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liebling, ich habe die kinder ...

reinhard braun | liebling, ich habe die kinder ...

oder: Für eine neue Geständniskultur in progress

Allein schon die im deutschen Sprachgebrauch eher unübliche bis verpönte Anrede „Liebling“ deutet an, dass der Ausrufungssatz sich nur auf eine Katastrophe beziehen kann (und so legt es auch der Inhalt des dadurch zitierten Films nahe): ... fernsehen lassen, ... mit Milchschnitten ruhig gestellt, ... abzuholen vergessen. Die Anverwandlung anglizistischer Umgangsformen mündet in ein Eingeständnis des Versagens, eines Ungenügens und eines Mangels. Es steht nichts weniger als die Erziehungsfrage zur Debatte. Denn in frühen Jahren entscheidet sich, wer ein Patient sein wird, in welchem Umfang und vor allem, in welchem Alter. Die volksschulmäßigen Zahnarztbesuche offenbaren desaströse Kariesstatistiken, Übergewicht bei Kindern scheint sich signifikant zu erhöhen, Aufmerksamkeitsdefizite allenortens, traumatisierende Trennungen der Erziehungsberechtigten tun ein übriges, der übermäßige Druck, bereits in den ersten Schuljahren den Grundstein zur akademischen Karriere (möglichst im Ausland) zu legen, zumindest aber den elterlichen Berufswünschen zu entsprechen, mündet nicht selten in chronischen Atemwegserkrankungen oder gar Neurodemitis. Herrmann Maier (seines Zeichens Paradepatient der Nation) bringt es in einer aktuellen Werbung auf den Punkt: „Das alles wird einmal dir gehören!“ Wie hinzugefügt werden muss: inklusive Neurosen, schlechtem Gewissen, Bluthochdruck, Schlafstörungen und unerfüllten Wunschfantasien.

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, doch das falsche Leben im Richtigen legt permanent seine Fesseln aus, wir ertappen uns dabei, traumatisiert vor alltäglichen Fragen zur Ernährung, Unterhaltung, zu Umgangsformen und Kleidung zu kapitulieren, weil uns ständig diskursive, komplex-perspektivische Fragen zu Kontexten der emotionalen Intelligenz, des Körper- und Machtbegriffs, der globalen Ressourcenverteilung und des Gendermainstreamings dazwischenfunken.


Krankheitsbild Devianz?

Zeigt sich hier die psychosoziale Komponente gesellschaftlicher Abweichung (sprich: Individualismus) mit voller Wucht? Muten wir unserem Immun- und Lymphsystem Übermenschliches zu, weil uns Mainstream-Unterhaltungen unerträglich sind? Mag sein, doch bildet die Vorstellung, einer Minderheit anzugehören, auch das Fundament eines mühsam auf Dauer zu stellenden symbolischen Kapitals der Individualisierung dar: Biobauernmarkt statt McDonalds, Second Hand-Shops statt H & M, K-Swiss anstatt Nike, plakativ gesprochen. Doch andererseits ist die McDonalds-LKW-Flotte mit Biodiesel unterwegs, der aus den Ölrückständen der Fritteusen recyclet wird. Und viele Produkte tragen das AMA-Gütesiegel, und das meiste stammt von einheimischen Bauern. Noch dazu betreibt McDonalds länderspezifische Werbestrategien: Unsere kulturelle Differenz scheint also respektiert zu werden. All-Inclusive-Ökonomie.

Die Entscheidung zwischen Ökokonservativismus und Turbokapitalismus, um nicht ständig von Mode zu sprechen, ist also auf der Grundlage der Ressourcenfrage kaum mehr entscheidbar, auch diese stellt sich unmittelbar auf der Ebene der Ideologie, d. h. auf der Basis von Systemen und Strategien der Repräsentation, durch die Wirklichkeiten überhaupt erst verhandelbar werden. Und Ideologien lassen sich nicht mehr im Hinblick auf eine unverzerrte Wirklichkeit enttarnen, entlarven, richtig stellen, kritisieren, sondern nur im Hinblick auf ihre Effekte. Und diese Effekte haben es in sich, kann ich euch sagen.


