Was?
Schwester (lauter): Herr Huber, Sie sollen die zwei Zettel ausfüllen. Der da ist für diese Wochen und der andere ist für die nächste Woche.
Huber: Bleib ich also da? Die ganze nächste Woche?
Schwester: Das weiß ich nicht, da müssen’S den Arzt fragen. Ich soll Ihnen nur die Zettel zum Ausfüllen bringen. Zum Mittagessen komm ich wieder.


III.
Operationssaal mit Tomographie-Liege. Patient liegt am Bett, über seinen Oberkörper ist ein grünes Operationstuch gelegt, das in der Mitte etwa in Höhe seines Brustbeines ein Loch hat. Doktor Schmal hält einen Befund in der Hand, schaut abwechselnd auf Bilder, die an der leuchtenden Glaswand hängen, und den Befund, liest vor. Ein Assistent reibt die Stelle gerade mit bräunlichem Desinfektionsmittel ein.


Dr. Schmal (mehr zu sich selbst): Zentrale Cavitation an der Narbe. Die mit 3,5 cm in maximalen Axialdurchmesser haltenden, unscharf begrenzten, auf T2-Gewichtung mäßig signalreichen Läsion nimmt in einem zentralen 1 cm großen, scharf begrenzten Anteil hohe Signalintensität auf. Die Läsion insgesamt von unklarer Ätiologie und Dignität.
Schaut noch mal näher auf das Bild, dreht sich dann um und geht zum Patienten.

Na. dann schauen wir uns das einmal an.
Zum Patienten:

Sie brauchen keine Angst haben, hab’ ich Ihnen eh schon gesagt. Das hamma im Handumdrehen. Wir schauen jetzt, wo wir rein müssen, nehmen drei Proben, und Sie sind auch schon wieder draußen.
Dr. Schmal geht in den Nebenraum, die Lasertechnik macht Lärm. Man hört ihn im Nebenraum mit seinen Assistenten reden.

Stimme einer Assistentin: So, Herr Patient, jetzt bitte bei 3 die Luft anhalten und erst wieder atmen, wenn ich sage. 1-2-3. 
Patient hält Luft an, die Maschine lärmt.
Dr. Schmal kommt wieder in den Raum. Steht neben dem Patienten, und bereitet sich auf den Eingriff vor. Schaut auf den Patienten, der noch immer die Luft anhält

Dr. Schmal: Ach, Sie können wieder atmen.
Und Sie waren tatsächlich in Kolumbien? Wie sind Sie den da drauf kommen? Ist ja gefährlich, was man so hört.
Patient: Na ja, über Freunde und ...
Dr. Schmal (zum Assistenten): Angezeichnet? (Assistent nickt. Weiter zum Patienten:) Aha, sehr interessant, und am Amazonas waren Sie auch? Also schon beeindruckend, gell?
Patient: Ja schon, aber ...
Dr. Schmal: So, jetzt bitte nix reden, bitte die Luft bei 3 anhalten und ganz ruhig bleiben, es tut nicht weh. 1-2-3.
Patient hält Luft an, Doktor sticht zu.

Schau ma bitte, ob wir dort sind, wo wir hin wollen. So, Sie können wieder atmen.
Dr. Schmal geht wieder in den Nebenraum. Patient hat im Oberbauch eine große Nadel stecken. Arzt kommt zurück.

Sehr gut, sehr gut, so das wird jetzt ein bisserl weh tun. Aber ist gleich vorbei.
Dr. Schmal führt die Nadel weiter ein. Patient stöhnt auf. Schmal geht wieder in den Nebenraum.

Patient (schwach): Also mir ist so komisch.
Dr. Schmal: Ja, das wird schon.
Assistent: Herr Doktor Schmal, der Patient hat nur mehr 40 Puls.
Dr. Schmal: Was? Das ist wenig, na gut, dann aber hopp, hopp. (Zum Assistenten:) Gib’ ihm was. Rasch. 50 ml.
Alle im Raum beschleunigen ihr Tempo.

Schwester? Anästhesistin! Tempo. Schneller, kommt’s!
Zum Patienten.

Herr Patient, alles in Ordnung, ja?! Wir schauen, dass ma gleich fertig sind. Jetzt müssen Sie da bleiben.
Zu den anderen:

Was ist? Auf was warten wir? Das muss schneller gehen!
Assistent: Puls geht leicht rauf.
Dr. Schmal: Gut, gut. Zwei Proben muss ich noch nehmen, dann sind wir schon fertig.
Es macht zweimal klick wie bei einer Tackermaschine.


IV.
Wieder im Krankenzimmer. Es ist heiß. Das Zimmer ist halb abgedunkelt. Die Türen stehen offen. Visite mit völlig anderen Personen. Es ist ziemlich laut, Baustellenlärm von draußen.


