schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 14 - patient spezial das performte wort, gedruckt
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/14-patient-spezial/das-performte-wort-gedruckt

das performte wort, gedruckt

Die Anthologie „textstrom“ bietet Poetry Slam in Buchform


Diana Köhle und Mieze Medusa (Hg.): textstrom. Poetry Slam – Slam Poetry

Wien: Edition Aramo 2006

Rezensiert von: christoph d. weiermair


maunche tog san schee und maunche tog san schiach, des is jo fost genauso wia mit de leit!

Recht hat er. Und in ein Buch hat es Didi Sommer auch geschafft mit diesem tiefsinnigen Sager. Wie ein gutes Dutzend anderer Slammerinnen und Slammer ist er mit seinen Beiträgen in der 2006 erschienenen Anthologie textstrom vertreten. Sie vereint Kurzprosa, Rhythmisches und Lyrisches, Alltagsbeobachtungen und Science Fiction, Intellektuelles und Triviales, Schwermütiges und Leichtlebiges von jungen Sprachartisten aus ganz Österreich. textstrom ist aber nicht bloß Publikation, sondern vor allem ein Poetry Slam, der seit gut zwei Jahren regelmäßig in Wien stattfindet.
Antreten und um die Gunst des Publikums rittern darf bei den Slams prinzipiell jeder, der öffentlich Texte zum Besten geben will. Die Regeln allerdings sind streng: Keine Kostüme, keine Requisite. Was bleibt sind Text, Stimme und die eigene Performance. Und fünf Minuten Zeit. Bei Zeitübertretung drohen Punkteabzüge, eine Publikumsjury wertet mit Schautafeln. Der Eintritt ist frei, zur Präsentation von etwaigen Veröffentlichungen steht ein Büchertisch bereit. Als Preis für die Gewinner winken Anerkennung, Applaus und traditionell Alkohol. Geld gibt es nur in den seltensten Fällen.

„Mit dieser Anthologie wollen wir allen Fans, Interessierten und natürlich den SlammerInnen selbst Gelegenheit geben, das Genre Slamtext mal schriftlich, mit Zeit zum Lesen und Wiederlesen, kennen zu lernen. Die Performance liegt in diesem Fall zwischen den Zeilen“, sagen die Herausgeberinnen und textstrom-Veranstalterinnen Mieze Medusa und Diane Köhle.
Die Performance zwischen den Zeilen zu finden, ist bisweilen schwer. Wer allerdings bereit ist, Texte laut zu interpretieren, wird seine Freude haben. Fotos und Kurzportraits verschaffen einen Eindruck von der jungen Community der textstrom-Slammer. Die Fülle der Texte und Darstellungsformen macht es dem Re¬zensenten schwer, einen roten Faden zu finden, ganz zu schweigen davon, alle und alles über einen Kamm zu scheren. So manches in textstrom er¬innert an die hierzulande weit verbreitete und ach so schicke Möchtegern-Gesellschaftskritik à la FM4, der Gutteil der Texte erweist sich aber sowohl in Form und Inhalt als qualitativ hochwertiger.

Ein Beispiel dafür liefert Jörg Zemmler, Sieger der textstrom-Saison 2005. Sein selbstbildnis ist ein durchkonstruiertes, selbstironisches Sprachspiel, das man laut vorlesen sollten:

am liebsten zu ich hecken hacken, den garten warten […] und leider unter xenophobiephobie und küssenmüssen bzw. ficktick […] ich denke, ich komme ins haarspalteralter […] der schlichte dichter / der zemmler, der penner.

„Den Kopf verdreht bekommen ist irgendwie pervers“, meint ein Slam-Kollege namens „Grammadig“ und erzählt von einem heißen Pasta-Essen mit einer scharfen Neon-Redakteurin, die den Kopf verkehrtrum trägt. Am Ende ist ihr „wahrscheinlich […] beim Oralsex vom Durex-Benzocaine auf meinem Lümmel die Zunge geschwollen.“ „Grammadig“ fordert: „Macht was draus, Nachwuchsregisseure.“
Es hieße zum Beispiel Flipflop und Pingpong, und nicht Flipflip und Pingping und wenn man nur oft genug Flipflop sage, und das sage man bis Mitte zwanzig garantiert mindestens hunderttausendmal, sei man schon genügend gehirngewaschen, um ihnen zu glauben dass man immer zu zweit sein müsse.

Der Innsbrucker Markus Fritz macht sich auf die Suche nach den kulturellen Wurzeln der Zweisamkeit und findet diese prompt im Pfandflaschensystem begründet. Ein Slammer namens „KYN“ verwurstet in seiner Ballade vom festen Esser (Ballad Blad) die Spezialitäten der österreichischen Küche: „er blutwurstet er grillhendlt er kaiserfleischt de zähnt – […] er cordonbleut er surschnitzelt er beefsteckt in da tia“.
Noch pikanter wird’s, wenn Slammer Markus Köhle seine 11 ehrenwerten Wünsche äußert. Unter anderem: „Ich will Scholfgang Wüssel am Züssel rupfen.“ Oder: „Ich will Fenita Berrero die Presse folieren.“ Und nicht zuletzt „Ich will Harl Keinz Fasser arschgicken“.
Wirklich Politisches lässt die Anthologie vermissen. Das Spielen mit Lauten und Wörtern, das Hantieren mit Begriffen und das Rütteln an Realitäten hat wohl eher das Ziel, persönliche Erfahrungen zu verarbeiten und das Publikum zu unterhalten. Die angeheizte Wettbewerbsstimmung bleibt dem Leser der gedruckten Edition bedauernswerterweise genauso verwehrt wie das individuelle Vortragen der jeweiligen Geistesmütter und -väter. Eine Audio-Edition wäre der Sache wohl insgesamt gerechter geworden.

Wer noch nie bei einem Poetry Slam war, sollte jedenfalls keine traditionelle Lesung erwarten. Die waren schon dem Erfinder, Marc Kelly Smith, zu langweilig. Der Chicagoer veranstaltet 1986 den ersten Poetry Slam in „The Green Mill“, wo auch heute noch jeden Sonntag der „Uptown Poetry Slam“ stattfindet. Ein Gottesdienst der anderen Art, gewissermaßen.