Kulturell hysterisiert

Wie dem auch sei: in einer (post-utopischen?) Gegenwart, in der ein gesunder Körper kulturell hysterisiert wird, zeigt sich, dass dieser „gesunde Körper“ im Grunde ein (gar nicht neues) Vehikel der Normierung und Disziplinierung darstellt. Ging es einst darum, diesen Körper und sein Begehren zu entgrenzen, und wurden dabei auch massive gesundheitliche Folgeerscheinungen in Kauf genommen, so werden dieser Entgrenzung wieder restriktive Grenzen gesetzt (wobei mir die politische Pointe einfällt, die zugleich Helmut Schmidt und Franz Vranitzky zugeschrieben wird: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen – die Überschreitung von Grenzen, etwa des Möglichen, Denkbaren usw., wird zur Pathologie erklärt und der Medizin überantwortet). In einer Zeit also, in der fast alle Nachbarn dem Laufsport frönen und sich zumindest zu Halbmarathonbewerben anmelden, zu Rauchen aufhören (a propos!), regelmäßig ihre Gesundheitschecks durchführen und immer öfter bei Mangolds essen, erscheint das (ohnehin nur mehr schwach und vor allem pubertär) schillernde kulturelle Stereotyp „Live hard – die young“ plötzlich wieder in einem ganz anderen Licht. Zumindest erscheint es unwahrscheinlich, dass sich ein heute derartig pathologisierter Zugriff auf den Körper noch als Strategie entpuppen könnte, von den Rändern her an Wertesystemen der Gesellschaft auch nur zu rütteln, geschweige denn, diese zu kippen. Wenn aber Individualismus als Devianz, als (auch strategisches) abweichendes Verhalten, ursächlich mit der Produktion von Individualität verschränkt ist, und in diese Individualität immer auch der Körper involviert ist, führt quasi kein Weg an einem ruinösen Verhältnis zu diesem Körper vorbei, richtet sich doch die Individualität auch gegen eine neoliberale Körperpolitik, die wieder verstärkt von Reinheit (Sanitär- und Kosmetikindustrie) und Kraft (Wellnessindustrie) gekennzeichnet ist, jedenfalls von einem Funktionalitätswahn (und nicht ohne Grund sprechen Ausdauersportler vom Körper als Maschine). GesundheitsPOLITIK entpuppt sich somit als die gesellschaftliche Disziplinierungsinstanz, die sie immer war. Wenn diese neue funktionale Ästhetik des Körpers im Kern eines kulturellen Wertesystems auftaucht, dann muss dieser Körper durch einen radikalen change of life wieder fit gemacht werden, um nicht als ästhetische Katastrophe zu enden. Die Frage, das Rauchen zu beenden, erhält dabei die geradezu spirituelle Bedeutung eines kathartischen Ereignisses der Einsicht in die Wahrheit der (neoliberalen) Körper, mithin religiöse Substanz.


Dümmliche Konsequenz

Doch führt diese Analyse nicht in die dümmliche Konsequenz: Bleib’ cool (aka individuell, authentisch, real), lebe ungesund? Ist es sinnvoll, den Umstand noch zu radikalisieren, dass der Körper ein Schauplatz der Politik ist? Kann man sich diesbezüglich „neutral“ verhalten? Ein bisschen cool, gerade soviel, wie es meine Lebenserwartung nicht zu sehr beeinträchtigt? Aber was ist mit der Strahlung der Mobilfunksendestationen, dem Feinstaub und dem Lärm? Wie reagiert unser Gehirn auf die vielen Stunden am PC und an der PSP? Eignen wir uns neuartige (und unerlässliche) Formen der Medienkompetenz an? Macht uns das nicht schon wieder ein wenig fitter fürs Leben? Hätten wir dies nicht unter allen Umständen vermeiden wollen? Sehen wir den Raubbau an der eigenen Physis nicht gerade als ein politisches Projekt? Doch häufen sich diesbezüglich nicht gleichzeitig die Anzeichen dafür, dass wir bereits ein ausgesprochen intrumentelles Verhältnis zu unseren Körpern verinnerlicht haben, das sich unter anderem darin zeigt, zahlreiche Optionen möglicher Lebenspraxen durchzuspielen und sich für eine zu entscheiden, zumindest mittelfristig? Zeichnet sich darin nicht bereits das Ende eines sozial kollektivierten und kollektivierbaren Körpers ab? Und lässt sich diese radikal individualisierte Adressierung des eigenen Körpers überhaupt noch in ein Erziehungsmodell implementieren?

Alle diese Phänomene einer geradezu ontologischen Verunsicherung scheinen die Vermutung John Fiskes zu bestätigen, dass die Politik der Popularkultur auf dem Mikroniveau viel effektiver und sichtbarer wird als auf dem Makroniveau, da sie sich hier auf ihrem naheliegenden Terrain befindet. Und Widerstand rührt vom Wunsch der Unterdrückten her, die Kontrolle über die Bedeutungen in ihrem Leben auszuüben, eine Kontrolle, die ihnen typischerweise in ihren materiellen sozialen Bedingungen verweigert wird. Es ist zugleich tröstlich wie besorgniserregend, als Terrain oder gar als Unterdrückter bezeichnet und beschrieben zu werden, allein, ich habe es die meiste Zeit über vermutet, es mich längere Zeit nicht laut auszusprechen gewagt und neige dazu, mich durch die Akzeptanz dieses Umstandes in meiner neurotischen Identitätspolitik zu entlasten. Was kann man auch von Unterdrückten viel mehr verlangen, als zumindest eine halbwegs zusammenhängende Vorstellung von der Situation selbst zustande zu bringen.


