schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 14 - patient spezial ein normaler dienstleister
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/14-patient-spezial/ein-normaler-dienstleister

werner schandor | ein normaler dienstleister

Gespräch mit einem Chirurgen über das Handwerk des Heilens und die Selbstdefinition von Ärzten im Wandel der Zeit

Der Grazer Helmut Müller wusste bereits 1977, als er 12 Jahre alt war, dass er Arzt werden wollte. Seit 1993 steht er als Facharzt für Chirurgie im OP. Sein Schwerpunkt ist die Organtransplantation, insbesondere die Transplantation von Niere, Herz und Lunge. Mit diesem Thema befasst er sich auch in Forschungsarbeiten. Der habilitierte Mediziner arbeitet an der Universitätsklinik Graz, wo er an der Abteilung für Transplantationschirurgie die Arbeitsgruppen Nierentransplantation und Lungen-/Herz-Lungentransplantation leitet, und er lehrt an der Medizinischen Universität Graz. Werner Schandor sprach mit dem befreundeten Chirurgen über das Handwerk des Heilens, das im Wandel begriffene Selbstbild des Arztes und die Kritik der Alternativmedizin an der Schulmedizin.


Wie ist deine Selbstdefinition als Mediziner: Bist du mehr Heiler oder mehr Handwerker, der am Körper arbeitet?

Eigentlich beides, weil man gerade als Chirurg durch sein Handwerk natürlich wesentliche Punkte des Heilungsprozesses beeinflusst oder beeinflussen soll, und weil man sowohl vor als auch nach einer Operation die Patienten begleitet. Teilweise ist man beim Prozess des Heilens nur ein Zusehender – wenn es gut läuft –, und manchmal kann man als Chirurg den Heilungsverlauf sehr stark auf sich und seine Tätigkeit beziehen, wenn man eben ein sehr gut umrissenes organisches Problem vorher erkannt hat und dann mittels einer Operation beseitigt oder zumindest verbessert.


Wie kommt es, dass es Leute gibt, die  so wie du Organe verpflanzen, und Leuten wie mir wird schon schlecht, wenn sie sich nur aufritzen und Blut sehen?

Erstens gibt es da, glaube ich, unterschiedliche Grundtemperamente, also es gibt Leute, denen das von vornherein weniger ausmacht als anderen. Wer den Beruf des Mediziners wählt, ist üblicherweise schon einmal jemand, der von sich selbst annimmt, dass ihm das nicht so viel macht wie vielleicht dem Durchschnitt. Und das Zweite ist, dass man in den langen Jahren der Ausbildung wirklich sehr sachte dahin geführt wird. Man fangt ja nicht von vorne mit dem Intensivsten an, sondern da gibt es zuerst einmal theoretische Vorbereitungen, dann die ersten Sezierkurse, wo zunächst nur mit Teilen eines menschlichen Körpers gearbeitet wird. Im zweiten Studienabschnitt kommt dann das Pathologiepraktikum, wo man das erste Mal mit ganzen verstorbenen Menschen zu tun hat. Das sind natürlich auch Eck- und Wendepunkte im Rahmen des Studiums, wo es immer wieder Leute gibt, die merken: „Dafür bin ich nicht geschaffen“, und die dann auch aufhören, Medizin zu studieren.

Für diejenigen, die weitermachen, sind das Etappen auf dem langen Weg, sich daran zu gewöhnen, und trotzdem ist es natürlich auch so, dass unter den fertigen Medizinern sehr große Unterschiede bestehen. Es gibt Mediziner, die froh sind, dass sie die invasiven Geschichten hinter sich haben, und es gibt andere, die das fasziniert. Mich persönlich fasziniert die Möglichkeit, durch makroskopisch feststellbare Manipulationen im Körper und am Körper zum Teil sehr ausgeprägte Verbesserungen von Krankheiten erreichen zu können. Das finde ich wahnsinnig toll, und der Beruf des Chirurgen ist insofern sehr befriedigend, als man sehr oft Heilungsvorgänge wirklich auf sich selbst und seine Tätigkeit beziehen kann. Wenn man zum Beispiel Unfallchirurg ist und man wird mit einem offenen Unterschenkelbruch konfrontiert, wo die Knochensplitter in alle Richtungen stehen und unter Umständen sogar das Bein unterhalb davon und der Fuß gefährdet ist, und dann schafft man es, in einer längeren Operation das so zu rekonstruieren, dass es wieder zusammenheilt und der Mensch nach seiner Rehabilitation kaum eine Einschränkung hat: Dann ist man ganz einfach Stolz darauf, was man mit dieser Operation erreicht hat. Weil man aus Erfahrung und auch aus der Theorie heraus weiß, wenn man diese Operation nicht gemacht hätte oder wenn sie nicht so gut verlaufen wäre, dann wäre es zu einem massiven Defekt gekommen, und das Bein hätte abgenommen werden müssen.


