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kein mensch träumt von aller medizin

gabriele feyerer | kein mensch träumt von aller medizin

Ascorbinsäure versus Vitamin C. Plädoyer für eine ganzheitliche Heilkunde

Patient, sprich „Duldender“ zu sein, ist heutzutage kein Leichtes. Wer das Wartezimmer eines rein schulmedizinisch orientierten Arztes betritt, kann sicher sein, es nicht ohne Diagnose und passendes Rezept zu verlassen – gleich wie gesund oder krank er in Wahrheit sein mag. Ich empfehle den Selbstversuch. Der bekannte Satz eines Zynikers: „Wem nichts fehlt, der ist noch lange nicht gesund, sondern bloß nicht richtig untersucht“, scheint angesichts unserer allgegenwärtigen „Vorsorgemedizin“ keineswegs überzeichnet, und ein kurzer Blick auf unser westliches Gesundheitssystem genügt, um Beweise für seinen wahren Kern zu orten.

Während heute immer mehr Menschen einer schulmedizinischen „Analyse“ und Behandlung zugeführt werden, sind wir von einer Heilung oder gar dem tieferen Verständnis vieler „Geißeln der Menschheit“, darunter Krebs oder AIDS, noch immer denkbar weit entfernt. Ob der gewaltige Einsatz an Zeit und Mitteln in einem angemessenen Verhältnis zu den verbuchten Erfolgen steht, wird sich in den kommenden Jahrzehnten weisen. Ebenso, ob uns die rasanten Fortschritte der ausufernden Gentechnik zum Segen oder doch eher zum Fluch gereichen.


Mechanistische Sicht
Die Abkehr unserer westlichen Medizin von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen führte zur mechanistischen Sicht von Krankheit und Gesundheit und nährt seither die Vorstellung, jede Störung der „Maschine Mensch“ könne durch geeignete Eingriffe der modernen High-Tech-Medizin beseitigt werden. Dass dem niemals so ist, beweist ein ständig wachsendes Heer verunsicherter Patienten, die sich mit ihren Nöten und Bedürfnissen allein gelassen und daher vermehrt zu so genannten alternativen Heilverfahren – zur „Naturheilkunde“ – hingezogen fühlen.

Als Kinder des 21. Jahrhunderts, des wissenschaftlich-technischen Zeitalters, neigen wir dazu, alles was nicht in das vertraute Gefüge rationaler Erklärbarkeit passt, als rückständig, „primitiv“ und daher entbehrlich zu betrachten.

Das gilt für unbekannte Sitten und Bräuche ebenso wie auf dem Gebiet der Medizin. Dabei übersehen wir, welche absurden Scheuklappen uns dieses lineare Denken angelegt hat.

Für medizinische Erkenntnisse werden bis heute nur logische Erklärungen akzeptiert. Alle Fakten sollen nach den Regeln experimenteller Beweisführung beliebig nachvollziehbar sein. Seit Aristoteles bewegt sich die abendländische Kultur auf diesen eingefahrenen Geleisen, und nur langsam beginnen wir deren Tücken zu erkennen. Die Schemata von Logik, Systematik und objektiver Beweisbarkeit werden immer öfter kritisch hinterfragt. Als „mystisch“ bezeichnetes Wissen erhält durch neue Forschungsmethoden ganz unerwartet einen reellen Hintergrund. Dabei spannt sich der Bogen von der Mikrobiologie und Biophysik bis hin zur revolutionären Chaosforschung.


