schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 14 - patient spezial im osten viel neues
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/14-patient-spezial/im-osten-viel-neues

im osten viel neues

Interview mit Bettina Balàka über den Kriegsheimkehrerkrimi „Eisflüstern“


Bettina Balàka: Eisflüstern. Roman

Graz-Wien: Literaturverlag Droschl 2006

Rezensiert von: werner schandor


Eines der beeindruckendsten Bücher des Jahres 2006 hat Bettina Balàka geschrieben. Eisflüstern heißt es, und es ist aus mehreren Gründen erstaunlich:

1.) Balàka arbeitet ein Thema auf, das in der jüngeren österreichischen Literatur ziemlich einmalig ist, nämlich die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als das große Kakanien von den Siegermächten zum kleinen „Deutsch-Österreich“ zusammengestutzt wurde und sowohl ideologisch als auch wirtschaftlich unter Schock stand.
2.) Die Autorin erzählt die Geschichte des traumatisierten Kriegsheimkehrers Balthasar Beck so authentisch, dass man meint, ihr Opa (oder Uropa) hätte in seine Seele blicken lassen und ihr seine Erlebnisse aus Krieg und russischer Gefangenschaft gebeichtet.
3.) Bettina Balàka verknüpft die Heimkehrergeschichte mit einem hard boiled Krimi, wie man ihn in Chicago zur Zeit Al Capones ansiedeln würde, aber nicht in Wien anno domini 1922.
Gründe genug, um die Autorin nach den Beweggründen und der Arbeit an ihrem sprachlich und stilistisch bravourösen Buch zu befragen.

Der Erste Weltkrieg ist in unserer Gesellschaft thematisch kaum präsent. Wie bist du darauf gekommen, einen Roman in dieser Zeit anzusiedeln?
Die Zeit nach 1918 hat mich deshalb so interessiert, da sie mir im öffentlichen Bewusstsein ausgeblendet erschien. Als in Österreich sozialisierte Person hatte ich nur Eckdaten aus dem Geschichtsunterricht im Kopf: 1914 Ausbruch des Ersten Weltkrieges, 1918 Vertrag von Saint Germain, 1. Republik. Dann ging es weiter in den dreißiger Jahren, Dollfuß-Ära usw. Als ich vor drei Jahren zu recherchieren anfing, fand ich die Lücke auch in den Buchhandlungen: Es gab viel über die Habsburger, dann wieder sehr viel über das Dritte Reich. Der Erste Weltkrieg wiederum war sehr gut dokumentiert über die Westfront, die für Österreich relevantere Ostfront war aber kaum präsent. Durch den 90. Jahrestag des Attentats von Sarajewo 2004 erschien dann mehr über den Krieg, durch die Seligsprechung von Kaiser Karl 2004 wurden auch die letzten Züge der Monarchie neu dokumentiert. Ich wusste ursprünglich nicht einmal, dass die 1. Republik „Deutsch-Österreich“ hieß – da das Wort „deutsch“ durch die Nazizeit so negativ konnotiert ist, will man das offenbar gar nicht mehr sagen. Geradezu bildhaft war dann die Entdeckung der eingefrorenen Soldatenleichen im Ortlermassiv 2004. Sie kamen sozusagen leibhaftig aus dem Eis zurück in unsere Gegenwart.

Woher stammen deine detaillierten Kenntnisse von den Jahren 1914-23?
Ich musste mich komplett einarbeiten, da ich keine außergewöhnlichen Vorkenntnisse hatte. Im Grunde musste ich Mitte des 19. Jahrhunderts anfangen, um die Biografien der Personen zu entwickeln und die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs zu verstehen. Im Wesentlichen habe ich natürlich alles gelesen, dessen ich habhaft werden konnte, und viel Zeit in Museen und an historischen Schauplätzen verbracht. Um möglichst viele visuelle Eindrücke zu bekommen, habe ich auch viel mit alten Fotografien gearbeitet. Beim Lesen habe ich nicht nur wissenschaftliche Werke verwendet, zum Beispiel militärhistorische Dissertationen, sondern auch auf Flohmärkten und in Antiquariaten nach Büchern aus der Zeit gesucht, die schon längst nicht mehr aufgelegt werden. Ich habe versucht, mit dem Material möglichst sorgsam umzugehen, da etwa Kriegserinnerungen von Offizieren natürlich subjektiv gefärbt sein konnten in Hinblick auf die Beschreibung des Feindes, oder gar in propagandistischer Absicht zur Vorbereitung des nächsten Krieges publiziert wurden. Das heißt, ich habe sehr analytisch gelesen und autobiografische oder belletristische Werke immer mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeglichen. Im Detail war der Aufwand enorm: Allein herauszufinden, wie viel im September 1922 ein Laib Brot kostete, nahm Wochen in Anspruch, denn aufgrund der gewaltigen Inflation änderten sich die Preise ja ständig.