Wie lange dauern Transplantationen im Schnitt und wie schafft man es, die erforderliche intensive Konzentration so lange zu halten?

Die Operationsdauer ist äußerst unterschiedlich. Wenn wir uns auf das Gebiet der Transplantation so genannten parenchymatösen Organe – also innerer Organe –, beschränken, dann haben wir Herz und Lunge, manchmal auch Herz und Lunge im Block, die Leber, die Bauchspeicheldrüse, die Niere und den Dünndarm. Die Operationsdauer ist für die einzelnen Operationen sehr unterschiedlich. Ich kann Durchschnittswerte angeben: Fürs Herz braucht man ca. 3 Stunden, für die Lunge bei einer einseitigen Transplantation ca. 2 Stunden, für die Leber 6 bis 7 Stunden, Bauchspeicheldrüse: ca. 3 Stunden; Niere ist eigentlich das einfachste und kürzeste, das kann man in 1 1/2 Stunden schaffen, aber der Durchschnitt ist ca. 2 1/2 Stunden. Dünndarmtransplantationen sind wieder aufwendiger, die sind oft kombiniert mit Lebertransplantationen, das sind dann so 5-stündige Eingriffe. Herz-Lunge ist auch eine eher aufwendige Geschichte, dafür muss man 5 bis 8 Stunden rechnen.


Wie hält man da die Konzentration?

Operationen sind nicht immer und zu jedem Zeitpunkt gleich intensiv und gleich schwierig. Es gibt gewisse Operationsteile, wie der Hautschnitt und das Eröffnen von Brustkorb oder Bauch, die nicht extrem viel Konzentration erfordern für jemanden, der routiniert ist. Die Teile, die diffiziler sind, das sind die so genannten Anastomosen, also das Zusammennähen von Strukturen wie Blutgefäßen oder Harnleiter oder Gallengang oder Bronchien oder Darmstücken. Das sind die Teile der Operation, die technisch am schwierigsten sind, und die Erfolg oder Misserfolg der Operation ausmachen. Wenn da alles gut geht, dann machen kleine Komplikationen, die danach eventuell auftreten können, nicht so viel aus. Wenn aber bei den Anastomosen, also bei der Verbindung des Organs mit dem „Wirtsorganismus“, irgendetwas nicht funktioniert, dann ist oft der gesamte Operationserfolg bedroht.

Die Konzentration über längere Zeit hinweg ist natürlich auch eine Gewöhnungssache. Und zudem löst die Tatsache, dass man am Menschen operiert, natürlich einen sehr intensiven Zustand aus, der einen sicher auch sehr stark motiviert. Es ist einfach so, dass man innerlich weiß, es ist wichtig, was ich mache, und dadurch muss man sich nicht bewusst dazu entschließen, sich zu konzentrieren, sondern das tut man mehr oder weniger von selbst.


Viele Dinge, die Mediziner heute vollbringen, hätten vor 100 Jahren noch als Wunder gegolten. Wie schafft man es da, nicht als „Gott in weiß“ abzuheben?

