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leiden: kein eintrag

sabine dengscherz | leiden: kein eintrag

oder: Wie das corpus das Ruder über- und die mens an die Kandare nimmt

Jenseits der Dreißig kommen die Wehwehchen. Das sagen alle. Und alle können nicht irren. Also zweifelst du allmählich an dir selbst. Bis jetzt hast du dich eigentlich nicht für zurückgeblieben gehalten. Aber so ist es nun mal: Die ersten dreiunddreißig Jahre deines Lebens bist du nachgerade unverschämt widerstandsfähig. Und schon auch irgendwie stolz darauf. Deine Hausapotheke füllt nicht einmal eine halbe Schuhschachtel, bei der Sozialversicherung bist du Nettozahlerin. Wenn du alt wirst, kannst du dein Guthaben vielleicht in Form einer hübschen Pension kassieren. Sofern sie dir dann noch jemand auszahlt.


Arzt/Ärztin: kein Eintrag


Wenn dich Bekannte nach einem passablen Hausarzt in der Gegend fragen, musst du passen. Du kennst weder gute noch schlechte. Ärzte sind für dich nur dazu da, dir bei Bedarf einen zu groß geratenen Weisheitszahn aus dem Kiefer zu stemmen oder deine Fruchtbarkeit hormonell im Zaum zu halten.


Patient (lat patiens leidend) m: ein Kranker, der ärztl. behandelt wird.


Ansonsten hältst du nichts davon, deine Zeit in überfüllten Wartezimmern abzusitzen. Der Patient, la patience, mit dieser Art von Geduld bist du nicht sehr gesegnet. Man hat ohnehin schon genug berufliche Termine, andere hältst du dir vom Hals. Drum schneidest du auch deine Haare selber. Das ist am effektivsten.


Krankenstand: kein Eintrag


Dein körperliches Leben reguliert sich ganz von selbst. Essen, Schlafen, Trinken, Rauchen, Sex, mehr brauchst du nicht. Wenn es dir doch einmal schlecht geht, dann gönnst du dir einfach ein bisschen mehr Schlaf, und ein bisschen weniger von allem anderen.

Warte nur, bis du dreißig bist, sagen jene, die es wissen müssen, dann steckst du nicht mehr alles so weg. Du zuckst die Achseln. Dein Körper läuft anstandslos als Rädchen im Getriebe deines Willens, legt an Fülle zu und lässt dich meist in Ruhe.


Gesundheit: Nach der Definition der WHO ist G. körperliches, geistiges u. soziales Wohlbefinden; später durch das IAA um berufliches Wohlbefinden ergänzt. Wer diesen Anspruch allein der Medizin u. damit dem Arzt aufhalst, sprengt nach P. Schölmerich (Mainz) eindeutig die „Grenzen der Medizin“. Krankheitsgefühl aufgrund „sozialen Unbehagens“ kann auch mit größtem psycho-sozialem Engagement nicht vom Arzt u. „der Medizin“ bewältigt werden.


Da haben wir’s. Mens sana in corpore sano. Oder vielmehr umgekehrt, die mens sana richtet sich das corpus schon so ab, dass es meist gar nicht mehr wagt, sich anders als sana zu gebärden. Deine Lebensphilosophie ist Hedonismus spezial: Aus dem Vollen schöpfen bis zum Schluss, auch wenn du die bittere Pille dann vielleicht ein wenig früher schlucken musst als andere. Der Gedanke an den eigenen Tod hat nichts Beängstigendes für dich. Nur der Gedanke an den Tod ganz bestimmter anderer Menschen ist unendlich traurig und bringt dich immer gleich zum Heulen.


Leiden: kein Eintrag


Das Maß an Gesundheitsbewusstsein, das die Mitglieder deiner Familie an den Tag legten, korrespondierte übrigens nur sehr mäßig mit ihrer Lebensdauer. Wobei, sinnierst du, es ja tatsächlich so glückliche Individuen gibt, deren Instinkte noch ungebrochen das fordern, was gut für sie ist. Du gehörst nicht zu dieser Spezies, dessen bist du dir bewusst, während du an deinem Aperitif nippst und dir noch eine weitere Zigarette anzündest, und dabei wieder einmal feststellst, dass deine Nervosität vom Rauchen kommt.


