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hilflos beim frisör

Über Liebe, Sex und alles dazwischen


Katharina Faber: Mit einem Messer schneide ich die Zeit. Über Liebende

Zürich: Ricco Bilger Verlag 2005

Rezensiert von: cornelia schuss


Beim Frisör ist man dem Musikgeschmack des Besitzers und den Lieblingsradiosendern der Nation hilflos ausgeliefert. Beim Frisör hat man außerdem Zeit, wirklich auf die Texte all dieser Radiolieder zu achten, nur um nachher zu wissen, warum man sonst gut daran tut, sie einfach zu überhören. „Come my lady, you are my butterfly, sugar baby“ oder auch „My hips don´t lie“, gibt es da zu hören. Wow. Umso krasser ist der Gegensatz, wenn man, immer noch beim Frisör, ein Buch der Schweizerin Katharina Faber zur Hand nimmt. Mit einem Messer zähle ich die Zeit. Über Liebende ist der völlige Gegenpol zu den Liebesbeteuerungen auf Ö3. Und weil der von alltäglicher Radiobeglückung geprägte Mensch sich an den einfachen Charme von Songtexten schon gewöhnt hat, fällt die Umstellung schwer. Sehr schwer sogar.

Das ist eine ganz seltsame Geschichte, es ist die immer gleiche Geschichte von uns allen, aber Alfons ist schwanger […], er ist ein Verräter, er will noch etwas anderes als nur dich und sich, er hat das gestern Nacht sehr laut gesagt.

Hm, klingt irgendwie anders als aus dem Radio. So manch einer wird ob dieses Kulturschocks Katharina Fabers Sammlung an Kurztexten über die Liebe in all ihren Ausprägungen schnell wieder gegen den gewohnten Einheitssingsang eintauschen. Denn die Auseinandersetzung mit diesem Buch verlangt auch die Bereitschaft, manche Passagen öfter zu lesen. Wenn man endlich meint, man habe die Metaphern und versteckten Hinweise der Autorin verstanden, kommt der nächste Text, und schon kann der rote Faden wieder verloren gehen. Wer sich aber zu dieser ewigen Suche aufmacht, wie man sie ja auch aus der Liebe kennt, wird so manchen Text finden, der ihn für den Aufwand, auch für manche Irrwege belohnt.
Faber strickt jede Geschichte nach einem anderen Muster, und da sind nicht nur glatte Maschen, sondern auch einige verkehrte dabei. Doch wann läuft schon alles glatt im Leben?!

– Auch bei Magda nicht, die seit einem Unfall nicht mehr dieselbe ist, die unwillig ihren Beruf aufgeben muss und von Eifersucht auf ihre Pflegerin geplagt wird, weil sie dieser eine Affäre mit ihrem Mann unterstellt. „Man muss sie einfach voneinander fernhalten, die zwei, aber er hat ja auch andere, er will immer noch eine Frau zu der, die er schon hat.“ Früher ging Magda selbst ins Hotel um „ehezubrechen“, heute muss sie Tabletten gegen ihre Anfälle schlucken.
Oder der Autor von Lebensratgebern, der nicht damit klar kommt, dass er ein beschissenes Leben führt und von seiner Geliebten betrogen wird. Er rät: „Den Abstieg mitmachen und dann zur Seite hin entkommen“, aber selbst entkommt er nicht. Denn seine Geliebte will ihm etwas anderes sagen:

Was wir berühren, hört nicht auf, wir sind als Horde unterwegs, und was den einen belebt, das bringt den anderen um, und der zieht weiter zu jemandem, der ihn rettet, der ihn weckt, ihn glücklich macht, und das bringt wieder einen um, und dieser Reigen dreht sich endlos […], und wer das nicht ertragen kann, erträgt die Liebe nicht, …

Betrachtungen dieser Art haben nur in einem Buch Platz, und nicht in einem Drei-Minuten-Song. Lesen und Radiohören zugleich kann übrigens sehr verstörend sein.