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der öffentliche patient

eleonore zorn | der öffentliche patient

Über Sinn und Zweck moderner Inneneinrichtung

Frau Schmitt ist krank. Das ist ihr peinlich. Ihr Image als flotte Mittfünfzigerin leidet darunter, besonders im Büro. Unter keinen Umständen möchte sie, dass die jüngeren Kollegen sie für nicht mehr belastbar halten. Sie tut ja auch alles, um gesund zu bleiben, macht Yoga, ernährt sich vollwertig, geht ins Fitness-Studio, achtet auf ihr Gewicht. Umso mehr ärgert es sie, dass ihr Körper anfängt, da und dort zu schwächeln.

Sie war seit Jahren nicht mehr beim Arzt, warum auch. Es ging ihr ja gut. Aber jetzt macht sie sich wild entschlossen auf den Weg. Zuerst zum Zahnarzt. Schon von außen sieht sie, dass ihr guter alter Zahnarzt nun ein neues, glänzendes, schlecht lesbares Praxisschild hat. Als sie die Praxis betritt, stellt sie fest, dass das gemütliche Wartezimmer von früher einem „Rezeptionsdesk“ gewichen ist. Diese Anmeldeinsel steht inmitten der verschiedenen Sitzgelegenheiten, die im Halbkreis angeordnet sind. Die nette Dame hinter dem Computerbildschirm bittet um die Angabe der Krankenkasse, der Zusatzkrankenkasse und des letzten Zahnarzttermins. Dann möchte sie noch genauestens wissen, was denn Frau Schmitt heute hierher führt. Frau Schmitt hatte nicht vor, ihre Zahnersatzprobleme zu einer öffentlichen Angelegenheit zu machen. Verstohlen schaut sie sich um, sucht Rückzugsmöglichkeiten. Ein paar Grünpflanzen geben zwar Sichtschutz vor den anderen Patienten, am Mithören wird jedoch keiner gehindert. Schweiß steht ihr auf der Stirn, als sie etwas verschlüsselt angibt, dass die obere Vollprothese eine Unterfütterung braucht. Ach, das ist kein Problem, flötet die junge Dame, das machen wir an einem Tag. Sie lassen uns das Teil da, wir machen einen Abdruck, und am Abend können sie ihre Prothese schon wieder abholen.

Zwei Tage später, Frau Schmitt hat den Vorfall beim Zahnarzt kaum verkraftet, erlebt sie beim Augenarzt die gleiche Situation: Grau-weiß-rosa durchgestylte Praxis. Die Rezeption (der Begriff geht ihr schon flott von den Lippen, obwohl er sie an Hotels erinnert), Warte-Inseln, Sehschärfenprüfgerät, alles gemütlich versammelt in einem großen Raum. Selbstverständlich auch hier ein halbherziger Sichtschutz aus Grünpflanzen. Aber wer schützt die Ohren? Nachdem die Mitpatienten das bedauerliche Nachlassen von Frau Schmitts Sehkraft zur Kenntnis genommen haben, werden sie auch noch Zeuge eines Notfalls, der sich weigert, die Ursache seiner Augenverletzung öffentlich bekanntzugeben. Die Rezeptionistin ist irritiert. Das war nicht vorgesehen in ihrer Ausbildung. Geduldig fragt sie nach, aber der Patient besteht darauf, dass er Genaueres nur dem Arzt im Sprechzimmer sagen möchte. Gibt es nicht eine ärztliche Schweigepflicht? Soll er sein Leiden ohne Anlass öffentlich machen? Wen geht das was an, fragt er. Die Arzthelferin gibt auf. Die wartenden Patienten rascheln mit den bunten Blättern, sind aus ihrer Tratsch- und Klatschlektüre gerissen, weil diese Unterhaltung ihnen zu denken gibt. Sind wir nicht eine große Familie, die die Krankheit zusammenschmiedet, mögen die einen denken. Zu den anderen gehört Frau Schmitt, die gerade beschließt, den Grund ihres Hierseins auf einen Zettel zu schreiben, damit die brillenlose junge Dame ihn nur noch abzuschreiben braucht. Da ist sie aber längst nicht aus dem Schneider. Schon bittet die Helferin Frau Schmitt an das Sehschärfengerät hinter einer Blattpflanze im Warteraum. Die Ergebnisse der Untersuchung teilt sie schallend der Kollegin am Computer mit, die alles gewissenhaft erfasst. Tja, nun können sich die Mithörer drei und drei zusammenzählen: Frau Schmitt ist auch nicht mehr, was sie früher war. Ihre Sehrschärfe hat merklich nachgelassen. Endlich beim Doktor im Sprechzimmer, hofft sie auf Verständnis für ihren Wunsch nach Privatheit. Aber Frau Schmitt, sagt dieser, was ist denn peinlich an einer Sehschwäche? Er springt hinaus zur Rezeption und diktiert direkt in den Computer, dass Frau Schmitt eine Lesebrille der Stärke ± soundsoviel braucht und dass außerdem der Augendruck ein bisschen hoch ist. Das wollen wir uns in vier Wochen noch mal anschauen, sagt er zu Frau Schmitt, die gerade einen Bekannten aus dem Fitnessstudio unter den Wartenden entdeckt hat.