Symptom (gr symptoma Zusammenfallen) n: Krankheitszeichen

S.atische Behandlung: Behandlung einzelner Erscheinungen (Symptome) einer Krankheit, nicht aber deren Ursache


Du blickst gelegentlich ganz gerne über den Tellerrand der Wirklichkeit hinaus. Du fragst: Was wäre, wenn …? und bastelst träumerisch an einem anderen Leben, das du vielleicht führen würdest, wenn du den einen oder anderen Hyperlink in deinem Curriculum Vitae gesetzt hättest oder nicht. Dein Alter Ego ist schlank und braungebrannt und steigt soeben in einen Minivan voll braver Kinder. Ein Bild wie aus der Werbung. Nicht ernst zu nehmen, aber die Lady schaut ganz glücklich aus. Wenn auch viel zu bieder, danke nein, so bist du nicht, so willst du auch nicht sein. Aber sie wirkt fit und keucht wahrscheinlich nicht, wenn sie deinen Koffer in den zweiten Stock schleppt. Und sie raucht natürlich nicht.


Sucht (ahd. suht, Krankheit): Arzneimittelsucht u. Sucht nach Rauschmitteln („Drogensucht“), in der Psychiatrie auch für Triebentartungen gebraucht. Sehr unscharfer u. mehrdeutiger Ausdruck, der von der WHO durch neue, eindeutigere Definitionen ersetzt wurde (s. Pharmakologische Abhängigkeit).


Du stehst in der Bahnhofsbuchhandlung und bist dabei, einen unterschwellig gefassten Entschluss auszuführen. Scheinbar unbeteiligt siehst du dich um nach eventuellen Bekannten (man kann nie wissen); die Luft ist rein, und du tust einen beherzten Schritt in das peinlich konnotierte Eck der Beratungsliteratur und findest glücklicherweise sehr schnell, was du suchst. Endlich Nichtraucher prangt auf einem roten Cover, und eine Faust zerbröselt energisch eine Handvoll Gauloises. Eine unglaubliche Verschwendung bei den heutigen Tabakpreisen. Der mutwilligen Zerstörung von Werten kannst du nichts abgewinnen. Du würdest auch keinen Whisky in den Ausguss schütten, nur weil du ihn nicht magst. Trotzdem schnappst du dir das Buch – hilft es nicht, schadet es nicht – und schleichst zur Kasse.

Du bist dreiunddreißig, und eine Reihe deiner siechen Zellen nimmt dich erstmals ins Gebet, es ist ein Kreuz und wirklich Zeit für einen Exorzismus.


Pharmakologische Abhängigkeit: syn. Arzneimittelabhängigkeit, drug dependence (WHO 1964); Zustand mit psychischer oder physischer u. psychischer Abhängigkeit von einem Pharmakon (nicht nur Droge) mit vorwiegend zentralnervöser Wirkung. Das Pharmakon kann zeitweise od. fortgesetzt eingenommen werden. Folgende Typen der ph. A. können unterschieden werden: überwiegend psychische A. bei Cocain-,  Cannabis-, Halluzinogen- (z.B. LSD u. Meskalin) u. Amphetamintyp; physische u. psychische A. mit körperlichen Abstinenzerscheinungen bei der Gruppe der morphinartigen Analgetika u. der Gruppe Alkohol/Barbiturate/Tranquillanzien. Abstinenzerscheinungen können von leichten veget. Zeichen (Schweißausbruch, Übelkeit u.a.) bis zu lebensbedrohl. Zuständen (Kreislaufversagen) reichen.


