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hermann götz | kranken-klassen

Über Gesundheit als höchstes Gut und elitäres Konstrukt der Gesellschaft

Es ist nicht so, dass sie mit den Schultern zucken würde. Aber so etwas wie ein Schulterzucken liegt unzweifelhaft in der Stimme von Tante Gerda, wenn sie ihren Lieblingsspruch ausspuckt, der mindestens so resignativ ist, wie er optimistisch sein will: „Hauptsache, wir sind gesund“. Womit sie definitiv nicht sich selber meinen kann. Aber das ist eine andere Geschichte. Unsere Geschichte beginnt hier, weil Tante Gerda auch ganz anders heißen könnte. Es ist nahezu egal, wie wir sie nennen, denn ihren Spruch führt eine ganze Generation im Mund. Es gibt keine existenziellen Probleme (mehr). Außer die gesundheitlichen. Zumindest wird das von Menschen, die so genannte „andere Zeiten“ erlebt haben, so empfunden.


„Hauptsache gesund“

Wie hart diese Aussage ist, wird erst auf den zweiten Blick klar. Denn Tante Gerda versucht tatsächlich sich einzureden, dass Beziehungskrisen, Stress, Überarbeitung, Depressionen, Alkoholismus etc. nicht ernst genommen werden müssen, so lange wir davon keinen Schnupfen bekommen. Die moderne Medizin hat sich aber auch den Alkoholismus, die Depression und das Burn-out als Krankheitsbilder einverleibt. Die WHO (World Health Organization) definiert Gesundheit überhaupt als einen Zustand, der nicht nur physisch, sondern auch psychisch und sogar sozial bedingt und beschreibbar ist. Damit ist nicht nur gesagt, dass endlich auch andere als allein körperliche Probleme ernst genommen werden, sondern auch, dass es für ein Problem notwendig ist, innerhalb der Kategorien Krankheit und Gesundheit verortbar zu sein, um ernst genommen zu werden. Heißt: Tante Gerda hat doch recht.

Gesundheit ist demnach das alles beherrschende Dogma – um nicht zu sagen die Religion – unserer Zeit. Und zugleich ihr Mysterium. Denn trotz allen Fortschritts werden wir weiterhin krank, immer wieder. Vielleicht sogar: immer öfter. Und der Wert von Gesundheit steigt weiter: Erstens weil sie sich – so scheint es – auch im Wohlstand nicht kaufen lässt (wofür nicht nur so genannte „Wohlstandskrankheiten“ sprechen) und dann weil in Zeiten schwindenden Wohlstands auch die zuletzt selbstverständliche „beste Versorgung für alle“ nicht mehr selbstverständlich erscheint.

An gleich zwei Fronten taugt Gesundheit deshalb auch als Mittel der gesellschaftlichen Abgrenzung, als Vehikel der Distinktion: Abgrenzung von denen, die sich die beste Versorgung nicht (mehr) leisten können, und Abgrenzung von denen, die den Wert der Gesundheit noch nicht erkannt haben, sich nicht darum bemühen. Beide Formen der Abgrenzung, der Unterscheidung, funktionieren nur, wenn Gesundheit sichtbar wird.


Soziologie der Zahnstellung

Der Medientheoretiker Jo Vulner hat in seine Buch Info Wahn in einer Mischung aus Sendungsbewusstsein und Arroganz (zu der zweifellos nur Medientheoretiker der 1990er-Jahre fähig waren) festgehalten, dass die armen Amerikaner alle ungesund, dick und hässlich seien, die reichen Amerikaner hingegen gesund, fit und gutaussehend. Armut macht krank. Aber muss Reichtum deshalb gesund sein? Egal, ob dieser Kurzschluss stimmt, sicher ist, dass er (für) wahr genommen wird. Warum sonst setzen sich heute mehr Menschen denn je den zeitgenössischen Foltermethoden in Fitnesscenter und Solarium aus? Warum quälen sich Menschen auch ganz ohne masochistische Veranlagung durch Diäten und zweifelhafte physische Renovierungsprogramme? Wenn Pierre Bourdieu in den 1980ern Bildung und Habitus ins Zentrum gesellschaftlicher Distinktionsspiele stellte, sollten wir heute Gesundheit und gutes Aussehen, oder besser die Kombination aus beidem, zum Stigma der Eliten erklären. Als Argument dafür muss man nicht erst die Kosten für eine Schönheitsoperation ins Treffen führen. Es genügt, darauf hinzuweisen, was alles im Bereich der Zahnmedizin von den Krankenkassen als Schönheitsoperation betrachtet wird. Die Armen erkennen wir am Amalgam. Oder an ihrem Vorbiss.