Enormer Wissensfundus
Die übliche Geringschätzung volksheilkundlichen Wissens durch die universitäre Medizin verhinderte lange Zeit jeden Einblick in die Funktionsweise und Hintergründe traditioneller Heilsysteme. Im Zuge des wachsenden Interesses für fremde Kulturkreise ist nun auch in der Medizin ein Streben nach Integration und gegenseitigem Austausch erkennbar. Gerade das Studium fernöstlicher Heilweisen, wie der chinesischen, indischen oder tibetischen Medizin, wie auch die uns leider nur in Fragmenten zugängliche Weisheit indigener Heiler und Schamanen, gibt uns die Chance, von diesem enormen Wissensfundus zu profitieren, ihn für uns im Westen verständlich und zum Teil auch nutzbar zu machen. Eine Beurteilung nach wissenschaftlichen Kriterien stünde dem nicht entgegen, solange sie unvoreingenommen und mit Rücksicht auf die Eigenheiten des jeweiligen Kulturkreises geschieht.

Nicht übersehen sollte man dabei, dass vieles, was uns heute unerklärlich scheint, schon morgen als sensationelle Neuentdeckung gefeiert werden kann. So war etwa für die nordamerikanischen Indianerstämme die Heilung von Skorbut ein Leichtes, da ihnen die Ursachen dieser von westlichen Entdeckern so gefürchteten Vitaminmangelkrankheit sehr wohl klar waren. Der „weiße Mann“ ignorierte dieses Wissen und zog es vor, an seiner Überheblichkeit zu sterben. Als man schließlich das Vitamin C „entdeckt“ und chemisch nachgebaut hatte, erklärten indianische Heiler, natürliches Vitamin C besäße eine ganz andere Qualität und Heilwirkung als synthetische Ascorbinsäure, auch wenn das mikroskopisch nicht sichtbar sei. Ihr universelles Verständnis der Dinge ließ gar keinen anderen Schluss zu. Auch diese Behauptung hielten Wissenschaftler lange Zeit für Unsinn. Bis man in den 70er-Jahren in speziellen Versuchen einen fundamentalen biochemischen Unterschied zwischen natürlichem und künstlichem Vitamin C feststellen und erstmals wissenschaftlich „beweisen“ konnte.


Umfassende Hilfe

Der Lakota-Heiler Lame Deer betonte in Gesprächen immer den Umstand, dass etwa die Arbeit indigener Schamanen („Medizinmänner“) sich nicht auf das simple Heilen von Krankheiten beschränkt. Üblicherweise gab und gibt es hier, ganz wie im Westen üblich, immer mehrere Spezialisten, denn: „Kein Mensch träumt von aller Medizin“. Der Begriff „Medizin“ bezeichnet in traditionellen Systemen nicht nur ein bestimmtes Heilmittel, sondern vielmehr umfassende Hilfe.

Bei den Lakota gibt es etwa den Mann der Kräuter (Pejuta Wicasa), der mit Pflanzen sprechen kann, aber auch eigene Heilkräfte besitzen muss. Ein Priester (Yuwipi) hat die Fähigkeit, bestimmte heilende Steine zu finden. Der Beschwörer (Wapiya) kann auch böswillig und ein Hexer sein (bisweilen vermeint man dergleichen auch in westlichen Ärztekreisen auszumachen…). Daneben gibt es den heiligen Clown (Heyoka), der die Menschen zum Lachen bringt (denken wir an die „Roten Nasen“ westlicher Spitäler), und schließlich den Seher (Waayatan), den Mann der Visionen. Sie alle spielten eine wichtige Rolle im Stammesverband. In jedem Bereich des täglichen Lebens konnte man so Rat und Hilfe erfahren. Was wir uns unter einem „Medizinmann“ vorstellen, dem entspricht am ehesten der „Wicasa Wakan“, der Heilige Mann. Nur er beherrscht – als besondere Gabe – all diese Künste in Vollendung. Er ist „eins mit allen Dingen“, sucht die Stille und Abgeschiedenheit, muss aber regelmäßig seiner Berufung, anderen Menschen zu helfen, folgen. Ansonsten kann es sein, dass die Geister ihn bestrafen, denn wer sich „um Macht bewirbt“, muss sie auch zum Wohle anderer Menschen einsetzen.

