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menschen mit zettel und stift

katharina bendixen | menschen mit zettel und stift

Ich habe eine schwache Blase, deshalb verbringe ich täglich ungefähr zwanzig Minuten länger auf der Toilette als andere Menschen. Das sind im Jahr über fünf Tage. In zwanzig Jahren werde ich einhundert Tage mehr auf der Toilette verbracht haben als andere Menschen. Ein normaler Mensch ist bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von siebzig Jahren einhundertsiebenundsiebzig Tage seines Lebens auf der Toilette. Ich dagegen werde, wenn ich siebzig bin, fünfhundertzweiunddreißig Tage auf der Toilette verbracht haben. Das bedeutet, dass ich dadurch im Vergleich zu Menschen mit einer normalen Blase fast ein ganzes Jahr mehr dadurch verliere, auf der Toilette zu sitzen, zu spülen und mir die Hände zu waschen, ganz zu schweigen von der Zeit, die ich aufwenden muss, um Toilettenpapier zu kaufen. Mir steht ein Jahr weniger Lebenszeit zur Verfügung, bloß weil mich irgendein genetischer Zufall mit einer schwachen Blase ausgestattet hat. Ich wohne auch genau in der Mitte von zwei Haltestellen, so dass ich jeden Morgen sieben Minuten bis zur Straßenbahn laufen muss und am Abend sieben Minuten wieder zurück, während andere Menschen nur ein paar Stufen hinuntergehen müssen, so dass ich täglich ungefähr dreizehn Minuten mehr damit verbringe, zur Haltestelle zu gehen und wieder zurück, wodurch ich jährlich dreieinhalb Tage verliere, aber ich glaube, das führt jetzt zu weit.

Darum geht es ja auch gar nicht. Es geht ja eigentlich darum, dass mir auf dem Weg von der Haltestelle zum Büro, für den ich täglich fünf Minuten hin und fünf Minuten zurück brauche, was einen nochmaligen jährlichen Verlust von zweieinhalb Tagen mit sich bringt und was pro Jahr also insgesamt schon einen Zeitverlust von sechs Tagen ausmacht, so dass ich also für den Fall, dass ich bis zu meiner Rente nicht mehr umziehen und die Arbeit nicht mehr wechseln werde, ein weiteres Dreivierteljahr meines Lebens verliere, immer häufiger sonderbare Dinge passieren, für die ich keine Erklärung habe und die mir fast täglich mehrere Wörter stehlen, deren genaue Berechnung mir aufgrund ihrer Unregelmäßigkeit unmöglich ist. Es kommen Menschen mit einem Zettel und einem Stift in der Hand auf mich zu, die mich mehrmals pro Woche fragen, ob ich Camembert esse („Nein“) oder wie viele Personen in meinem Haushalt leben („Eine“). Dann sagen sie, gut, danke, ich könne weitergehen, und ich gehe weiter, ohne mein Gehen vorher überhaupt richtig gebremst zu haben, so dass die fragenden Menschen mit Zettel und Stift für eine kurze Weile neben mir hertrippeln müssen, um meine Antwort noch zu verstehen. Dadurch machen sie mehr Schritte, als sie eigentlich müssten, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich für die Beantwortung derartiger Fragen meinen täglichen fünfminütigen Büroweg durch ein Innehalten um eine weitere Minute verlängern muss, bloß weil jemand wissen möchte, ob ich Käse esse oder wie ich lebe, was eigentlich ja niemanden etwas angeht, aber ich denke in diesem Moment nicht daran, dass es niemanden etwas angeht und schon gar nicht diese Menschen mit Zettel und Stift, sondern antworte immer so schnell wie möglich, nur darauf bedacht, mich in meinem fünfminütigen Weg nicht anhalten zu lassen, damit diese Menschen durch das Nebenmirhertrippeln nicht so viele Schritte verlieren. Wenn ich mit ihnen eine Diskussion beginnen würde, über welche Bereiche meines Lebens ich Fremden Auskunft erteile und über welche nicht, dann wäre das Gespräch bis zum Büro sicherlich noch nicht beendet, so dass ich es entweder abrupt abbrechen müsste, wozu ich nicht in der Lage wäre, oder es fortsetzen müsste, wodurch ich einige Minuten verlieren würde und mich die Kollegen mit einem Menschen sprechend vor dem Büro sehen würden, und wenn dieses Gespräch so lange dauern würde, dass meine Dienstzeit schon beginnt, was nicht unwahrscheinlich ist bei einem so komplexen Gesprächsthema, noch dazu mit einem Fremden, bei dem jedes Wort sorgfältig ausgewählt werden müsste, dann würde ich zu spät ins Büro kommen und die Kollegen würden denken, dass ich faul wäre und lieber noch mit einem Freund plaudern würde, anstatt zu arbeiten, was ja gar nicht stimmen würde, aber ich könnte den Kollegen dann nicht erklären, dass mich ein Fremder gefragt hätte, ob ich Käse esse, und sich daraufhin ein Gespräch über intime und auskunftserteilungsgeeignete Bereiche meines Lebens ergeben hätte, weil sie mich dann vielleicht komisch ansehen würden und mir mittags nicht mehr einen Platz in der Büromensaschlange reservieren würden, weil ich immer, wenn es zum Mittagessen geht, erst einmal auf Toilette gehen und mich dann vordrängeln muss, um gemeinsam mit meinen Kollegen das Mensaessen in Empfang zu nehmen. Ich rauche auch nicht, sondern nutze die Raucherpausen meiner Kollegen, um die Toilette aufzusuchen, was mich vielleicht asozial erscheinen lässt und ein weiterer Grund ist, dass durch ein Gespräch mit einem Menschen mit Zettel und Stift kein schlechtes Licht auf mich fallen darf.