In der Zahnstellung offenbaren sich die groben Unterschiede – frei nach Bourdieu lebt Distinktion aber von den feinen. Was ist gesund? Oder besser: Was wird dafür gehalten? Die Trends, die auf diesen Subtext bauen, erhalten nicht nur einen florierenden Wirtschaftszweig, sondern auch den Markt der Meinungen, der letztlich bestimmt, wer up to date ist, und wer nicht. Kein Zufall, dass Magazine wie profil mit geradezu lästiger Regelmäßigkeit Coverstorys zum Thema bringen. Monat für Monat werden da diverse Formen von Alternativmedizin als wirkungslos entlarvt, wird von bahnbrechenden Erkenntnissen der Forschung berichtet, die AIDS, Krebs, Haarausfall oder Fußpilz für immer stoppen sollen. Zählen wir auch die Auseinandersetzung mit gesunder Ernährung und „Fitness“ dazu, kann das Thema Gesundheit getrost als medialer Dauerbrenner bezeichnet werden.

An dieser Stelle sollte auf Cordula verwiesen werden, jene junge Psychologiestudentin, die alle zwei Wochen einen anderen Ratgeber verschlingt und sich mit ungebrochener Euphorie durch die Verheißungsprogramme von Bachblüten, Fußreflexzonenmassage, Homöopathie, Krautsuppendiät, Kneipp, Feng Shui oder Shiatsu kämpft, obwohl sie natürlich „Krankheit als Weg“ begreift und eigentlich nur „in sich hineinhören“ will. Aber da Cordula, obwohl ihr Name geändert wurde, dann sicher sauer auf die schreibkraft ist, lassen wir das lieber bleiben.


Beste Versorgung für alle?

Im Zauberberg beschreibt Thomas Mann, wie Familien, die nur durch kleinen Wohlstand gesegnet sind, sich durch teure Behandlungen todkranker Angehöriger in den finanziellen Ruin treiben lassen. Linderung von Schmerzen und Lebensverlängerung für den einen, bedeuten hier Raubbau an der Zukunft der anderen. Und wer sich die beste Versorgung partout nicht leisten kann, stirbt schneller und/oder unter größeren Schmerzen.

Von einer Zwei-Klassen-Medizin dieser Art sind wir heute tatsächlich weit entfernt. Aber wie lange noch? Unser Gesundheits- und Versicherungssystem krankt nicht nur an einer Gesellschaft, in der immer mehr alte Leistungsempfängern immer weniger junge „Netto-Zahler“ gegenüberstehen, sondern auch an den ständig wachsenden Möglichkeiten der Hightech-Medizin, die in Anspruch zu nehmen der ethische Imperativ unserer Gesellschaft verlangt – egal, was sie kosten. Apologeten der Alternativmedizin präsentieren diese daher auch als ökonomische Alternative. Ließe sich Krebs durch Kräuterkuren tatsächlich ebenso effizient bekämpfen wie durch Chemotherapie, wäre das nicht nur ein großer Schritt in Richtung sanfter Heilung, sondern auch eine Revolution für das Budget. In der Realität werden alternativmedizinische Angebote aber bekanntlich nicht als Alternative, sondern nur als Ergänzung zur schulmedizinischen Behandlung akzeptiert. Als solche dürfen sie dem Patienten dann „zu mehr Lebensqualität“ verhelfen, oder gar „den Selbstheilungsprozess fördern“. Wenn er sich’s leisten kann.


Lifestyle-Gesundheit

Dass Alternativmedizin nicht als Alternative akzeptiert und folglich durch das Kassensystem kaum unterstützt wird, macht sie teuer und auch wertvoll. In Sachen Distinktion sprechen Gehaltsniveau und Akademikerrate in den Wartezimmern der Homöopathen eine deutliche Sprache. Wer aber wirklich „vorn dabei“ sein will, muss schon wissen, welche Therapieform gerade wirklich angesagt ist. Die klassischen Birkenstock-Träger mit den hellen Leinenhosen setzen hier schon längst keine Trends mehr, sondern jene, die es sich leisten können, genau das in Anspruch zu nehmen, was „gut und teuer“ ist. In bunten Frauenzeitschriften lesen wir dann, wer warum in Milch und Honig badet und wundern uns längst nicht mehr darüber – wie einst über Michael Jacksons Aufenthalte im Sauerstoff-Zelt.

In Thomas Manns Zauberberg manifestiert sich krank sein als abgehobener Lifestyle. Heute gilt dasselbe unter umgekehrten Vorzeichen. Damals war es ein trügerisches Privileg, sich Krankheit leisten zu können. Heute folgen wir dem Trugbild käuflicher Gesundheit. Zum Début de Siècle grüßt ein neuer Vitalismus: Entelechie für die Elite.