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milzbrand

brigitte fuchs | milzbrand

Aus Krankheiten lernen wir, dass Asien irgendwann nicht mehr in ganz Asien vorherrschte

Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen
Ich schieße keine Möwe tot,
ich laß sie lieber leben
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben
Christian Morgenstern, Möwenlied, 1905


Seuche
Ohne Zweifel gibt es Patienten. Die Frage ist, ob sie auch wirklich krank sind. Die Medizin als florierender, kommerzieller Wissenszweig beantwortet diese Frage allerdings positiv. Schenkt man den Vertretern und Vertreterinnen dieser Disziplin Glauben, so gibt es eine Unzahl von anerkannten Krankheiten, die durch Viren und Bakterien hervorgerufen werden. Die übelsten darunter sind zu allem Überfluss auch noch epi- und pandemisch, beispielsweise Pest, Typhus und natürlich auch der legendäre Milzbrand, der auch Anthrax heißt. Solche tödlichen Epidemien werden insbesondere durch Bio-Terroristen verbreitet, die bekanntlich eine globale Verschwörung bilden. Haben Bio-Terroristen schon seit ältester Zeit immer wieder Brunnen vergiftet, um die Christenheit durch die Verbreitung der Pest zu dezimieren, so verschicken und verteilen sie heute so gefährliche Krankheitserreger wie Anthrax per Post. Wie wir alle aus dem ORF wissen, schrecken sie nicht einmal davor zurück, sich selbst mit voller Absicht zu infizieren, um dann vielleicht auf der Wiener Mariahilferstraße spazieren zu gehen, wo sie alle anderen anstecken und über kurz oder lang die Menschheit vernichten. Pfui! (Fraglich bleibt, ob, wie Alfred Hitchcock 1963 in The Birds behauptet hat, auch oder gerade die Vögel – allen voran die Zugvögel – an dieser Weltverschwörung teilnehmen. Als Träger des Vogelgrippevirus und Auslöser einer künftigen Pandemie werden sie aber ohnehin schon als Bio-Terroristen verfolgt, sodass kein Anlass zu übertriebener Besorgnis besteht.)


Krankheit

Wir Lebewesen tun also besser daran, an zwar anerkannten, aber nicht allzu üblen epidemischen Infektionskrankheiten wie grippalen Infekten, Maul- und Klauenseuche oder Brechdurchfall zu erkranken. Dafür hält die Pharmaindustrie nämlich meist schon die adäquaten Heilmittel und Impfungen bereit. Nicht zu empfehlen sind hingegen Infektionskrankheiten, die sich bei Bioterroristen besonderer Beliebtheit erfreuen, weil es dagegen keine ausreichend wirksamen Antibiotika gibt – zum Beispiel Vogelgrippe, Milzbrand oder Lungenpest. An solchen Erkrankungen müssen wir sterben – aber nur eventuell, weil die Vogelgrippe in Wirklichkeit hauptsächlich Vögel befällt, Milzbrand in Wirklichkeit eher en- als epidemisch auftritt und die Lungenpest, wenn überhaupt, nur in indischen Slums vorkommt. Wir sterben daher nur selten an tödlichen Infektionserkrankungen, obwohl auch das – wie zum Beispiel im Fall von SARS – vorkommen kann. Viel häufiger sterben wir an Schlaganfall, Herzinfarkt oder Krebs als „Krankheiten“, die verglichen mit viralen und bakteriellen Infektionserkrankungen allerdings eine obskure Ätiologie aufweisen. Zu Recht wird immer wieder bezweifelt, dass es sich dabei um echte Krankheiten handelt, und die Frage lautet: Trifft uns der Schlag, weil wir sterblich oder weil wir „krank“ sind?


„Krankheit“

Die Beantwortung dieser schwierigen Frage hat andere Wissenszweige als die Medizin dazu geführt, die Existenz von Krankheiten, einschließlich der infektiösen und epidemischen, weitgehend zu leugnen. Thomas Mann zum Beispiel hält die Tuberkulose – die im Allgemeinen als gefährliche, unter Umständen ansteckende Lungenkrankheit gilt – nicht eigentlich für eine Krankheit. Wohl aber beschreibt er diejenigen, die darunter leiden, ausdrücklich als Patienten. Trotzdem sind, Thomas Mann zufolge, viele Tuberkulöse gar nicht wirklich krank, vielmehr leiden sie unter einer Art von Infektion „aus Asien“. Damit meint Mann aber nicht, dass die Tuberkulose „ursprünglich“ aus „Asien“ käme, wie dies beispielsweise von Pest und Cholera behauptet wird. Noch weniger will er offenbar behaupten, dass es – ähnlich wie dies für die Cholera gilt – außer „unserer“ auch eine gefährlichere „asiatische“ Tuberkulose gäbe. Eine solche Unterscheidung wäre auch irreführend, weil es sich bei der Tuberkulose dann genau umgekehrt verhalten würde wie bei der Cholera: Die „asiatica“- wäre weniger tödlich als die „europaea“- oder „nostras“-Variante. Darauf will Thomas Mann aber eigentlich gar nicht hinaus. Laut Mann ist die „asiatische“ Tuberkulose gerade deswegen so gefährlich, weil sie nur eine „Krankheit“ darstellt. Als solche besteht sie darin, dass ein Patient lieber krank sein will – und zwar möglichst lange – als sich mit nützlichen und gewinnbringenden Dingen zu beschäftigen. Laut Mann ist eine „asiatische“ deswegen in Wirklichkeit gar keine Tuberkulose. Vielmehr handelt es sich um einen Mangel an Beherrschung, Embourgoisement und Männlichkeit.


