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amber rusalka reh | nachbarn

Zum ersten Mal passierte mir das, ich meine, dass ich meine Nachbarn hörte, in meiner ersten Wohnung. Ich stand im Bad und cremte mir das Gesicht ein, dabei summte ich ein Lied, das ich am nächsten Tag im Stühlchenkreis mit den Kindern singen wollte.


Ein Himmel ohne Sonn,
ein Garten ohne Bronn,
ein Baum ohne Frucht,
ein Mägdlein ohne Zucht,
ein Süpplein ohne Brocken,
ein Soldat ohne Gewehr
sind alle nicht weit her.


Ich hörte plötzlich eine Frauenstimme, spitz und rau, wie soll ich das erklären. Immer wieder hörte ich sie, so oft, wie ich Luft holte. Erst war das nur leise. Ich zog mein Nachthemd über den Kopf, das aus Flanell, und als meine Ohren wieder frei waren, hörte ich die Stimme immer lauter. „Ja, ja“, keuchte die Stimme und „bitte, ja.“ Da dachte ich, es kann nur das Eine sein, Kopulation, dachte ich, das ist Kopulation bei meinen Nachbarn. Sie „erkennen“ sich, sagt die Bibel. Da fingen meine Tinkturenfläschchen auf dem Regalbrett unter dem Spiegelschrank zu wackeln an, und ich warf mich davor, um sie aufzufangen. Zum Glück fiel nichts runter, außer mein Gummibalg, mit dem ich jeden Morgen Darmspülungen mache, und der geht Gott sei Dank so schnell nicht kaputt. Ich stellte die Fläschchen mit Jod und Baldrian und dem alten Parfüm von Mama, an dem ich manchmal schnuppere, auf den Fußboden und ging aus dem Bad. Ich hörte eine Männerstimme brüllen, dunkel und wie aus Holz, als ich die Tür zumachte. Ich schlief sehr schlecht in dieser Nacht.

Es war dann jeden Abend so mit der Kopulation, manchmal auch nachts, weil ich oft aufstand und ins Bad ging und es hörte. „Ja, bitte“, hörte ich wieder und wieder und diese Schläge gegen meine Wand. Die Fläschchen habe ich auf dem Fußboden stehen lassen, das war sonst gefährlich. Ich habe auch mal mit beiden Fäusten gegen die Wand gehämmert in einer Nacht, aber da haben die nur gelacht auf der anderen Seite. Mein Herz schlug mir vor Scham bis zum Hals, und ich schraubte Mamas Parfüm auf und atmete es ein.

Im Kindergarten war ich nicht mehr gut konzentriert, wahrscheinlich weil ich so wenig schlief, und auf einem Elternabend wurde es dann sehr schlimm für mich, weil sich die Mutter von Isabel beschwerte, dass ich den Kindern dummes Zeug ins Gehirn pflanzen würde, reaktionär geradezu, hat sie gesagt, sind die Lieder und Reime, die Isabel zuhause singen würde, reaktionär. Sie meinte besonders das Lied vom feinen Mädchen, das geht so: „Ich bin ein feins Mädchen, kann drehen das Rädchen, kann stricken die Maschen, kann flicken die Taschen. Kann nädeln und putzen, und fädeln und stutzen, kann singen und springen und braten und kochen das Fleisch und die Knochen.“ Viele andere Eltern sind dann auch aufgestanden und haben Isabels Mutter unterstützt, dass das so nicht geht, wir leben im neuen Jahrtausend und nicht im Mittelalter. Ich habe das nicht verstanden. Darf es denn keine Moral mehr geben im neuen Jahrtausend? Isabel hat das Lied vom feinen Mädchen sehr schön gesungen, mit glockenhellem Stimmchen, wunderbar. Meine Chefin hat mich kurz nach diesem Abend versetzen lassen in einen Kinderhort in einem anderen Stadtteil. Da habe ich gefunden, dass ich auch die Wohnung wechseln kann. Damit ich in der neuen wieder schlafen könnte, wenn das mit der Kopulation aufhörte.

