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das ende eines vorurteils

Geschichten vom Balkan handeln nicht zwingend von Autodiebstahl


Dragana Tomaševic, Birgit Pölzl und Robert Reithofer: Frauen schreiben. Positionen aus Südosteuropa.

Graz: Verlag Leykam 2006

Rezensiert von: cornelia schuss


„Ja, der Balkan […], das ist unbestritten ein männlicher Kontinent.“ – So lässt es die serbische Autorin Judita Šalgo ihre Protagonistin Bertha Pappenheim im Roman Reise nach Birobidschan ausdrücken.

Was ist der Balkan? Ein Konglomerat aus unzähligen Völkern, Sprachen, Religionen? Ein Krisenherd? Ein Zukunftsmarkt für Investoren? Eine Region, wo immer noch die Patriarchen und Clan-Oberhäupter das Sagen haben? Wer im Klischee bleibt, versäumt viel. Zu entdecken gibt es in Südosteuropa nämlich einiges, und auch zu verstehen, zu lernen, zu hinterfragen. Eine Entdeckung ist jedenfalls die aktive weibliche Literaturszene in den Ländern des Balkans, die mit ihren Romanen, Essays, mit ihrer Lyrik und ihren Kurzgeschichten Einblicke in Geschichte, Kultur und Alltag gewähren. Kostproben dieses Reichtums finden sich im Band Frauen schreiben. Positionen aus Südosteuropa. Von Albanien bis Bulgarien, von Slowenien bis in die Türkei lernt man hier Kritikerinnen, Feministinnen und Beobachterinnen kennen. Ihnen fehlt zwar oft die Lobby, um zu grö0erer Bekanntheit zu gelangen, nicht jedoch das kreative Potential. Begleitet von Texten über geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklungen, über Ablehnung und Akzeptanz ihres Schaffens, entwerfen die Schriftstellerinnen des Balkans in diesem Sammelband das Kaleidoskop eines vielschichtigen Lebens. Bald zeigt sich auch, dass der Balkan und das restliche Europa weit weniger unterschiedlich sind als gedacht, und dass gerade Literatur, besonders wenn sie von südosteuropäischen Weltbürgerinnen verfasst ist, eine Brücke sein kann. Die Bulgarin  Tzveta Sofronieva drückt es so aus:


Denn das Gesamteuropäische und damit das Fremde in dem Eigenen und das Eigene in dem Fremden, und was daraus wird, die Enttäuschungen, die neuen Versuche einer Suche und die Müdigkeit neu anzufangen, die Unkenntnis, wie anzufangen, das alles ist Frauen hier nicht unbekannt.


Den Texten ist bei aller Unterschiedlichkeit der Darstellung doch eine spezifisch weibliche Sicht auf die Dinge gemein. Und das führt zurück zum eingangs erwähnten Roman Reise nach Birobidschan, von dem ein Ausschnitt in Frauen schreiben abgedruckt ist. Am Beispiel Bertha Pappenheims, die als Anna O. zu einer der berühmtesten Patientinnen Sigmund Freuds wurde, entwirft Judita Šalgo das Bild einer krankhaften Gesellschaft, wo für Frauen erst durch die Hysterie so etwas wie Freiheit und Aufbegehren möglich wird. Im Romanauszug reist Bertha Pappenheim, von ihrer „Krankheit“ geheilt, durch Ungarn und trifft auch dort auf Frauen, die sich mit dem Einordnen in die Gesellschaft schwer tun:


Weil es der Zufall so will, oder weil alle menschlichen Gesichter der Landschaft  ihrer Heimat ähneln, ist dieses breit, flach und darin geübt, nichts auszudrücken, oder zumindest nicht das, was es fühlt oder denkt, es versteckt alles hinter seiner Fassade.


Die Zeit des Versteckens für die ambitionierte weibliche Literaturszene im Südosten Europas sollte nun vorbei sein. Ein männlicher Kontinent bekommt endgültig seinen weiblichen Stempel aufgedrückt. „Bitte sehr, gnädige Frau, so beginnt der Balkan“, teilt der Schaffner Bertha Pappenheim mit. Na dann: Alles einsteigen bitte!