Es werden die Patienten immer mündiger. Das ist eine bekannte Entwicklung in der Gesellschaft. Das Wissen der Laien ist teilweise schon durchaus erstaunlich. Die Medien haben vor einigen Jahren begonnen, die Medizin als allgemein interessanten Wissenszweig zu entdecken, und es wird heutzutage vor allem im Fernsehen so viel gezeigt, dass man sich teilweise durchaus anstrengen muss, um den Patienten, die oft insbesondere über neueste Entwicklungen sehr gut informiert sind, immer adäquate und gescheite Antworten zu geben. Auf der anderen Seite haben Patienten oft nicht ganz realistische Vorstellungen. Aber durch den Informationsstand wird die Rolle des unangreifbaren, gottähnlichen Mediziners sehr stark in Frage gestellt.

Dazu kommt die Tendenz, die in Amerika entstanden ist und mittlerweile auch in Europa voll gegriffen hat, dass sich Patienten im Fall von Komplikationen oder unerwünschten Verläufen sehr leicht und sehr schnell aufregen. Unter anderem auch, weil man weiß, dass es unter Umstände Entschädigungen gibt.

Durch diese Entwicklungen ist das klassische Ärztebild schon nicht mehr wirklich existent. Es gibt auch in vielen Trivialzeitschriften eine Beratungsseite, wo Mediziner zu Wort kommen oder auch Psychologen, die Rat geben, wie man im Krankenhaus mit den Ärzten umgehen soll, wie man seine Rechte wahren soll. Also in dieser Hinsicht ist eine unaufhaltsame Entwicklung in Gang, den Arzt als normalen Dienstleister zu betrachten. Diese Entwicklung ist den Medizinern teilweise nicht ganz recht, sie ist aber auf der anderen Seite natürlich irgendwo gerechtfertigt. Das tradierte Bild des Arztes, der alles darf und alles kann, war nicht wirklich gerechtfertigt. In meiner Generation wächst man eigentlich schon mit dem Bewusstsein auf, dass die Patienten eigene Rechte haben, die sie teilweise auch durchaus mit Nachdruck einfordern.


Viele Leute kritisieren an der Schulmedizin, sie würde den Menschen als Maschine betrachten, die repariert werden muss. Inwiefern ist dieser Vorwurf angebracht bzw. nicht gerechtfertigt?

Meines Erachtens ist dieser Vorwurf überhaupt nicht gerechtfertigt, weil die Schulmedizin ja auch aus unterschiedlichsten Disziplinen besteht, die die Seele und das Empfinden durchaus miteinbeziehen. Es ist auch so, dass die so genannte Evidenced Based Medicine – das ist der moderne Name für die Schulmedizin – von vornherein als Grundpostulat einräumt, dass der Wille des Patienten und der Patient als Ganzheit und der Patient als Mensch wahrgenommen und in den Behandlungsplan miteinbezogen werden muss. Diese Opposition zwischen Schulmedizin und Alternativmedizin, die in der Öffentlichkeit teilweise nach wie vor wahrgenommen wird, ist, glaube ich, auch eine von der Alternativmedizin konstruierte Opposition, mit der man durchaus versucht, das eigene Image zu stärken und das Image der Schulmedizin zu schwächen.

Ich persönlich bekenne mich voll und ganz zur Schulmedizin. Was ich beobachte, ist, dass die Schulmedizin sich selbst mehr Regeln und strengere Regeln auferlegt als die Alternativmedizin oder Teile der Alternativmedizin, und dass die Schulmedizin unter anderem auch dem Patienten gegenüber versucht, ehrlich zu sein. Sie versucht, nicht das Blaue vom Himmel herunter zu versprechen. Am Alternativsektor gibt es immer wieder Versprechungen, die nicht wirklich einhaltbar sind, und die aber in gewissen Phasen sehr, sehr schwerer Erkrankungen von Patienten sehr gerne gehört werden. Deshalb wird diese Nische immer vorhanden sein. Unterstützt wird es natürlich von den Leuten, die davon leben, dass es diese Nische gibt. Die sagen sehr schnell, sehr laut und sehr oft, dass die Schulmedizin unmenschlich sei oder mechanistisch. Ich sehe es so, dass die Schulmedizin einfach ehrlicher ist.


Was sind das für Regeln, die sich die Schulmedizin auferlegt?

