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der geist des büffels

andrea hiller , jürgen plank | der geist des büffels

Der Blackfoot Pablo Russell über den Sonnentanz oder: Was Indianer tun, wenn eine Verkühlung im Anmarsch ist

Die Blackfoot waren bis vor rund 300 Jahren halbnomadische Jäger und Sammler in einem Gebiet westlich der großen Seen. Anfang des 17. Jahrhunderts wichen sie den Algonkin und der beginnenden Kolonisierung Nordamerikas und zogen gen Westen, wo sie auch heute leben: Im US-Bundesstaat Montana und in der kanadischen Provinz Alberta.

Pablo Russell ist Blackfoot Blood und lebt in der Stadt Calgary. Seine Familie zeigt im Kleinen einen Prozess von Assimilierung und Revitalisierung: Seine Eltern wurden an einer katholischen Schule erzogen. Der 1965 geborene Pablo besinnt sich im Alter von 20 Jahren seiner indigenen Wurzeln und wendet sich dem Sonnentanz zu.

Der Sonnentanz, von den Blackfoot auch ookaán oder medicine lodge ceremony genannt, ist das heiligste Ritual der amerikanischen Plains-Indianer und das größte Mysterium der indianischen Spiritualität. Er führt die Teilnehmer an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit.  Alkohol ist in dieser Zeit tabu, die Rückkehr in die indianische Spiritualität kann von daher auch als Entzugsprogramm gesehen werden, denn Alkoholismus ist zusammen mit Arbeitslosigkeit nach wie vor eines der größten Probleme nordamerikanischer Indianer. Auch für Russell war der Sonnentanz ein Schritt aus der Sucht.

Der ookaán findet alljährlich im Sommer statt. In der Mitte des arbor, des Tanzplatzes, wird ein sorgfältig ausgesuchter „Lebensbaum“ aufgestellt. Er symbolisiert für die Tänzer die Verbindung zum „Creator“, zum Schöpfer.

Vier Tage vor Beginn des Sonnentanzes wird gefastet und in der Schwitzhütte gebetet. Während des ebenfalls vier Tage und Nächte dauernden Tanzes darf weder gegessen noch getrunken werden. Intensive Gebete während des Tanzes heben die Teilnehmer über das Leiden hinaus. Jeder Stamm hat seine eigenen Sonnentanzlieder, die mündlich weitergegeben und von Trommeln begleitet werden.

Anwesende Freunde und Verwandte beten und fasten mit den Sonnentänzern, die nicht für ihr eigenes Heil tanzen, sondern für Kranke und sich gleichsam für das Wohl der ganzen Welt opfern. Ein Opfer mehr ist das piercing. Dabei wird die Haut an der Brust mit einem Messer durchbohrt, in die Wunde wird ein Hölzchen oder ein Knochen gesteckt. Daran befestigte Seile verbinden den Tänzer mit einem Baum. Nun tanzt der Tänzer so lange hin und her, bis das Fleisch durchreißt. Es gibt auch ein Rückenpiercing: Dem Tänzer werden dabei Büffelköpfe angebunden, die ebenfalls gezogen werden, bis die Haut reißt. Auf geheimnisvolle Weise erfahren Kranke dadurch Heilung.

Sein eigenes, während des Sonnentanzes zu ertragendes Leid relativiert ein Blackfoot, der für sein an Leukämie erkrankten Kind tanzt, wie folgt: „Was ist mein Leiden für wenige Tage im Vergleich dazu, dass meine Tochter von Leukämie geheilt wird?“


Ein Mann werden
„Beim Durchbrechen des piercings habe ich mich der Sonne zugewandt und gesagt: Heute habe ich etwas getan, um ein Mann zu werden“, erzählt Pablo Russell im Gespräch über seinen ersten ookaán im Jahr 1985. Im darauf folgenden Jahr machen auch seine Eltern beim Sonnentanz mit. Der Sonnentanz hat bei den Blackfoot in den letzten Jahrzehnten ein Revival erfahren und steht inzwischen – einer Vision des Blackfoot-Chief Morris Crow Spreading Wings folgend – Interessierten aus aller Welt offen.