Sie kommt sich gebrandmarkt vor als eine, die nicht nur zu der Gruppe der Fünfzigplus-Generation gehört, sondern auch zu der Gruppe der Menschen, die allmählich ihre Jugendlichkeit durch Ersatzteile stützen lassen müssen. Eigentlich würde sie sich jetzt gerne in einem Fachgeschäft beraten lassen, ob Kontaktlinsen für sie eine Lösung wären, da sie in der Firma nicht gerne früher als nötig ihre Sehschwäche zur Schau tragen möchte, aber die Sorge, dass auch dort „Tag der offenen Tür“ sein könnte, hält sie vorläufig davon ab.

Als sie abends ihren Frust in einem Telefongespräch mit ihrer besten Freundin abladen will, lacht diese nur und erzählt, dass sie gestern beim Hausarzt war. Anschaulich berichtet sie, wie dort ihre soeben vom Labor eingetroffenen Cholesterinwerte, ihre sonstigen Ergebnisse wie auch ihr Blutdruck von der Praxishilfe laut ins Wartezimmer gerufen wurden. Na ja, vorzeigbar sind sie ja Gott sei Dank, meine Werte, tröstet sich die Freundin. Da sie lange gewartet hatte, wurde sie Zeuge von Verhandlungen über Krankschreibungen, über Medikamente und Blutzuckerwerte. Ein Heer von Mühseligen und Beladenen umgab sie, und sie fühlte sich schon ganz krank vom Zuhören. Das Schöne war, dass ihre eigene Unpässlichkeit ihr nach einer Stunde Wartezeit völlig belanglos vorkam.

Sie weiß nun, dass der Rektor ihrer Schule Diabetes hat und die Bäckereiverkäuferin Haarausfall. Frau M. nimmt Hormone gegen die Hitzewallungen (ist die denn schon so weit, die sieht doch noch so jung aus?) und die achtzehnjährige Melanie ist weinend aus dem Wartezimmer gekommen, nachdem sie bestimmte Laborergebnisse erfahren hatte.

Aber will ich denn das alles wissen?, fragt sich Frau Schmitts Freundin. Nein, ich jedenfalls will das alles nicht wissen, meint Frau Schmitt am anderen Ende der Leitung. Ich habe genug zu tun mit meinen Problemen. Soll ich mir denn nach jedem Arztbesuch auch noch Gedanken um die Zipperlein der anderen machen?

Frau Schmitt ist nicht gewillt, sich mit diesen Verhältnissen abzufinden. Sie setzt sich zu Hause an den Computer und schreibt einen Brief an den Augenarzt, den Zahnarzt, den Hausarzt. Wenigstens nachdenken sollen sie über ihren Wunsch nach Diskretion. Danach fühlt sie sich etwas besser, ein Teil ihrer Wut ist verraucht.

Wenn nur nächstes Mal keiner von der Firma im Wartezimmer ist, überlegt sie schon jetzt voll Sorge. Wo man doch heutzutage so schnell zum alten Eisen gerechnet wird. Ein paar Jahre noch möchte sie gerne als gut erhaltene 50-plus gelten, wenigstens optisch gesehen. Wenn es auch da und dort zwickt und zwackt, so will sie diese Einschränkungen doch nicht vor der Zeit zu einem öffentlichen Thema machen. So gut sind die Zeiten ja nicht auf dem Arbeitsmarkt.

Gab es nicht vor Urzeiten einmal so etwas wie eine „ärztliche Schweigepflicht“? Ach ja, das war damals, als es noch Wartezimmer mit geschlossenen Türen und Ärzte gab, die sich Notizen von Hand machten und sie nach Dienstschluss unter Ausschluss der Öffentlichkeit diktierten oder gar selbst in die Patientenakten schrieben.

Ich werde alt, denkt Frau Schmitt, ich trauere früheren Zeiten nach. Das darf nicht zur Gewohnheit werden, sagt sie sich und beschließt, nochmals über Sinn und Zweck moderner Inneneinrichtung nachzudenken.