Wer sich je entschließen konnte, an einer schamanischen Heilzeremonie teilzunehmen, musste als Erstes lernen, westliche Sichtweisen und Erwartungen über Bord zu werfen. Schamanen wollen keine Befunde oder Röntgenbilder sehen. Sie holen den Kranken dort ab, wo er gerade steht – als spirituelles, hilfesuchendes Wesen, mit allen Fehlern und „Sünden“, ohne Wenn und Aber. Doch sie führen ihn auch zu schmerzhaften Einsichten. Wer das nicht will, ist bei einem Schamanen, gleich welcher ethnischen Herkunft, fehl am Platz.


Das Skalpell zücken
Indianische Heiler warnen vor jeder Dogmatisierung. Davor, zu glauben, dass z. B. ein bestimmtes Fachwissen über Kräuter ausreiche, um damit zu heilen. Gleichzeitig betonen sie, dass kein Mittel (auch kein chemisches) von sich aus „schlecht“ sein muss. Wichtig ist der Umgang damit, und dass der Kranke bereit ist, selbst Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Wenn sich ein schamanischer Heiler entschließt, bestimmte Rituale durchzuführen (eine Krankheit symbolisch „auszusaugen“, zu trommeln und Lieder zu singen, oder die „verlorene Seele“ des Kranken zurückzuholen), dann tut er dies zur Bekräftigung jenes Bandes, das uns alle mit dem „Großen Geist“, der allgegenwärtigen Heilkraft verbindet. Dies sind überaus wirksame Rituale. Einen müden Abglanz davon nutzen westliche Ärzte, wenn sie weihevoll den Rezeptblock oder das Skalpell zücken und damit schulmedizin-gläubigen Patienten das Gefühl geben, Hilfe sei nahe.

Dass das wirklich stimmt, zeigten Versuche mit Scheinmedikamenten (Placebos) und sogar Scheinoperationen, bei denen die Patienten sich genauso gut und schnell von ihrer Krankheit erholten wie nach echten Eingriffen. Mit dem Unterschied, dass die Erfolge schamanischer Zeremonien meist dauerhaft sind, Placebo-Effekte dagegen nicht, bzw. halten sie nur so lange an, bis der Kranke die Wahrheit erfährt. Eine epidemiologische Studie unter Indianern der kanadischen Provinz Saskatchewan ergab, dass durch indianische Peyote-Heilzeremonien Alkoholiker in 99 Prozent der Fälle dauerhaft entwöhnt wurden. Von solchen Erfolgsquoten können unsere modernen Drogenzentren nur träumen.


Schlingpflanzen
Indigene Heiler zu verstehen, heißt auch, den Gedanken zu begraben, sie würden einfach billige Psychoeffekte zu ihrem Vorteil nutzen. Medizinmänner halten hypnotische oder spirituelle Techniken im Gegenteil für sehr gefährlich, sobald sie in die Hände von Menschen gelangen, an deren gutem Charakter gezweifelt werden muss. Deshalb sehen sie auch die westliche Sekten- und Esoteriklandschaft sehr distanziert. Indianerschamanen vergessen nie, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg und seine eigene Bestimmung hat. Diese als Arzt oder „Therapeut“ zu manipulieren, lehnen sie vollkommen ab.

Westliche Psychotherapeuten folgen tatsächlich nicht ungern dieser Schiene, so ehrlich darf man sein. Sie glauben, jede Krankheit und jedes Problem analysieren und „deuten“ zu müssen. Bleibt eine Heilung aus, wird die Schuld gerne auf die „mangelnde Mitarbeit“ des Patienten geschoben. Und öfter, als man zugibt, kommt es hier zu psychischer Abhängigkeit statt seelischem Wachstum. Viele Menschen, die jahrelang zur Psychotherapie oder in diverse Lebenshilfeseminare laufen, sehen – wie die italienische Dichterin Susanna Tamaro so treffend schrieb – meist nicht aus wie Sonnenblumen, die ihr Antlitz der Sonne zuwenden, sondern eher, als seien sie „von Schlingpflanzen befallen“. Indigene und asiatische Schamanen belächeln unsere westliche „Psychoakrobatik“. Demgegenüber haben ihre alten Riten, die eine Vielzahl heilsamer therapeutischer Effekte auslösen, allen Stämmen über Jahrtausende hinweg die körperliche und seelisch-geistige Gesundheit bewahrt.