In der neuen Wohnung war es aber genauso. Zuerst hatte ich zwei Nächte Ruhe und schlief durch. Dann, am Abend, als ich etwas kochte, hörte ich die Stimme einer Frau und die eines Mannes, gleichzeitig hörte ich sie abgehackt stöhnen, „du Miststück“, sagte der Mann immer wieder ganz heiser, „du Miststück“. Ich hackte die Zwiebeln ganz laut und kräftig, weil Nora, meine Kollegin aus dem Hort zu Besuch war und die Kopulation nicht hören sollte. Ich hatte doch so selten einmal Besuch und jetzt das. Jetzt war Nora da. Hörte sie die Kopulation? Ich sah sie schnell an, aber sie erzählte mir etwas, das ich vor Aufregung gar nicht verstand und tat so, als würden die Schreie hinter der Küchenzeile nicht jede Minute lauter. Sie hatte Takt, Nora, deshalb mochte ich sie leiden. Aber dann wurden die Stimmen so laut, dass ich das Messer auf das Holzbrett fallen ließ und die Hände gegen meine Ohren drückte. Die Augen machte ich auch noch zu. Nora sagte: „Was ist denn los?“ Und ich fragte: „Hörst du nichts?“ Und sie sagte: „Was denn?“ Es war mir sehr peinlich. Ich habe Nora erklärt, dass ich mich nicht wohl fühlte und wir uns vielleicht ein anderes Mal wiedertreffen könnten, wenn’s Recht wär. Sie zog ihren Mantel über und sah mich ein bisschen besorgt an. Dann ging sie.

Ich habe niemanden mehr zu mir eingeladen wegen der Geräusche. Nach einem halben Jahr bin ich in eine andere Wohnung gezogen. Wieder hatte ich Pech. Gleich neben dem Wohnzimmer gab es am frühen Abend die Stimmen, nachts ebenfalls und sogar morgens, wenn ich zur Arbeit los musste. Diesmal waren es zwei Frauenstimmen, das gibt es auch, habe ich gelesen, dass zwei Frauen sich nahe kommen.

Immer öfter fühlte ich mich krank und todmüde, gleichzeitig war ich nervös. Klistiere halfen mir am besten, deshalb machte ich nun morgens und abends eine Darmspülung. Warum ich meine Stellung im Kinderhort wieder verloren habe, weiß ich nicht. Die Chefin sagte, ich sollte mich mal ausruhen eine Zeit lang, weil ich doch keine anderen Ideen mehr hätte, als mit den Kindern Reime zu sprechen und das den ganzen Tag lang, sogar beim Freispiel wollte ich, dass sie die Verse wiederholten, immer wieder und wieder. „Wacker Mägdlein bin ich ja, rote Strümpflein hab ich an, kann stricken, kann nähen, kann Haspel gut drehen, kann noch wohl was mehr!“

Zu einem Arzt sollte ich auch gehen, die Chefin gab mir eine Adresse, und von ihm aus bin ich in eine Klinik gewiesen worden, in der man sich erholen kann fürs erste, denn klar, das hält kein Mensch aus, wenn die Nachbarn überall zu hören sind mit der Kopulation. Es ist nur so, dass ich jetzt seit zwei Tagen hier bin, und auch im Büro von Dr. Ritter, wo wir jeden Tag eine Stunde miteinander über mich sprechen, sind die Nachbarn zu hören. Dr. Ritter ist ein aufgeklärter Mann, er sieht eigentlich sehr gut aus, finde ich, er ist unglaublich nett zu mir, und ich tupfe mir Rouge auf die Wangen, bevor ich ihn treffe. Aber er hört nichts, von den Stimmen meine ich. Er ist taktvoll, er will sicher nicht, dass es mir peinlich ist, das Stöhnen. Die Frau neben Dr. Ritters Büro sagt „du Scheißkerl“, ich kann den Doktor manchmal gar nicht verstehen hinter diesem Geschrei. Dann schalte ich das alles in meinem Kopf ab und bete im Stillen:


Da steht ein Baum,
dahin leg ich meinen Traum,
dahin leg ich meine Sünd:
Dann schlaf ich mit dem Jesuskind,
mit Josef und Maria rein
ganz sicher ein. Amen.