Das also ist des Pudels Kern. Der Rauch verzieht sich und du gehst zur Tagesordnung über. Die wiederum beginnt damit, dass der Barkeeper des Fitnessstudios dir deinen Lieblingscocktail voller Vitamine mixt. Deine Muskeln zittern noch ein wenig, schier orgastisch, und die Endorphine wabern wohlig durch die Glieder bis in den letzten Winkel deiner Zehenspitzen. Alsbald schlürfst du den Kiwi-Orangen-Guavensaft, leerst das stets dazu gereichte Glas Leitungswasser und wirfst seufzend einen Blick auf die Uhr, besinnst dich dessen, dass du keineswegs auf Wellnessurlaub bist, sondern nur eben dein tägliches, etwas zeitaufwendiges Training absolviert hast (ohne deinen Morgensport bist du ein halber Mensch) und nun schleunigst an die Arbeit musst, was dich – überströmt mit Glückshormonen, wie du bist – nicht einmal stört. Mit leichtem Bedauern nimmst du allerdings zur Kenntnis, dass du dem Vortrag Ayurveda zur Stressbekämpfung wahrscheinlich nicht beiwohnen kannst. Keine Zeit. Du fragst dich, wie du ein andermal in einem anderen Leben drei Jobs unter einen Hut bringen konntest, wo dir jetzt einer mehr als reicht.

Zum Teil liegt das wahrscheinlich daran, dass dein Fitnesstraining beinahe ebenso viel Zeit verschlingt wie dein Beruf. Ebenso die Essensbeschaffung und -zubereitung. Du kochst fast nur selbst, ernährst dich täglich frisch vom Markt, leichte Speisen, alles bio. After Work kaufst du statt Cocktails Gemüse, Obst und Joghurt. Leinsamen wegen der ungesättigten Fettsäuren (seit wann weißt du eigentlich, was eine ungesättigte Fettsäure ist?), aus demselben Grund nimmst du auch noch zwei Dosen Thunfisch und ein Stück Lachs, obwohl du Fisch nie mochtest.


Krankheit (mhd. kranc: schwach; ahd. chrancholon: kraftlos werden): Erkrankg., engl. disease, Störung der normalen Funktionen der Organe od. Organsysteme des Körpers. Ihre Entstehung ist abhängig von Disposition, Exposition u. Konstitution. – Rössle: Gesamtheit aufeinanderfolgender, abnorm gearteter Reaktionen e. Organismus od. seiner Teile auf krankmachenden Reiz.


Du passt auf dich auf. Es bleibt dir auch nichts anderes übrig. Denn die Liste der Reize, die die Normalfunktionen deines Körpers stören, wird immer länger und beginnt meistens mit „zu viel“. Nur bei den Dingen, die anstrengend sind, steht „zu wenig“, z.B. Training oder Disziplin. Jeder Fehler rächt sich gleich.

Mens sana in corpore sano, daran glaubst du nach wie vor, nur hat die mens nicht viel zu sagen, außer wenn sie grad beleidigt ist, dann reagiert der Körper solidarisch.


Psychosomatik (Heinroth 1818, später durch die Analytiker Freud, Abraham u.a. eingeführt) (gr -; soma Körper) f: Definition mehrdimensional: Richtung d. Medizin, die d. Einfluß des Seelischen auf körperl. Erkrankungen verfolgt. I. e. S. Krankheiten, deren Verständnis und Behandlung durch Einbeziehung des Seelischen bestimmt ist (Bräutigam), z.B. Ekzeme, manche Hypertonieformen, Kolitis u.a. I.w.S. Syndrome ohne faßbaren patholog. Organbefund. Der psych. Anteil ist immer von unterschiedl. Art u. Gewicht für jeden einzelnen Pat., was der P. etwas sehr Individuelles gibt.


Dein psychisches und physisches Gleichgewicht will wohlgepflegt sein und gehätschelt werden, sonst versagt das Getriebe seinen Dienst. Aber du hast das User Manual internalisiert und hältst dich dran. Dann läuft’s. Wenn auch nicht mehr ganz von selbst. Doch was willst du noch? Jetzt spürst du schließlich das, was alle sagen.


Leiden: Kein Eintrag

   

 

 

Alle Lexikoneinträge wurden unverändert entnommen aus dem medizinischen „Klassiker“:

W. Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch mit klinischen Syndromen und Nomina Anatomica. 254., neubearbeitete Auflage mit 2.843 Abbildungen. Berlin, New York: Walter de Gruyter 1982.