Ich frage mich aber vor allem, was passieren würde, wenn ich Camembert essen oder in meinem Haushalt zwei, drei oder vier Personen leben würden. Dann dürfte ich wahrscheinlich nicht weitergehen. Vielleicht würde ich dann Camembert von ihnen bekommen oder sie würden mir anbieten, eine, zwei oder drei Personen aus meinem Haushalt bei sich aufzunehmen, weil sie das Gefühl haben, dass ich eine Ein-Personen-Haushalt-Person bin, oder sie würden weiterfragen, zum Beispiel welche Sorte Camembert ich am liebsten esse oder in welchem Verhältnis ich zu den in meinem Haushalt lebenden Personen stehe, was sie noch weniger etwas angeht, weshalb ich froh bin, dass sie mich immer weitergehen lassen, sobald ich geantwortet habe. Ich sehe mich nicht imstande dazu, mit einem Menschen mit Zettel und Stift darüber zu sprechen, welche Art von Camembert ich am liebsten esse oder warum ich alleine lebe, denn dies sind Themen, die ich nicht einmal mit Menschen ohne Zettel und Stift, die ich kenne, bespreche, weil ich auch gar nicht wüsste warum. Ich finde generell, dass Camembert kein ausfüllendes Gesprächsthema ist, und abgesehen davon bin ich über die verschiedenen Camembertsorten auch nicht sehr gut informiert. Es gibt ja auch so einen Blauschimmelkäse, der eine ähnliche Konsistenz wie Camembert hat, aber das weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, weil ich im Allgemeinen keinen weichen Käse kaufe, sondern nur Scheibenkäse, denn sonst müsste ich die Frage auch mit „ja“ beantworten und wüsste schon, welche Frage sich dann anschließt, aber da ich keinen Camembert esse, sondern nur ab und zu welchen bei mir bekannten Menschen ohne Zettel und Stift sehe, weiß ich es nicht, und ich will es ja auch gar nicht wissen, weil ich mit den Menschen mit Zettel und Stift ja gar nicht reden möchte und noch dazu nicht über Camemberts. Außerdem weiß ich auch nicht, ob ein Blauschimmelkäse in die Klasse der Camemberts fällt oder ob es eine eigene Klasse der Schimmelkäse gibt und ob die Menschen mit Zettel und Stift mich fragen würden, ob ich Schimmelkäse esse, wenn sie etwas über Blauschimmelkäse erfahren wollten, oder ob die Frage zum Blauschimmelkäse auch etwas mit Camembert zu tun hat.

Einmal fragen mich die Menschen mit Zettel und Stift, ob sich meine Toilette auf der halben Treppe befindet. Das finde ich lachhaft, und weil ich einen Moment meinen geplanten Fünfminutenweg außer acht lasse, sage ich ihnen, dass ich das lachhaft fände. Warum ich das lachhaft fände, wollen sie wissen und schauen sich gegenseitig verständnislos an, und einer scheint die Stirn zu runzeln, was mich wütend macht, vor allem auf mich selbst, weil ich eigentlich gewusst habe, dass eine derartige Antwort eine Gegenfrage herausfordert, die ich aber aus den bereits erwähnten Gründen eigentlich zu vermeiden suche. Ich verstehe nicht, was sie damit meinen, was daran lachhaft wäre. Ich stelle mir vor, ich müsste jedes Mal, wenn ich auf Toilette gehe, auch noch eine halbe Treppe hinunter gehen, und danach eine halbe Treppe nach oben, dann würde ich jährlich noch zweieinhalb Tage mehr verlieren, auf mein ganzes Leben gerechnet also mehr als ein halbes Jahr, womit ich schon bei anderthalb Jahren verlorener Lebenszeit nur aufgrund meiner schwachen Blase, den Toilettenpapiereinkauf noch nicht mitgerechnet und die ungünstige Wohnlage auch nicht, angekommen wäre. Ich bleibe erst einmal sprachlos, weil mich die Frage der Menschen mit Zettel und Stift verwirrt. Sie trippeln neben mir her, bis einer von ihnen mir ein bisschen am Jackenärmel herumfingert und drängend fragt, was daran lachhaft wäre, er wohne in einem Haus mit Toiletten auf der halben Treppe, ob ich das etwa lachhaft fände. Ich verneine und fühle mich von den Menschen überrumpelt und überfordert. Schließlich bleiben sie stehen und ich gehe den fünfminütigen Weg ins Büro weiter. Am nächsten Tag fragen sie mich wieder, ob sich meine Toilette auf der halben Treppe befände. Diesmal bin ich besser vorbereitet und sage einfach „nein“. „Gut, danke, dann können Sie weitergehen“, sagen sie im Trippelschritt. Ich werde nie erfahren, was passiert, wenn man Camembert isst, in einem Zwei-, Drei- oder Vier-Personenhaushalt lebt oder die Toilette auf der halben Treppe hat. Kurz stelle ich mir vier Personen in einer Wohnung vor, die gemeinsam Camembert essen und danach zusammen eine halbe Treppe hinunter auf die Toilette gehen, und muss ganz kurz lächeln. Aber um herauszufinden, was mit solchen Leuten passiert, fehlt mir ja einfach die Zeit.