Wie sieht das Blackfoot Blood-Konzept von Krankheit und Gesundheit aus?

Eine Krankheit kann vieles sein, es heißt einfach, dass man nicht gesund ist. Man kann Krebs, Herz- und Lungenkrankheiten oder Arthritis haben. Krankheiten können emotional sein, man hat Narben von früheren Beziehungen, das kann auch eine Krankheit sein. Man kann von Lehrern oder Priestern missbraucht worden sein, spirituell – und es fällt einem daher schwer, jemandem zu vertrauen. Manche sind mental krank und leben in ihrer eigenen Welt. Das sind alles Krankheiten, und manchmal stehen sie miteinander in Verbindung. Man muss zur Wurzel der Krankheit gehen und mit dem psychologischen Aspekt der Krankheit arbeiten. Man kann die physische Krankheit bekämpfen, aber sie wird wieder auftauchen. Also muss man tiefer graben und herausfinden, wo die Wurzel dafür liegt.


Was würde also passieren, wenn ein Blackfoot Blood z.B. eine sozial und emotional begründete Krankheit hat?

Wenn man emotional krank ist, wird das auch soziale Auswirkungen haben, das geht Hand in Hand. Für uns wäre eine Heilmöglichkeit, diese Person in Gesellschaft mit positiv denkenden und positiv handelnden Menschen zu bringen. Vielleicht innerhalb einer Organisation: Dieser Mensch könnte lernen, sich zu verändern, und lernen, wie es ist, von anderen Menschen akzeptiert zu werden. Wenn dieser Mensch akzeptiert wird, wird er sich ändern, denn vielleicht fehlt ja nur die soziale Gabe, zusammen zu arbeiten oder miteinander zu leben. Jemanden in eine Gruppe einzubinden, die positiv denkt, beeinflusst jeden. Mit der Zeit wird dieser Mensch sich einer Gruppe zugehörig fühlen.

Oder man geht es auf psychologische Weise an und sagt der Person, worauf sie achten muss. Manche Menschen müssen angeleitet werden, weil sie es selbst nicht besser wissen. Sich selbst und anderen zu vergeben und sich selbst zu lieben. Sobald das passiert ist, lösen sich die Dinge manchmal wie von selbst.


Wie sind der Rauch und die Pfeife im Zusammenhang mit traditioneller Heilkunst der Blackfoot Blood zu sehen?

Nun, der Rauch symbolisiert, dass die Ahnen anwesend sind, während man raucht. Wir fragen sie um Hilfe, wir laden sie ein und wir machen unsere Zeremonien. Der Rauch ist wie eine Bezahlung.


Eine Bezahlung?

Ja, fürs Kommen. Die Ahnen kommen nicht einfach so. Wenn sie ihre Hilfe beendet haben, geben wir ihnen Rauch – wir rauchen miteinander. Mit unserem Geist und mit dem Creator. Jeder raucht mit, wenn wir rauchen. Wenn wir Beeren pflücken oder Wurzeln ausgraben, wenn wir ein Tier töten, opfern wir immer zuerst Tabak an Mutter Erde, bevor wir etwas von ihr nehmen.


Wie ist der Zusammenhang zwischen Tanzen, Gesängen und Heilen bei den Blackfoot?

Man singt für die Geister, und sie tanzen.

Beim Tanzen heilen sie Menschen: Man lädt sie ein und bittet sie, Kranke zu heilen. Dann trommelt und singt man für sie. Auf ihre ganz eigene Weise heilen sie Kranke, die in diesem Moment behandelt werden. Wir können nicht sagen, wie sie das machen. Sie haben ihre Wege dafür, und das respektieren wir. Es ist nicht gut, zu neugierig zu sein. Wir wissen nur, dass sie Menschen behandeln, und das genügt uns. Wie sie das machen, ist ein Mysterium.