„Echte“ Schamanen und Heiler sehen sich als Diener und nicht als Herrscher, wie viele unserer „Götter in Weiß“, und sogar die westliche Psychologie hat mittlerweile erkannt, dass eine altruistisch-dienende Haltung bzw. eine tiefe spirituelle Gläubigkeit als Anzeichen für seelische Gesundheit zu werten ist. Je gesünder ein Mensch, umso stärker seine Tendenz, an eine universelle Schöpferkraft zu glauben, ganzheitlich zu agieren, und demgemäß gesellschaftlich sinnvoll zu leben und zu arbeiten. Immer nur an sich selbst zu denken, ist dagegen die beste Garantie, krank zu werden und es auch zu bleiben. Wobei mir ein wichtiges Faktum der Erwähnung wert scheint: nämlich, dass viele westliche Ärzte kranker sind als ihre Patienten und früher sterben als der Bevölkerungsdurchschnitt.


Kranke Ärzte

Um es schließlich doch deutlich auszusprechen: Die Errungenschaften der modernen Notfallmedizin, der Chirurgie und Seuchenbekämpfung sind beachtlich und – überlegt und gezielt eingesetzt – kaum mehr verzichtbar. Der Großteil unserer westlichen Mediziner leistet hervorragende Arbeit. Was aber schwerlich über die Tatsache hinwegtäuschen kann, dass bei einer großen Zahl vor allem chronischer Leiden die Verfahren der konventionellen Medizin wenig effektiv sind. Nahezu 50 % aller verschriebenen chemischen Arzneimittel werden von den Patienten wegen tatsächlicher oder befürchteter Nebenwirkungen niemals eingenommen. Gleichzeitig sind die Fälle iatrogener (d. h. durch schulmedizinische Behandlungen erst ausgelöster) Erkrankungen seit Jahrzehnten im Ansteigen begriffen. Zehn von hundert westlichen Patienten verlassen ein Krankenhaus nachweislich kranker, als sie es betreten haben.

Die künftige Vorgangsweise kann jedenfalls zum Wohle aller Beteiligten nicht darin bestehen, die Gegensätze zwischen Schulmedizin und traditioneller „Naturheilkunde“ zu kultivieren, sondern vielmehr herauszufinden, welche Art der Behandlung im Einzelfall den größeren Erfolg bei minimalen Risiken entspricht. Dazu bedarf es der Gesprächsbereitschaft und Zusammenarbeit auf beiden Seiten. Gewinnstreben und Profilierungssucht haben in den Hintergrund zu treten. Viel öfter wird man dem Grundsatz „Wer heilt, hat Recht“ zur gebührenden Geltung verhelfen müssen. Denn eine Medizin, die sich als geschlossenes System ohne die Bereitschaft zur Auslotung neuer Dimensionen präsentiert, wird auf Dauer weder dem kranken Menschen noch sich selbst dienlich sein.

Neben der westlichen „Evidence-based-Medicine“, die sich auf Beweise und experimentelle Fakten stützt, existiert überall in der Welt auch eine hochgeschätzte Erfahrungsmedizin, deren Erkenntnisse auf den sichtbaren Anwendungserfolgen über einen Zeitraum von Jahrhunderten und länger beruhen. Zwischen den Vertretern beider Richtungen ein fruchtbares und respektvolles Miteinander herzustellen, sollte das Ziel künftiger Forschung und Praxis sein.