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fünf stationen mehr

Was sie schon immer über U-Bahnen wissen wollten


Lukas Cejpek: Dichte Zugfolge

Wien: Edition Korrespondenzen 2006

Rezensiert von: markus köhle


Seit kurzem hat Wiens U1 fünf Stationen mehr, und seit kurzem hat der deutschsprachige Literaturbetrieb DAS U-Bahn-Buch schlechthin. Für ersteres ist u. a. der Wiener Maulwurf, eine 44 m lange Maschine mit gigantischem Bohrschild, für letzteres die edle Edition Korrespondenzen und der nicht nur radioaktive Schriftsteller, Theater- und Hörspielregisseur Lucas Cejpek zuständig.

„Wer Zeit hat, sollte nicht U-Bahn-Fahren“, heißt es an einer Stelle. Ich nehme mir Zeit, das Buch zur Hand und mache mich auf den Weg zur nächstgelegenen U-Bahn-Station. Mein Plan: Einsteigen, aufschlagen, abfahren, loslesen, auch loslösen, wenn man so will. Mit dem Buch in der Hand stehe ich am Bahnsteig und sehe mich am Kontrollmonitor mit Buch in der Hand am Bahnsteig stehen. Die U-Bahn als Versuchsgelände für die allgemeine Sicherheitspolitik. Ich warte. „Die Züge sind nicht pünktlich. Sie fahren im Takt.“ Minutencountdownzone U-Bahnsteig. Bitte zurücktreten – Ihr Zug fährt ein. Sehr taktvoll. Danke. Dieser Zug wird videoüberwacht. Nein danke, das wäre nicht notwendig gewesen. Nicht nur neue Stationen hat die Stadt, auch neue Garnituren ziehen durch den Untergrund. Die sind hell erleuchtet, damit den Kameras nichts entgeht, und wurden, so weiß der Autor, vom Volksmund bereits „Lichtgoscherl“ getauft. Ich nehme Platz und schaue kurz in zwei Mir-gegenüber-Gesichter. „Die Reiseunterhaltung wird durch die Reiselektüre ersetzt. Die U-Bahn-Fahrt ist die Vollendung der Eisenbahnreise. Mit der Beschleunigung wird das Außen zunehmend uninteressant.“ Nicht uninteressant. Ich lese, dass ausgemusterte Wagen der New Yorker Subway ins Meer geworfen werden, wo sie den Fischen als Versteck dienen, und erinnere mich daran, einmal gelesen zu haben, dass während des Verschubs ein Zug über das Gleisende hinaus fuhr und die Rückwand der Station durchbohrte, 1992, in Wien. Eine Stationsdurchsage von Ing. Franz Kaida, dem Leiter des sicherheitstechnischen Dienstes der Wiener Linien, reißt mich kurz aus dem Text. Egal. „Ein U-Bahn-Buch fängt immer wieder von neuem an. Ständig.“ Türen auf. Türen zu. „Das ideale U-Bahn-Buch sollte in knappen Sätzen gehalten sein, mit vielen Absätzen, das heißt Aus- und Einstiegsmöglichkeiten. Sein Gegenstand muss deshalb nicht einfach sein.“ Lucas Cejpek gibt vor, wie das ideale U-Bahn-Buch beschaffen zu sein hat und hält sich vorbildlich daran, ja holt in diesen dichten Absätzen das Bestmögliche heraus, bringt allerlei Wissenswertes ebenso unter, wie beispielsweise betörende Baustellenpoesie:

Eine Plattenbalkendecke mit Trägerrosten. Bohrpfahlreihen mit Pfahlrost. Stahlbetonsäulen mit Anprallverstärkungen. / Ein Zwischenhorizont wird in Form von freitragenden Stahlbetonbalken ausgebildet. / Eine Transportöffnung für Aushubabtransport und Materialeinbringung.

Ich lächle, stehe auf, steige aus. Kotzodeur empfängt mich, ich bin am Stephansplatz. „Der Geruch nach Erbrochenem in der U1 Stephansplatz kommt von einem Bodenverfestigungsmittel auf organischer Basis.“ Buttersäure also. Ich flüchte trotzdem nicht. Wohin auch? Hier gilt das „Grundprinzip der Ortlosigkeit“. Ich überlege mir, wann genau man springen müsste, so man einen U-Bahn-Fahrer unglücklich machen und viele Fahrgäste verärgern wollte. „Um den so genannten Werther-Effekt zu minimieren, gibt es in Wien seit über zehn Jahren ein von den Verkehrsbetrieben initiiertes Gentleman’s Agreement mit den lokalen Medien, auf Berichte von Suiziden im U-Bahn-Bereich zu verzichten. Die Suizidrate ist seither um 50 Prozent gesunken.“ Stirb langsam, Naked Lunch, Der Himmel unter Berlin, ein Flex- und U4-Besuch etc. Dichte Zugfolge ist ein U-Bahn-Fac-tion-Buch: Filme, Bücher, Erlebnisse, Historisches, Fakten, Großstadtgeschichten, (sub-)urbane Lebensweisen. Der Autor recherchierte fleißig und stellte für den Anhang – nach dem finalen Terror-Opferbilanz-Abgesang – auch eine überschaubare „Kleine U-Bahn-Bibliothek“ zusammen. „U-Bahn-Fahren ist kein Abenteuer“, so lautet der erste Satz. U-Bahn-Fahren und ein U-Bahn-Buch lesen schon, ein schönes Leseabenteuer. Da fährt der Zug drüber! Ach ja: „Womit kann man rechnen, wenn man aus der Unterwelt zurückkehrt? Brot und Schlagzeilen (Bäckereien und Zeitungskolpor¬teure).“ Wissen, Witz und Poesie. Was will man mehr? Zug fährt ab.