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heute schon stuhl gehabt?

christoph d. weiermair | heute schon stuhl gehabt?

Fünf Minuten vor Abpfiff packt den mäßig durchtrainierten Hobbykicker noch einmal der Ehrgeiz: Er zieht einen Sprint an und ist in nullkommanichts auf Augenhöhe mit seinem ballführenden Kontrahenten. Doch dann verheddert er sich unglücklich in dessen langen Beinen und strauchelt. Herbert Prohaska würde sagen: „Das sieht bitter aus. Schade für den Spieler. Ich wünsche ihn gute Besserung.“ Tatsächlich: Der ambitionierte Fußballer vernimmt einen unüberhörbaren Schnalzer, als sein rechtes Bein verdreht auf dem harten Hallenboden aufkommt. Umgeböckelt, wie der Volksmund sagt, aber schon so, dass weniger auch noch zu viel wäre. Der Verdacht eines Bänderrisses am Knöchel liegt nahe. Das schnelle und heftige Anschwellen der verletzten Region nährt diesen Verdacht. Also unter verzweifelten Flüchen auf ins nahe Landeskrankenhaus. Noch kann unser Fußballer gehen, vorbei am Portier, der mild-weise lächelnd den Weg zur Unfallambulanz erklärt. Umsonst. Der Verletzte war ein Jahr Zivildiener in betreffender Anstalt.

Am Anfang einer jeder ärztlichen Behandlung steht in Österreich nicht, wie man meinen könnte, eine ausführliche ärztliche Untersuchung oder gar eine mitfühlend-kompetente Aufklärung des traumatisierten Patienten, nein: es ist selbstverständlich die Bürokratie. Unfallhergang, Sozialversicherungsnummer, Unfallort und -zeit. Dann bekommt man auf Eigeninitiative einen Eisbeutel. Und schließlich lässt Herr Oberarzt bitten. Ungeduscht, stinkend und verschwitzt sitzt unser Fußballer also nun in seinem ganzen menschlichen Elend einem Gott in Weiß gegenüber, der seinen Knöchel fachmännisch betastet und lapidar konstatiert: „Mit dem Bänderriss könnten Sie schon recht haben. Das müssen wir röntgen.“

Im Unfallröntgen wird der verletzte Fuß in verschiedenen Stellungen abgelichtet, hinter der Schutzwand aus Glas unterhalten sich Röntgenassistentin und Arzt über das letzte Wochenende. Ihre Heiterkeit ist verräterisch, der Fußballer ahnt, was auf ihn zukommt: Eine Mark und Bein erschütternde Diagnose. Ein mehrwöchiger Krankenaufenthalt. Aber vorher dann doch noch eine kleine Foltereinlage. Die Röntgenassistentin taucht aus dem Halbdunkel auf und befestigt ein Gewicht am verletzten Knöchel. „Das kann jetzt ein bisschen wehtun.“ Was für eine Untertreibung. Spätestens jetzt ist unser Patient sicher: Gerissen. Sprich: Sublux tali dext. cum abruptio ossea dext. MT V.

Wieder beim Oberarzt, er zeigt auf einen Monitor mit dem Röntgenbild: „Herr Weiermair, schauen Sie einmal her.“ Der Patient gibt sich trotzig und verweigert den Blick auf seine zerfetzten Bänder. „Wir sollten operieren.“ – „Ja, dann walten Sie ihres Amtes.“ Aus langjähriger Erfahrung weiß unser Fußballer, dass Widerstand gegen Ärzte – vor allem im verletzten Zustand – wenig Aussicht auf Erfolg hat und nur in Ausnahmefällen sinnvoll  ist. Der Rest ist Routine. OP-Einverständniserklärung, Blutabnahme, EKG. Dann soll der Fuß über Nacht noch ruhig gestellt, also eingegipst werden. „Morgen wird operiert“, Herr Oberarzt verabschiedet sich. Wenig später stemmt unser Fußballer seinen Fuß auf Anordnung gegen den Bauch einer blutjungen, hübschen blonden Krankenschwester. Und denkt, schon überwiegt der Galgenhumor: „Du könntest auch mal deine Bauchmuskeln trainieren, Baby.“

Nächtens im Krankenzimmer, Warten auf den Morgen der Operation. Der Bosnier im Nebenbett schnarcht. Der Landsmann auf der anderen Seite quasselt. Also genehmigt sich unser Fußballer noch ein Schmerzmittel-Stamperl, ehe man in einen unruhigen Schlaf sinkt. Indes macht sich ein Zimmerkollege um zwei Uhr Nachts geräuschvoll eine Dose Gambrinus auf.

Ernüchternd ist das Erwachen am Morgen der Operation. Als OP-Vorbereitung erhält unser Fußballer eine Tablette Gewacalm – auf nüchternen Magen. Das macht die Sache um einiges erträglicher. Noch während der Fahrt in den OP schläft er wieder ein, um Stunden später – mit Schmerzinfusionen versorgt – frischoperiert wieder aufzuwachen.

Die folgenden Tage gestalten sich mühsam. Zwar ist unser Patient schmerzfrei, doch der Krankenhausalltag kostet Substanz. Um 7 Uhr schalten die Schwestern im Zimmer das Licht ein, das Frühstück landet am Nachtkästchen. Der Rest des Tages ist durchorganisiert: Körperpflege um Acht, Visite um Neun, Physiotherapie um Elf, Mittagessen um halb Zwölf, ein fader Nachmittag bis Vier, und dann kommen die Schwestern wieder ins Zimmer und fragen ganz ungeniert: „Haben Sie heute schon Stuhl gehabt?“ „Ja, eine dicke Wurst habe ich hingelegt“, ist unser Patient geneigt zu erwidern, besinnt sich dann aber doch eines Besseren. Zur Krönung erhält er Fragmin 5.000 I.E., eine Thrombosespritze, die sie ihm routiniert in den Oberschenkel rammen.

Die Genesung schreitet fort, unser Patient lässt den einen oder anderen Besuch über sich ergehen und antwortet geduldig auf die Frage, wie denn das alles passieren konnte. Die Kräfte kehren zurück, schon wird der Fußballer übermütig und scherzt mit dem Bettnachbarn über die kleine hübsche Famulantin, die sich im Schatten des Oberarztes eifrig ans Entfernen einer Wundnaht macht. Doch ehe unser Patient wieder ans Wichsen denkt, befindet er sich schon in häuslicher Pflege.

Österreich feierte trotz der Verletzung seiner unentbehrlichen Stütze im offensiven Mittelfeld gegen die Schweiz seinen ersten Sieg in der Ära Pepi Hickersberger, das sei noch angemerkt.