schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 14 - patient spezial krankheit macht schulden
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/14-patient-spezial/krankheit-macht-schulden

krankheit macht schulden

michaela schröder | krankheit macht schulden

Gesundheit beinhart kalkuliert

Neuerdings spricht man von ”Human Resources”. Da die ”Ressource” laut Lexikon als ”natürliches Produktionsmittel für die Wirtschaft” definiert wird, darf man den Terminus ”Human Resources” wohl analog verstehen. Das menschliche Produktionsmittel gehört zu den wesentlichen Voraussetzungen nationalen Wohlstands – gleich wie das Vorkommen an Bodenschätzen, fruchtbarer Humus zur landwirtschaftlichen Nutzung und gewisse klimatische Bedingungen. Wie sich an der Volksrepublik China zeigt, kann es für einen Staat ökonomisch günstig sein, eine geradezu unerschöpfliche Quantität an Humanressourcen aufzuweisen. Doch auch die Qualität ist entscheidend. Im Rahmen industrieller Produktion sind gesunde, kräftige und junge Humanressourcen von Vorteil, in einer Dienstleistungsgesellschaft sollten die menschlichen Ressourcen gebildet und mit höflichen Umgangsformen ausgestattet sein. Humanressourcen sollen durch ihre spezifischen Arbeitsleistungen einen ökonomischen Mehrwert erbringen. Dieser dient keineswegs nur der privaten Wirtschaft, vielmehr ist der gesamte Staatshaushalt darauf angewiesen, einen großen Teil des ökonomischen Mehrwerts über Steuern und Sozialabgaben abzuschöpfen. Quantität und Qualität der Humanressourcen entscheiden also nicht zuletzt darüber, welcher finanzielle Spielraum der öffentlichen Hand zur Verfügung steht. Unter dem Blickwinkel der Staatsökonomie kann man die Humanressourcen in drei Kategorien einteilen:

Die idealen Humanressourcen gehören zur arbeitenden Bevölkerung – gewissermaßen auf der Höhe ihrer Schaffenskraft. Ihre Arbeitsleistung bringt in ihrem Tauschwert Geld nicht nur einen Mehrwert hervor, der abgesehen von Wirtschaftsunternehmen auch vom Staat abgeschöpft werden kann, sondern solcher Humanressource bleibt als privatem Konsumenten genügend Geld übrig, um damit alle Grundbedürfnisse zu befriedigen, die Binnenkonjuktur durch gehobenes Konsumverhalten anzukurbeln und weitere Humanressourcen in Produktion zu halten.

Die zweite Kategorie der Humanressourcen erzeugt nur einen geringen Mehrwert, weniger Steuern und Sozialabgaben können eingezogen werden, dem entsprechenden Privathaushalt steht ausreichend Geld zur Verfügung, um Grundbedürfnisse zu befriedigen, weiterer Konsum ist jedoch nur bedingt möglich.

Zur letzten Kategorie Humanressourcen gehören all jene, die aus der arbeitenden Schicht herausgefallen sind, sei es durch Krankheit, Alter oder Arbeitslosigkeit. Diese menschlichen Ressourcen produzieren keinen Geldwert mehr, sondern sie kosten Geld. Ihre Grundbedürfnisse müssen befriedigt werden, vielleicht benötigen sie neben Nahrung, Wohnraum und gewissen Konsumgütern auch Pflege, Unterstützung, Hilfe. Es handelt sich einserseits, wie bei den Arbeitslosen,  um bloß potentielle Ressourcen, andererseits – bei den Alten und Kranken – um ausgeschöpfte bzw. versiegte Ressourcen. Ihr Wert als Produktionsmittel ist verloren gegangen, sie verkleinern den Gesamtmehrwert, weil sie einseitige Ausgaben bedingen.


Unproduktive Ressourcen

Ein Staatshaushalt, der auf mehr menschlichen Nicht-Ressourcen als idealen Humanressourcen gegründet ist, kann verarmen. Ökonomisch besehen ist der Erhalt unproduktiver Ressourcen also von Nachteil, während bestimmte ethische Grundsätze auf der anderen Seite zur Fürsorge verpflichten. Die Kombination aus kapitalistischer Ökonomie und der Einhaltung, ja, Finanzierung ethischer Grundsätze, die da lauten, dass Kranke, Alte und Arbeitslose ein Recht auf Versorgung und Unterstützung haben, nennt man ”soziale Marktwirtschaft”.


Eigenverantwortlichkeit

Solange der finanzielle Mehrwert, den die Humanressourcen produzieren, größer ist als die Ausgaben für menschliche Nicht-Ressourcen, solange muss das Ethos der ”sozialen Marktwirtschaft” keiner Belastungsprobe standhalten. In solchem Fall kann sich der Staat im wahrsten Sinne des Wortes leisten, den sozialen Anspruch zu finanzieren. Je klammer es aber in den öffentlichen Kassen wird, um so deutlicher tritt der Widerspruch zwischen ökonomischen Zwängen und den ethischen Grundsätzen einer nicht geldwerten Würde des menschlichen Lebens zutage. Ungenutzte, ja, ökonomisch besehen gar unnütze Humanressourcen werden nun mehr oder minder deutlich als ”Problem der Gesellschaft” definiert, als Bedrohung des Wohlstands, als Gefährdung der Zukunft. Geburtenrückgang bei gleichzeitig höherer Lebenserwartung lässt das Wort von der ”Überalterung der Gesellschaft” aufkommen. Immer weniger junge Menschen müssen immer mehr Rentenbezüge finanzieren. Es folgen Drohungen der jüngeren Bevölkerungsschichten, den sogenannten ”Generationenvertrag” aufzukündigen. Arbeitslose als brach liegende Ressourcen kosten ebenfalls Geld, das von der arbeitenden Bevölkerung aufgebracht wird, dieser Umstand lässt mit einem Mal das Wort vom ”Sozialschmarotzer” aufkommen. Je weniger Menschen nun wiederum in Arbeitsverhältnissen stehen, um so weniger Geld fließt auch in die Kassen zur Versorgung der Kranken, und mit einem Male stehe die Begriffe von der ”Eigenbeteiligung” und ”Eigenverantwortung” im Raum.