Du machst seit rund 20 Jahren Sonnentanz und bist heute Sonnentanz-Leader. In welchem Fall von Krankheit wäre ein Sonnentanz eine gute Therapie?

Beim Sonnentanz opfert man seinen Körper dafür, dass eine Krankheit geheilt wird, egal ob sie einen selbst betrifft oder jemand anderen. Sobald dieser Schwur geleistet wurde und es offiziell ist, einen Sonnentanz zu machen, wird sich der Zustand der kranken Person auf wundersame Weise verbessern. Wenn der Sonnentanz beginnt, ist der Kranke schon auf einem guten Weg der Besserung. Dann muss man seinen Teil der Abmachung einhalten, man muss vier Tage lang tanzen, ohne Essen und ohne Wasser.

An diesem Punkt hört die Abmachung allerdings nicht auf, die Verpflichtung gilt für vier Jahre, und es ist ein sehr restriktives Leben und eine sehr traditionelle Art zu denken und zu leben. Man konzentriert sich auf die Entwicklung und die Veränderung des eigenen Charakters. Man erfährt viel über die spirituelle Welt. Man lernt nichts Mysteriöses. Da geht es um Fakten, man versteht die spirituelle Welt, man versteht sich selbst, und zu diesem Prozess gehört es dazu, dass man die Menschen versteht und versteht, warum man das alles macht. Und wenn das alles in einem Sonnentänzer reift, macht er nach den vier Jahren weiter und wird selbst zum Lehrer und beginnt, Menschen zu helfen.


War auch dein Weg so?

Ja. Ich war für viele Jahre Sonnentänzer, aber ich wollte nie zum Sonnentanz-Leader werden. Ich war sehr scheu und nicht sehr gesprächig. Was ich heute mache, ist ein ziemlicher Kontrast zu meiner Persönlichkeit. Ich bin ein ruhiger Typ, der gerne allein ist.


Stimmt es, dass du einer Vision folgst, die du gehabt hast: Dein Wissen, deine Traditionen zu Menschen in der ganzen Welt zu bringen?

Meine Vision war anders, sie lautet: Den Geist des Büffels zu den Menschen zu bringen. Damit sie die Kraft des Büffel haben können. Denn der Büffel ist das einzige Tier, das sich einem Sturm entgegenstellen kann. Es ist noch immer im Menschen, dass er sich den Stürmen des Lebens, seinen eigenen Stürmen stellen und vor diesen nicht immer davonlaufen soll. Meine Kultur und Tradition zu lehren, ist ein Nebenaspekt. Der wirkliche Grund, warum ich hier bin, ist, den Menschen den Büffel zu bringen. Damit sie sich dort verändern können, wo sie leben. Damit sie ihre Wurzeln hier finden können. Denn Europäer können keine Indianer sein. Die Pfeife hat hier auch keine Tradition. Aber der spirituelle Hintergrund von hier muss aufgeweckt werden. Die Menschen hier müssen auf ihre eigenen spirituellen Wurzeln schauen. Ihr habt eure eigenen Elfen und Heinzelmännchen, ihr habt eure Holz- und Wassergeister, eure Tiergeister. Eure eigenen Geister, gute wie böse. Ihr habt auch Trickster und all das. Ihr habt euren eigenen Weg, der euch vor langer Zeit etwa über Visionen gegeben wurde. Ich möchte euch nur zu verstehen helfen, wie ihr eure eigenen Geister wecken könnt, für eure und die nächste Generation.


Welchen Trickster haben die Blackfoot?