Patient: Herr Doktor, sagen Sie, warum bin ich eigentlich auf der Onkologie?
Dr. Huber: Nana, da brauchen Sie sich keine Sorgen machen ...
Patient: Wissen Sie, ich habe einen schönen Schrecken.
Dr. Huber: Das war reiner Zufall, da brauchen Sie sich nichts denken dabei. 
Patient: Ah so.
Dr. Huber: Ich sehe, Sie waren in Kolumbien?
Patient: Ja, vor einem Jahr und vier Monaten.
Dr. Huber: Ah ha, ist schon ein bisserl lang her, aber sollt ma nachgehen. Wir wissen ja nicht, wo Ihr Fieber herkommt. Gut, dann sehen wir uns.
Gibt ihm die Hand und wendet sich zum nächsten Patienten.
Draußen hört man wieder die Schreie.

Stimme: Mörder, Hilfe.
Stimme einer Krankenschwester (ruhig, besänftigend): Aber Herr Gruber, was sagen’S denn da. Wir sind doch keine Mörder. Jetzt hören’S aber auf zum schreien. Wir tun eh alles für Sie!
Die Stimme ist leiser geworden, sie spricht mit der Krankenschwester.


V.
Krankenzimmer, auf der gleichen Station wie zuvor. Visite mit völlig anderen Personen. Die Personen müssen sich lauthals unterhalten, weil der Baustellenlärm von draußen hereindröhnt.


Oberarzt Dr. Leitner: Aber das auf der Leber, das macht uns ein bisserl Sorgen, das müssen wir unbedingt näher anschauen.
Patient: Aber Sie haben gesagt, dass mit der Onko war ein Zufall.
Dr. Leitner: Wer, ich?
Patient: Nein, Sie nicht, aber der andere Herr Doktor.
Dr. Leitner: Ja, das stimmt schon. Aber trotzdem, das müssen wir uns anschauen. Und eine Gastro brauchen wir auch noch.
Patient: Nein bitte, Herr Doktor, ich möchte das jetzt nicht mehr.
Dr. Leitner: Na das brauchen wir aber schon jetzt. Wir wissen ja noch immer nicht ...
Patient: Ich möchte nach Hause. Ich bin seit fünf Tagen fieberfrei.
Dr. Leitner: Herr Patient, das versteh ich ja alles, aber solange wir nicht wissen, was Sie da auf der Leber haben ...
Patient: Bitte, ich will nach Hause. Meine Lungenentzündung ist sicher schon weg.
Plötzlich ist der Lärm von draußen aus. Man hört einen Patienten aus dem Zimmer röcheln, husten und stammeln.

Dr. Leitner (etwas zu laut): Lungenentzündung?
Patient: Ja, Lungenentzündung. Die Notaufnahme hat mich mit Verdacht auf Lungenentzündung eingeliefert.
Oberarzt blättert etwas hektisch in den Akten.

Dr. Leitner: Also Lungenentzündung! Da ist alles in Ordnung.
Und Sie waren ja in Kolumbien?
Draußen beginnt wieder die Stimme zu klagen.


VI.
Patient liegt mit entblößtem Oberkörper auf einer Liege. Es wird eine Ultraschalluntersuchung an ihm vorgenommen. Daneben sitzt ein Arzt, der in einen Monitor hineinschaut.


Patient: Und?
Dr. Schmied: Ja das schauen wir uns jetzt gleich an. Ein inflammabler Pseudotumor, sagt die Biopsie.
Patient: Aha?

Dr. Schmied: Schau ma einmal. Ist an sich nichts Gefährliches.
Sprüht das Gelee auf den Oberbauch des Patienten. Nimmt die Ultraschallmaus und beginnt den Oberbauch abzufahren. Schaut in den Monitor. Das Handy läutet. Der Arzt nimmt das Gespräch an:

Ja? Servus. Das ist gut. Ich hab’ Dienst bis 17 Uhr. Na, das sollte sich ausgehen! Ja, gut. Tschüss.
Zum Patienten:
So, jetzt schau ma.
Das Handy läutet wieder. Er hebt wieder ab:

Schmied. Ja, grüßi, Herr Professor. Nein, es sind noch nicht alle Befunde da. Hab ich mir auch gedacht, nur die retroperitonealen Lymphknoten müssen halt noch eingearbeitet werden.
Hört zu und dreht am Körper des Patienten seine Runden.

Na ja, ich schätz’ in zwei Wochen. Mit dem Redaktionsschluss geht sich das aus. Mach ich gerne. Auf Wiedersehen.
Zum Patienten.

Das ist eine Qual, gell, mit dem Handy, man hat keine Ruhe. Man kann sich nicht einmal auf den Patienten konzentrieren.
Handy läutet ein drittes Mal.

Herrgott noch einmal! Schmied?! Servus. Morgen, ja um sechs. Ich weiß keinen vierten. Geh super danke. Servus.
Zum Patienten.

So jetzt aber, jetzt heb ich nicht mehr ab.
Schaut konzentriert in den Monitor, kreist weiter.
Also ihre Stelle auf der Leber habe ich. (Kreist noch mal.) Sollten wir in drei Monaten nochmal anschauen. Dürft’ nix Besonderes sein.
Kreist jetzt woanders.

Aber was das ist, ist mir nicht ganz klar, schaut aus wie eine Zyste. Das sollten wir uns genauer anschauen.
Zum Patienten:

Warten’S ein bisserl, ich hol’ einen Kollegen.


Ende