Mit einem Wort: Je weniger Humanressourcen der ersten Kategorie immer mehr Humanressourcen der letzten Kategorie über den Umweg des Staates finanzieren müssen, je weniger Geld also in die öffentlichen Kassen fließt bei gleichzeitig steigenden Sozialausgaben, um so mehr Drohgebärden gegen die Inanspruchnehmer tauchen auf. Zwar wird das Ethos einer ”sozialen Marktwirtschaft” nicht aufgekündigt, doch es wird nun gegen die entsprechenden Personen gerichtet, die als Humanressourcen keinen Mehrwert mehr produzieren. Die ”Sozialität” als Ethos verwandelt sich in eine neue Form von Verpflichtung. Eine Humanressource, die nicht alles daran setzt, sich als natürliches Produktionsmittel eiligst wieder zur Verfügung zu stellen, sobald sie der Mehrwertschaffung verloren ging, jede Nicht-Ressource, die sich nicht unbedingt bemüht, die Kosten der öffentlichen Hand möglichst gering zu halten, wird mit einer ethisch hergeleiteten Schuldzuweisung konfrontiert. Der Geld kostende Arbeitslose wird der Asozialität verdächtigt. Dem alten, kranken Körper wird das Gebot der Eigenverantwortlichkeit als soziale Haltung vorgehalten. Speziell Krankheit, die eine Humanressource aus dem Kreis der Produktionsmittel ausschließt, wirft jetzt die öffentliche Frage nach dem Verschulden auf. In den Medien wird zunehmend über Fragen der Gesundheit und die entsprechende Verantwortlichkeit berichtet. Wie ist dem Übergewicht beizukommen? Wo darf geraucht werden? Sollte es Extraversicherungen für jene geben, die Risikosportarten betreiben?


Der Rohstoff Körper
Welche Folgekosten pro Jahr und Land durch Übergewicht, Rauchen, riskantem Freizeitverhalten und durch Krankheiten entstehen, wird jeweils genauestens angegeben. All diese Fragen werden nicht abgehandelt, um das Wohlergehen des individuellen Menschen zu steigern. Es handelt sich um eine Schuldfrage in Hinsicht auf Kosten, die doch gespart werden könnten, wenn sich die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft ”vernünftig” verhalten würden. Wer eine chronische Krankheit bekommt und womöglich in Frührente geht, wird sich verdächtigen lassen müssen, vielleicht mit dem Amtsarzt getrickst zu haben. Wer Krebs bekommt, könnte durch falsches Verhalten, insbesondere das Rauchen, vielleicht selbst schuld daran sein. Ja, möglicherweise sollten Raucher deshalb einen höheren Krankenkassenbeitrag zahlen.

Da es letztlich um Ökonomie geht, wird durchgerechnet, welche Maßnahmen sich als am günstigsten erweisen. Wird zu viel des Rauchens verboten, sinken die Einnahmen der Tabaksteuer. Lungenkrebs kann auch durch Feinstaub verursacht werden, aber der Automobilindustrie sollten keine allzu großen Hindernisse in den Weg gestellt werden. Bestimmte Freizeitbeschäftigungen unterstützen die Tourismus- und Freizeitindustrie. Alles – vom Menschen bis zum Wirtschaftszweig, bestimmten Produkten und Rohstoffen – sind eben Ressourcen und es kommt darauf an, die finanziell geschicktesten Lösungen zu finden, um den produzierten Mehrwert zu retten.


Eine Geldwertfrage
So wandelt sich der menschliche Körper, die individuelle Persönlichkeit, zu einem Rohstoff, der pfleglich behandelt werden soll, aber möglicherweise auch ein wenig ”büßen” möge, wenn er als natürliches Produktionsmittel ausfällt. Das Thema Krankheit gerät somit in einen neuen moralischen Kontext. Krankheit macht, ähnlich wie Arbeitslosigkeit, Schulden der Sozialgemeinschaft gegenüber. Erstens durch die finanziellen Aufwendungen, die dem nicht mehr ordnungsgemäß funktionstüchtigen Körper anzugedeihen sind. Diese Aufwendungen werden zweitens zunehmend von der latenten Frage begleitet, ob man diesen Ausfall an Leistungsfähigkeit womöglich durch Fehlverhalten selbst verursacht hat und in solchem Fall Fürsorge überhaupt im gleichen Maße verdient wie Personen, die von Krankheit als Schicksalsschlag heimgesucht werden. Drittens entsteht durch diese Neubewertung eine soziale Kultur, die auch dem noch gesunden Menschen Gewissensbisse aufdrängt, wenn er nicht durch sorgfältige Ernährung, Sportlichkeit und Abstinenz bei riskanten Verhaltensweisen die eigene körperliche Unversehrtheit zu pflegen versucht.

Gesundheit ist für das individuelle Leben ein bedeutender Teil der Lebensqualität. Doch dieser Aspekt gerät zunehmend in den Hintergrund. Die Frage, wer die Kosten für die Krankenversorgung trägt und wie die Ausgaben finanziert werden können, steht an vorderster Stelle und erzeugt eine zunehmende Bürokratisierung des Themas ”Krankheit”. Nicht zuletzt vermittelt der öffentliche Umgang mit diesem Thema dem lebendigen, individuellen Menschen die Botschaft, dass seine Physis letztlich eine Geldwertfrage ist.