Diese Regeln betreffen den Erkenntnisgewinn in der Schulmedizin bzw. Evidence Based Medicine. Das ist ein sehr komplizierter und auch langwieriger Vorgang. Es gibt unterschiedliche Evidenzstufen für die Wirksamkeit einer Therapie. Im Wesentlichen sind die Anzahl und auch die Qualität von klinischen Studien für die Bewertung einer Therapie entscheidend. Wenn für eine Behandlungsmethode für irgendein umrissenes medizinisches Problem z.B. 150 große, prospektiv randomisierte Studien in der internationalen Literatur vorhanden sind, die alle das Ergebnis liefern, dass diese Therapie besser ist als das, was es zuvor gegeben hat, dann wird das als sehr starke Evidenz klassifiziert. Da gibt es Recommendation Levels A bis E, und es ist genau definiert, was für eine Anzahl und welche Qualität an Studien da sein muss, damit eine Level A Recommendation herauskommt, wann eine Level B Recommendation auszusprechen ist und so weiter. Das heißt, bis eine neue Therapie Eingang in die evidenzbasierte Medizin findet, wird sie kontrolliert und an vielen Orten und von unterschiedlichen Teams sehr kritisch beleuchtet.

Dieses ganze Regelwerk und diese komplizierte Wahrheitsfindung gibt es im Großen und Ganzen bei der Alternativmedizin nicht. Die Alternativmediziner argumentieren meistens damit, dass man einen Menschen nicht als eines von vielen Studienobjekten sehen kann und dass man auch keine Gruppen von Patienten bilden kann, sondern dass jeder für sich zu betrachten wäre und jeder als Ganzheit individuell zu behandeln wäre … Nur kann man, glaube ich, durchaus dagegenhalten, dass sich die Schulmedizin geradezu atemberaubend schnell weiterentwickelt und Dinge möglich geworden sind, die, wie du gesagt hast, noch vor einer Generation als Wunder angesehen worden wären. Und bei der Alternativmedizin steht die Entwicklung aber in gewisser Weise still. Die Homöopathie zum Beispiel ist immer noch die gleiche wie vor 250 Jahren beim Hahnemann.


Wie stehst du Wünschen von zum Beispiel krebskranken Patienten gegenüber, die an schamanischen Heilungsritualen teilnehmen wollen?

Dem Patienten steht es natürlich frei, die Therapieform zu wählen, die er haben möchte. Das sage ich dem Patienten von Anfang an, und ich betone das auch immer wieder. Aber wenn der Patient zu mir kommt, dann heißt das, dass ihm die Therapie des Schamanen offenbar nicht genug ist. Er will da noch etwas dazu haben und sucht dafür einen Schulmediziner auf. Wenn die beiden verschiedenen Behandlungsmethoden sich nicht gegenseitig stören, würde ich es einfach dem Patienten überlassen, was er daneben noch macht. Wenn es Überschneidungen gibt, die eine lege artis-Behandlung nach schulmedizinischen Kriterien behindern würde, dann sage ich dem Patienten ganz klipp und klar: „Wir können nicht beides nebeneinander machen. Bitte entscheiden Sie sich für eine Behandlung.“

Die Patienten, die im Krankenhaus sind, wollen zumindest eine schulmedizinische Mitbehandlung haben. Und wenn diese Patienten daneben eine alternativmedizinische Behandlung machen oder machen wollen, dann informieren sie die Ärzte im Krankenhaus meist gar nicht. Sie machen das einfach. Und sie denken sich quasi: Ich will alles tun, was irgendwie helfen könnte. Und es ist üblicherweise auch kein Problem.

Wenn, was auch hin und wieder vorkommt, die Patienten kommen und einen Rat haben möchten, ob sie eine alternativmedizinische Behandlung beginnen sollen, dann sage ich ihnen meistens, dass ich mich mit diesem Zweig der Medizin nicht so auseinandergesetzt habe, und dass ich aber, wenn nichts dagegen spricht, kein Problem sehe, wenn es daneben gemacht wird. Ich sage: „Ich persönlich würde es als alleinige Methode nicht befürworten, aber wenn Sie es dazu machen und Sie subjektiv dabei ein gutes Gefühl haben, dann kann ich mir vorstellen, dass das auch zu etwas nütze ist.“