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gesundheitskunst

egyd gstättner | gesundheitskunst

Höchste Zeit, dass ich einmal von Dr. Orlowski erzähle, meinem Hausarzt, der sich seit vielen Jahren aufopferungsvoll, wenn auch mit untauglichen, nämlich medizinischen Mitteln um eine Gesundheit – oder sagen wir genauer: meinen Gesundheitszustand – kümmert. Denn mit Gesundheit hat mein Gesundheitszustand leider nicht viel zu tun. Ob man vom Gesundheitswesen spricht, vom Gesundheitsreferat, Gesundheitsministerium, vom Zentrum für seelische Gesundheit. Offizielle Gesundheit bedeutet inoffiziell immer Krankheit, und genau das bin ich: krank, krank, krank!

Von Leber-Szintigraphie bis PH-Metrie, von Tomographie bis Septumsoperation und Schluckröntgen, von Gastroskopie bis Coloskopie, von Lyse bis Angiographie: Es ist schier unvorstellbar, welche diagnostischen Torturen ich im Lauf meines jungen Lebens schon über mich habe ergehen lassen – genützt haben alle zusammen nicht viel. Je penibler ich die Askeseanweisungen von Dr. Orlowski befolge, je länger ich also schon nicht rauche, Alkohol und Kaffee meide, je mehr Sport ich treibe, je bewusster, also fettärmer und ballaststoffreicher ich mich ernähre oder überhaupt faste, desto miserabler fühle ich mich: Mein eigenwilliger Körper schert sich um aktuelle medizinische Erkenntnisse einen Dreck. Wellness ist für mich ein Fremdwort. Seit ich meinen ohnehin maltraitierten Körper noch zusätzlich mit biologischen Gemeinheiten wie Frischobst, Fruchtjoghurt (0,1 % Fett!), Salat und Gemüse behellige, bin ich in allen österreichischen Theatern wegen meiner schallenden Darmgase gefürchtet (was eigentlich gerade bei einem Theaterautor zwingend zu krankheitsbedingter Frühpensionierung führen müsste).

Von den Medikamenten, die mir Dr. Orlowski und seine Berufsgenossen verschreiben, wirken bei mir ausnahmslos alle ihre Nebenwirkungen, wie sie am Beipackzettel angegeben sind – womit gegen den guten Dr. Orlowski nichts gesagt sein soll: Er behandelt mich ja gemäß den Maximen seiner Wissenschaft – nur dass ich schon zuviel gehört, gesehen und erlebt habe, als dass sich diese Wissenschaft noch wirklich für eine Wissenschaft halten könnte. Was hat sich die Medizin auch so ein unzuverlässiges und unberechenbares Wesen wie den Menschen als Forschungsgegenstand nehmen müssen! Medizin ist die ärztliche Kunst, Dr. Orlowski also mein Kollege (nur verdient er besser!), und unter Krähen und Kollegen hackt man sich kein Auge aus: Mir sind auch schon Kunstfehler passiert. Nur ist Papier geduldiger als ein Organismus. Überhaupt denke ich, es ist nicht so entscheidend, welchen Arzt man konsultiert: Hauptsache, man kommt nicht krank zu ihm in die Ordination.

Ein Schriftsteller ist einer, dessen Körper ein reguläres Angestelltenverhältnis mit geregelten Arbeitszeiten vor lauter Arztbesuchen ganz einfach nicht zulässt. Neben Schreiben ist für den Schriftsteller auch Lesen (Spionieren bei der Konkurrenz) immens wichtig, und das ist des Kranken Gunst: Denn es gibt nur zwei gute Orte zum Lesen auf der Welt: Neben dem Meeresstrand das Ordinationswartezimmer. Ich persönlich bevorzuge sogar das Wartezimmer, weil man da mit Leuten zusammensitzt, die zwanzig, dreißig Jahre älter und genauso moribund und gebrechlich sind, sich still verhalten und nicht dauernd Sandburgen bauen, Muscheln sammeln, Ball spielen oder Schleckeis essen wollen. Allein meinem angegriffenen Gesundheitszustand habe ich es zu verdanken, dass ich im letzten Jahr fast das ganze Gesamtwerk von Thomas Mann durchgeackert habe, des Kurheilanstaltentommy, bei dem noch der Tod etwas großbürgerlich Gesittetes hat. Alles darf man mir wünschen, nur keine gute Besserung. In meinem Fall wäre das ja geschäftsschädigend.