Die kleinen Erfolge

Irritierenderweise fordert John Fiske darüber hinaus „politische Siege in den Kleinigkeiten des Alltags“ einzufahren, sie erweitern den Handlungsraum der Unterdrückten, sie bewirken Veränderungen in den sozialen Machtbeziehungen, wie geringfügig auch immer sie sein mögen. Sie sind Taktiken, in und gegen „das System“ zu wirken, anstatt sich ihm direkt entgegenzustellen. Wie aber sollen diese Taktiken auch nur begrenzten Erfolg versprechen, wurden doch gerade Mikropolitiken in den letzten Jahren kommerzialisiert wie nie zuvor? – Was dazu geführt hat, dass subkulturelle Praktiken, die einmal als Synonym für jene widerständigen Kleinigkeiten des Alltags fungiert haben, fast nur mehr als durch Marketingstrategien ausgebeutete Rolemodels konsumiert werden können. Entfremdung allenthalben. Zwar liegt die Bedeutung von Waren nicht in ihnen als Objekte, sondern in der Art und Weise, wie sie konsumiert werden, doch wer möchte schon seine erzieherischen Entscheidungen als Konsumangebote lesen? Welche Form der ideologischen Selbstbehauptung lässt sich aus einer anderen Art und Weise gewinnen, Dinge, Erfahrungen und Handlungsanweisungen zu interpretieren? Welchen Sinn ergibt es, durch die Entscheidung zu einem anderen (besseren? richtigen?) Leben nicht die Zurichtung eines Subjekts im Hinblick auf gesellschaftliche Verhaltensnormen zu intendieren, sondern diese gerade zu unterwandern, und sich damit automatisch einer Pathologie zu überantworten, die zugleich paralysiert wie befriedigt, die uns authentisch, aber krank macht? Und sollten wir unsere Kinder überhaupt in dieses „Spiel“ hineinziehen? (Verbrächten wir nicht so viel Zeit mit ihnen, hätten wir sie vermutlich nicht ... vergessen, geschrumpft, oder was auch immer.) Was für Chancen aber hätten sie, nicht hineingezogen zu werden? Die Erziehungsfrage steht also um nichts weniger zur Debatte.

Womit wir auch wieder bei der Vermeidung von zukünftigen Patienten angekommen wären, in einem zirkulären Navigieren durch kulturelle Texte, deren Relevanz sich allein aus Kontexten der ideologischen Sozialisierung ergibt, die allerdings als Metatexte selten für alltägliche Entscheidungen fruchtbar gemacht werden können. Ein schwer aufzudröselndes hermeneutisches Problem.


Unsere alten Rock’n’Roller

Wenn Lawrence Grossberg, einen Song von Warren Zevon zitierend meint, „I’d rather feel bad than not feeling anything at all“, und sich Jonny Cash auf seinem letzten Album mit Hurt in einer Art finalen existenzialistischen Geste seiner Lebendigkeit versichert („I hurt myself today/to see if I still feel“), so führen diese auch als Gesten einer Widerständigkeit lesbaren (kulturellen) Texte ebenfalls auf das Terrain eines Kampfes um die Codifizierung der Körper, einer Überschreitung der Instrumentalisierung/Konsumption/Lesbarkeit dieses Körpers, die heute beinahe schon mit dem Rauchen einer Zigarette in öffentlichen Räumen gegeben ist. Unsere alten Rock’n’Roller wie Iggy Pop mussten sich daran noch durch tatsächliche Schmerzen und an Verstümmelungen grenzende Interventionen abarbeiten.

Steht letztendlich dieser Körper und seine Beschriftungen wie Invasionen im Zentrum einer Debatte, die als ökonomische getarnt wird? Hat die Politik, ohne es zu wissen, sich die Erkenntnis quasi subliminal angeeignet, dass Identitäten immer relational und niemals vollständig, sondern in einem Prozess befindlich sind, dass jede Identität von ihrer Differenz und Negation abhängt, instabil, umkämpft und profitabel? Dann liegen die schwierigen mikropolitischen Entscheidungen genau in diesem „Spalt“, in diesem umkämpften Terrain von Differenzen, einem spezifischen Raum, einer spezifischen Konfiguration und Zirkulation – ja, auch von Macht.

Erneut muss gefragt werden, ob sich im Rahmen des pragmatischen Entwerfens dieser differentiellen, mikropolitischen Praktiken nicht als Kehrseite von Handlungsoptionen die psychosoziale Komponente gesellschaftlicher Abweichung mit voller Wucht zeigt. Geht die Beschriftung der (sozialen /entsozialisierten) Körper soweit, dass gerade diese Praktiken nurmehr als ideologisierte erfahrbar sind? Rührt daher das Dilemma, grundsätzlich Patient zu sein, in eine pathologische Devianz gegenüber einer ebenso pathologischen Normierung verstrickt zu sein?!