Wir haben einen Trickster namens Napi. Er war weiß, er war ein Albino, und er war sehr verrückt. Er war alles, was man nicht sein soll: Er war sehr selbstsüchtig, sehr arrogant, er war sehr habgierig, er hat gestohlen, er hat nur an sich selbst gedacht. Es gibt sehr lustige Geschichten über ihn, in denen er allerlei anstellt. Diese Geschichten erzählen wir den Kindern, damit sie auf lustige Weise lernen, wie man nicht selbstsüchtig und nicht habgierig ist und wie man nicht nur an sich denkt. Sie wachsen heran und lernen, dass es lustiger ist, nicht selbstsüchtig und habgierig zu sein. Das ist einfach dumm. Wir nennen das: Es ist nicht gut genug für dich. Es ist nicht richtig, so weit soll man nicht gehen. Die Kinder wachsen mit Ehrlichkeit und Bescheidenheit, Freundlichkeit und Großzügigkeit heran. Es wird den Kindern auch mitgegeben, zu teilen. Sie wachsen also mit einem Bewusstsein für den „richtigen Weg“ auf.


Was lehrst du die Menschen in deinen Workshops?

Es geht um die Eigenentwicklung. Auf sich selbst zu schauen. Es geht um die vier Teile, die den Menschen zum Menschen machen: Der mentale, der emotionale, der physische und der spirituelle Teil, die alle verschieden sind. Es geht um einen möglichen Lebensweg. Anhand von Diagramme, den so genannten Medizinrädern, zeige ich, was den Menschen möglicherweise fehlt. Und ich erzähle ein wenig über die Geschichte, Geschichten und Lieder der Blackfoot.


Was macht ein Blackfoot Blood heute, der eine Verkühlung hat?

Ich weiß, was ich tun würde: Ich habe schon seit sieben Jahren keine Verkühlung mehr gehabt, denn ich mache Atemübungen, die meinen Rückgrat-Kanal öffnen, den sechsten Sinne entwickeln helfen und auch den Hals-Nasen-Ohren-Bereich öffnen. Wenn jemand mit einer Verkühlung zu mir kommt, gibt es vieles, was man verwenden kann: Pfefferminze und verschiedene Tees und Salben, die aus Wurzeln gemacht werden.


Dauert deine Ausbildung über Heilpflanzen noch an?

Meine Ausbildung in diesem Bereich wächst und ist beinahe abgeschlossen, aber ich lerne noch immer von den alten Menschen. Zusätzlich zum Sonnentanz lehre ich auch über Pflanzen und Heilkräuter und über die Geister der Heilkräuter und wie man die Energie der Heilkräuter auf die Teile des Körpers lenkt, wo sie gebraucht wird. Du kannst jemandem Salbeitee geben, ohne dem Geist des Salbeis zu sagen, etwas Bestimmtes zu vollbringen. Man muss genau sein, wenn es um Pflanzen und Kräuter geht. Man muss bestimmt sein, wenn man um etwas bittet. Man darf nicht vage sein. Es muss schwarz oder weiß sein, nicht grau. Das ist ein ganz anderer Bereich, aber es gehört zur Ausbildung eines Sonnentänzers dazu: Wie man Pflanzen erntet, wie sie aussehen, wie man sie verwendet, wie man mit ihnen betet, wie man den Geist der Pflanze, die Mutter Erde und den Creator bittet. All das gehört zum Sonnentanz. Das ist ein Teil, und es gibt auch einen sozialen, einen psychologischen, einen physischen und einen heilenden Aspekt. Es gibt noch weitere Aspekte, die zum Sein eines Sonnentänzers gehören: Da gibt es den Kriegeraspekt und den Jägeraspekt. All das steht in Zusammenhang. Die Frauen bekommen ganz anderen Unterricht in Bezug auf die Pflanzen, eigentlich sammeln sie die Pflanzen.


Ist das für Männer nicht erlaubt?

Männer sammeln auch Pflanzen, aber die Frauen haben eine stärkere Verbindung zu Mutter Erde, weil sie gebären. Also ist es nur richtig, dass die Frauen die Heilkräuter ernten. Von Frauen geerntete und aufbereitete Pflanzen haben eine stärkere Wirkung als von Männern gepflückte Pflanzen, weil sie mehr Sorgfalt, mehr Weiblichkeit, mehr Geduld beim Pflücken der Heilkräuter aufwenden. Das ist eine eigene Energie, das ist eine Gnade und das ist wunderschön. Ich danke dem Creator dafür, dass er darauf achtet.