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Literarische Texte der Ausgabe 14 - patient spezial

wolfgang gulis | danke gut

Dramolett in sechs Patientenakten

I. Oberarzt Dr. Huber trifft Oberarzt Dr. Meier am Gang, hält den Befund vom Patienten in der Hand. Dr. Huber: Ah schön, dass ich Sie treff´, werter Kollege, kann ich Ihnen gleich den Befund des Patienten geben. (Liest vor): MR Leber. Ergebnis: Ca. 3,5 cm großer parenchymzersetzender Prozess am Übergang vom Segment 2 zu Segment 3 des linken Leberlappens nahe der Fissura interhepatica. Der Prozess liegt den Gallenwegen an. Ein Neoplasm... lesen


egyd gstättner | gesundheitskunst

Höchste Zeit, dass ich einmal von Dr. Orlowski erzähle, meinem Hausarzt, der sich seit vielen Jahren aufopferungsvoll, wenn auch mit untauglichen, nämlich medizinischen Mitteln um eine Gesundheit – oder sagen wir genauer: meinen Gesundheitszustand – kümmert. Denn mit Gesundheit hat mein Gesundheitszustand leider nicht viel zu tun. Ob man vom Gesundheitswesen spricht, vom Gesundheitsreferat, Gesundheitsministerium, vom Zentrum für see... lesen


egyd gstättner | vom kaputtreparieren

Eines der Worte, die in den letzten Jahrzehnten enorme Karriere gemacht haben, ist das Wort Depression. Und damit hat auch die Zahl derer, die daran leiden, sprunghaft zugenommen. Wenn meine Eigendiagnose zutrifft, zähle auch ich zum Kreis der Gelegenheitspatienten. Ich habe eine Schachtel Xanor in der Hausapotheke, und eines Tages werde ich sie öffnen! Ich meine es gar nicht ironisch, wenn ich die Malaise heimtückisch nenne: Man kann zum... lesen


gabriele rauch | nachsorge

Die Frau wartet im Wartezimmer. Andere Frauen warten im Wartezimmer. Die vor dem Fenster blättert in einer Zeitschrift, die mit dem Kopftuch greift nach ihrem Handy, die neben der Tür tröstet ihr Baby im Autositz. Eine Frau in Kostüm und Bluse dreht alle zwei Minuten nervös an ihrer Armbanduhr. Die Frau wartet bloß. Die Tür öffnet sich. Ein Mädchen in weißem Kittel ruft die Frau auf. Die nimmt ihre Tasche, steht auf, folgt dem M... lesen


amber rusalka reh | nachbarn

Zum ersten Mal passierte mir das, ich meine, dass ich meine Nachbarn hörte, in meiner ersten Wohnung. Ich stand im Bad und cremte mir das Gesicht ein, dabei summte ich ein Lied, das ich am nächsten Tag im Stühlchenkreis mit den Kindern singen wollte. Ein Himmel ohne Sonn, ein Garten ohne Bronn, ein Baum ohne Frucht, ein Mägdlein ohne Zucht, ein Süpplein ohne Brocken, ein Soldat ohne Gewehr sind alle nicht weit her. Ich hörte pl... lesen


katharina bendixen | menschen mit zettel und stift

Ich habe eine schwache Blase, deshalb verbringe ich täglich ungefähr zwanzig Minuten länger auf der Toilette als andere Menschen. Das sind im Jahr über fünf Tage. In zwanzig Jahren werde ich einhundert Tage mehr auf der Toilette verbracht haben als andere Menschen. Ein normaler Mensch ist bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von siebzig Jahren einhundertsiebenundsiebzig Tage seines Lebens auf der Toilette. Ich dagegen werde, wenn... lesen


christoph d. weiermair | heute schon stuhl gehabt?

Fünf Minuten vor Abpfiff packt den mäßig durchtrainierten Hobbykicker noch einmal der Ehrgeiz: Er zieht einen Sprint an und ist in nullkommanichts auf Augenhöhe mit seinem ballführenden Kontrahenten. Doch dann verheddert er sich unglücklich in dessen langen Beinen und strauchelt. Herbert Prohaska würde sagen: „Das sieht bitter aus. Schade für den Spieler. Ich wünsche ihn gute Besserung.“ Tatsächlich: Der ambitionierte Fußballer... lesen


reinhard wegerth | talgzyste, ängstlich

Jetzt geht er doch tatsächlich hin! Drei Jahre trägst mich bereits herum, vorne auf der behaarten Brust, als Erhebung nahe der Brustwarze rechts, langsam wachsend, harmlos im Grund, und jetzt willst dich von mir trennen? Dabei bin ich eh kaum zu sehen, münzengroß an der Basis, leicht aufgewölbt möglicherweise, die Brusthaare decken mich ab, bin höchstens zu tasten als verhärtete Stelle, das ist wohl der Punkt. Denn wer weiß, warum... lesen


markus köhle | alltagsallotria eines koprolalisten

„Hei Falk, alles klar?“ „Kein Politikfickgedicht im Arsch, was? Auch keine Ahnung, wie breit die Palette der Damenklosprüche gefächert ist, hm? Keinen Pullunder im begehbaren Schrank und kein Mutterdispositiv vorrätig, was? Jaja, dann ist es kein Zuckerdosenwunder, wenn im hauseigenen Glasbottich kein Kevin Pascal Kloß schwimmt, sondern lediglich Engelbert Humperdinck, der Erfinder von Hänsel und Gretel. Ja, 1921 gab’s noch ke... lesen