„Asien“

Es ist durchaus einleuchtend, dass viele Krankheiten „asiatische“ heißen. Ein einziger Blick auf einen beliebigen Globus lehrt uns nämlich, dass alles Land der Erde, sofern wir es nicht mit den Amerikas, Australien oder irgendwelchen Inseln identifizieren können, „Asien“ ist. Daher könnte man meinen, dass es sich bei den meisten Krankheiten mit Notwendigkeit um „asiatische“ handeln muss, es sei denn, man hätte es mit „amerikanischen“ Krankheiten wie Syphilis oder – was heute meist der Fall ist – mit „afrikanischen“ Krankheiten wie Ebola oder Aids zu tun. Seltsamerweise ist dem aber keineswegs so, so wie es ja außer der „asiatischen“ auch „unsere“ („europäische“) Cholera, den gewöhnlichen Brechdurchfall, gibt. Unser Brechdurchfall stößt uns allerdings mit der Nase auf so dringliche Fragen wie „wessen Brechdurchfall?“ und „wer sind ‚wir’?“ Eine mögliche Antwort darauf gibt es uns der britische Diplomat und Jerusalem-Pilger Alexander Kinglake, der – den üblicheren Seeweg meidend – um 1840 die Grenze von Österreich-Ungarn zum Osmanischem Reich bei Beograd überschritt:

The two frontier towns are less than a cannon-shot distant, and yet their people hold no communion. The Hungarian on the north, and the Turk and Servian on the southern side of the Save are as much asunder as though there were fifty broad provinces that lay in the path between them. Of the men that bustled around me in the streets of Semlin there was not, perhaps, one who had ever gone down to look upon the stranger race dwelling under the walls of that opposite castle. It is the plague, and the dread of plague, that divide the one people of the other. All coming and going stands forbidden by the terrors of the yellow flag. If you dare to break the laws of quarantine, you will be tried with military haste; the court will scream out your sentence to you from a tribunal some fifty yards off; the priest, instead of gently whispering to you the sweetest hopes of religion, will console you at duelling distance; and after that you will find yourself carefully shot, and carelessly buried in the ground of the lazaretto.
Kingslake, Eothen, 1840: S. 1

Daraus lernen wir, dass irgendwann Asien nicht mehr in ganz Asien vorherrschte: Erkrankten und starben im späteren „Asien“ die Menschen wie ehedem, wurden anderswo, im späteren „Europa“, maritime und terrestrische Seuchenkordons sowie Quarantänestationen errichtet. Dort wurden Handelswaren desinfiziert und Menschen erschossen, um die Immigration und Verbreitung der von epidemischen und infektiösen Krankheiten zu unterbinden. Diese wurden von nun an gern „asiatisch“ genannt und heißen heute meistens „afrikanisch“.


Patient

Zwar bilden „Asien“ und „Europa“ eine einzige Landmasse, jedoch sind beide im Hinblick auf früher gesetzte Anti-Seuchenmaßnahmen durchaus verschieden: Haben die einen – nämlich wir („wir“?) – weder Kosten noch Mühen gescheut, um ihre Grenzen mit undurchdringlichen Seuchenkordons auszustatten, haben die anderen auf peinliche Kontrollen fast gänzlich verzichtet. Daraus schließen wir, dass „wir“ wirklich „verschieden, aber gleich“ sind, wie es beispielsweise der bekannte Genetiker Luigi Luca Cavalli-Sforza ausdrückte. Nur wenn wir dieser Maxime der nationalistischen und rassistischen Theoretiker des 19. Jahrhunderts folgen, sind wir auch in der Lage, die conditio sine qua non unserer Humanität zu erfüllen. Diese besteht etwa gemäß dem „Jenaplan“ darin, dass

[j]eder Mensch … einzigartig [ist]“, weshalb „jedes Kind und jeder Erwachsene einen unersetzbaren Wert“ hat. Deshalb muss auch jedes Kind schon im Vorschul- und Volksschulalter „unseren Körper entdecken“ und lernen, dass „[j]eder Mensch […] einzigartig [ist] und [wir uns] doch gleichen […]. Alle müssen wir atmen, essen, trinken und schlafen – und alle kommen wir auf die gleiche Weise zur Welt.
Rübel, 1998

Würden wir diesen Sachverhalt nicht rechtzeitig tief verinnerlichen, würde uns vielleicht seine Widersprüchlichkeit, Banalität und Dummheit auffallen. Dann hätten wir auch keinen Wert und erst recht keinen „unersetzbaren“. Stattdessen wären wir asiatisch (oder „asiatisch“) und vermutlich mit jenem distinktiven Sinn für Humor ausgestattet, den Alexander Kingslake im Jahr 1840 an der kleinasiatischen Küste angetroffen hat:

You smile at a pretty woman … she sees and smiles; the presently, with a sudden movement, she lays her blushing fingers upon your arm, and cries out, „Yumourdjak!” (Plague! Meaning, „there is a present of the plague for you!”) This is her notion of witticism. It is a very old piece of fun, no doubt – quite an Oriental Joe Miller; but the Turks are fondly attached, not only to the institutions, but also to the jokes of their ancestors; so the lady’s silvery lough rings joyously in your ears, and the mirth of her women is boiserous and fresh, as though the bright idea of giving the plague to a Christian had newly lit upon the earth.
Kingslake, Eothen, 1840: S. 24

Ein Patient ist, wer sich durch Witze, die schon 1840 reichlich abgedroschen waren, für wirklich bedroht hält.