Wie kann man sich so gut in aufkeimendes Nazidenken eindenken? Die Figur des Polizeiinspektors Ritschl, des Antagonisten zur Hauptfigur Balthasar Beck, ist als prototypischer Vertreter des damals entstandenen Nationalsozialismus angelegt.
Die Entwicklung des „Nazidenkens“ zu erforschen, war für mich von zentralem Interesse. Das Buch endet nicht zufällig wenige Monate vor dem (noch erfolglosen) Hitler-Putsch in München. Ich halte die These, dass es sich beim Ersten und Zweiten Weltkrieg im Grunde um einen „Dreißigjährigen Krieg“ handelte, für gerechtfertigt. Freudianisch gesprochen: Der Zweite Weltkrieg wurde im Wiederholungszwang geführt. Die allermeisten der großen und kleinen Nazis hatten im Ersten Weltkrieg gekämpft, ihre Illusionen verloren und verzweifelt nach neuen gesucht.
Im Grunde ging ich wie ein Profiler vor: Um einen Verbrecher zu verstehen und dinghaft zu machen, muss ich mich möglichst präzise in sein Denken einfühlen. Die Sprache spielte meines Erachtens eine ganz wesentliche Rolle; es war schon vor dem Ersten Weltkrieg im Journalismus ganz normal, dass mit unglaublich pathetischen, unsachlichen, bombastisch-gefühlsbetonten Phrasen argumentiert wurde.
Den Nazismus als Massenphänomen kann man nicht verstehen, wenn man davon ausgeht, dass die Menschen doch Gut und Böse voneinander unterscheiden hätten können – abgesehen von der stets existenten Zahl Verbrecher, die sowieso das Böse wollen. Viele aber waren überzeugt, sich dem Guten angeschlossen zu haben, da es ihnen doch mit so edlen Worten und Affekten verkauft wurde: das reine Blut, die Volksgesundheit, der Opfermut, des Volkes Schicksalsgemeinschaft – all das war mit erhebenden Emotionen verbunden. Wozu der Rausch der Masse fähig ist, sehen wir heute noch bei jedem Fußballmatch: Man kann sich in die absurdeste Nationalbegeisterung einklinken, wenn es rundherum alle anderen tun.

Während in deinen früheren Büchern die Tradition der österreichischen Literatur stark spürbar ist, liest sich „Eisflüstern“ wie ein angelsächsischer Roman im besten Sinn. Hat sich deine Schreibhaltung generell geändert?
Die österreichische und die anglosächsische Literatur waren für mich gleichermaßen prägend, die österreichische bis zur Matura, die anglosächsische danach aufgrund meines Übersetzerstudiums und meiner Zeit in den USA und in England. Die traditionelle Unterscheidung, nämlich österreichisch = sprachbetont, anglosächsisch = narrativ, sehe ich nicht ganz so. Ich finde auch die Kunst des Narrativen in Franz Werfel oder Joseph Roth und die des Sprachbetonten in Sylvia Plath oder Alan Ginsbergh. Wie viele meiner Kollegen war ich irgendwann sehr genervt von der medial ständig wiederholten Behauptung, deutschsprachige Autoren, insbesondere deutschsprachige weibliche Autoren könnten nicht erzählen, und ich bin bei diesem Buch angetreten, das Gegenteil zu beweisen.

Fiel es dir schwer, schreibend in die Männerrolle zu schlüpfen?
Wie weit mir das gelungen ist, muss natürlich die p.t. männliche Leserschaft beurteilen. In den 80er-Jahren gab es sehr viel, zum Teil berechtigte Kritik an der beträchtlichen Zahl literarischer Frauenfiguren aus männ¬licher Feder, die das Wissen um einen authentischen weiblichen Blick vollkommen verstellte. Der Umkehrschluss war natürlich heikel: Wenn Männer nur mehr über Männer schreiben sollten, dann durften Frauen folglich nur mehr Protagonistinnen beisteuern. Auf die Spitze getrieben hieße das, ein dreißigjähriger Wiener dürfte nur mehr über dreißigjährige Wiener schreiben, eine achtzigjährige brasilianische Ärztin nur mehr über achtzigjährige brasilianische Ärztinnen etc., also jeder nur über sich selbst.
Im Grunde muss sich natürlich jeder Autor auch in eine fünf Stunden alte Maikäferlarve einfühlen können, wenn es notwendig ist. Schwierig war es auf jeden Fall, sich in einen Menschen aus einer völlig anderen Zeit einzufühlen und ihn nicht zu sehr zu idealisieren.
Die Tatsache z.B., dass Beck und seine Frau Marianne ihre Tochter nicht schlagen, ist durchaus aus revolutionär zu bezeichnen – damals galt Schlagen als absolut notwendiger Erziehungsbestandteil. Dabei bin ich von der Hoffnung ausgegangen, dass es in jeder Zeit Menschen gibt, die den Wahnsinn des sie umgebenden Regelwerks durchschauen. Es hat mich aber große Mühe gekostet, Beck zwangsläufig töten zu lassen, selbst eigene Kameraden. Ich habe mich bei den Kriegserinnerungen sehr an einem Werk von Jonathan Shay orientiert, Achilles in Vietnam, das analysiert, dass das Kriegstrauma vor allem bei jenen Soldaten sehr groß ist, die sich zu absoluten Bestialitäten hinreißen haben lassen, zum Vergewaltigen und Töten von Frauen und Kindern zum Beispiel. Davor habe ich Beck also zurückschrecken lassen, da ich wollte, dass er doch halbwegs heil wieder zurückkommt – um dann erst von der Vergangenheit eingeholt zu werden. Im Grunde kann ich natürlich viele ethische Fragen an mir selbst abhandeln: Mit 18 war ich mir sicher, dass ich mich eher töten lassen würde, als jemanden anderen zu töten. Heute, da ich ein Kind habe, bin ich mir nicht sicher, ob ich mich nicht jeglicher Diktatur unterwerfen würde, um das Leben meines Kindes zu retten.