schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 14 - patient spezial nachsorge
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/14-patient-spezial/nachsorge

nachsorge

gabriele rauch | nachsorge

Die Frau wartet im Wartezimmer. Andere Frauen warten im Wartezimmer. Die vor dem Fenster blättert in einer Zeitschrift, die mit dem Kopftuch greift nach ihrem Handy, die neben der Tür tröstet ihr Baby im Autositz. Eine Frau in Kostüm und Bluse dreht alle zwei Minuten nervös an ihrer Armbanduhr. Die Frau wartet bloß.

Die Tür öffnet sich. Ein Mädchen in weißem Kittel ruft die Frau auf. Die nimmt ihre Tasche, steht auf, folgt dem Mädchen ins Sprechzimmer. Das Zimmer ist eingerichtet mit einer Bücherwand aus Eiche, einem Schreibtisch, zwei Stühlen. Sie setzt sich in den Lederstuhl vor dem Schreibtisch. Der größere Lederstuhl hinter dem Schreibtisch ist zur Seite gedreht stehen geblieben. Das Mädchen schließt die Tür hinter sich. Die Frau liest Namen und Buchtitel auf  Buchrücken. Sie wischt sich mit einem Taschentuch Stirn und Nacken. Sie beguckt die Sachen auf dem Schreibtisch. Fotos von Kindern. Fotos von denselben Kindern mit einer lachenden Frau. Die Mutter, denkt die Frau und nimmt eines der Faltblätter vom Tisch. Sie liest nicht. Sie betrachtet die Wörter wie die strahlenden Frauen dazwischen. Sie faltet das Blatt wieder zusammen und legt es zurück. Die Frau mustert den Vorhangstoff. Die Frau schwitzt.

Der Arzt betritt den Raum. Er sagt: So! – Leben Sie noch?

Die Frau versteht nicht gleich. Sie kann sich schlecht konzentrieren. Alles ist so weit weg von ihr, das Leben der andern, der Arzt in diesem Zimmer. Sie ist so weit weg von sich selbst. Die Krankheit hat einen Kokon aus Watte um ihr Inneres gesponnen.

Noch, sagt die Frau durch die Watteschicht. Sie denkt an den Befund. Sie denkt an Röntgen und Injektionen. An die Operation denkt sie. Sie beantwortet die Fragen des Arztes. Was, wenn sie nicht den Befund gehabt hätte? Was, wenn sie einen anderen, einen schlimmeren Befund gehabt hätte? Dann würde sie heute nicht da sitzen. Dann wäre sie bestimmt noch nicht daheim bei ihrem Mann und den Kindern. Bestimmt wäre sie noch in der Klinik. Müsste, wie sie es bei ihrer Zimmernachbarin gesehen hatte, sich stundenlang diesen Giftcocktail in die Venen laufen lassen. Die Frau denkt. Ohne zu denken denkt sie. Sie denkt in sich hinein. Die Frau schwitzt.

Jetzt möchte der Arzt die Wunde sehen. Die Frau steht auf. Sie knöpft ihre Bluse auf. Sie streift einen Träger ihres Hemdes über die Schultern. Das Hemd fühlt sich feucht an.

Der Arzt ist ein Mann, denkt die Frau. Ihre Haut glänzt. Dass sie aussieht, wie sie aussieht! Das ist sie nicht, wird sie das jemals sein können? Sie legt den Büstenhalter auf die Bluse. Der Arzt macht eine Vierteldrehung in seinem Stuhl. Er steht auf. Sein Blick ist auf die Wunde gerichtet. Er geht zu der Frau. Er fasst ein Ende des schmalen langen Pflasters und zieht es ab. Sieht gut aus, sagt der Arzt, ohne von der Wunde aufzusehen. Mit Mittel- und Zeigefinger tastet er über den grellvioletten Schnitt, über die schwitzende Haut drum herum. Die Frau schaut auf ihre Brust und dorthin, wo die andere Brust war. Sie spürt den Schweiß auf der Kopfdecke. Zwischen den Schulterblättern spürt sie den Schweiß und zwischen den Schenkeln spürt sie ihn. Der Schweiß hinterlässt auf ihrer Haut einen dünnen Film feuchter Klebrigkeit. In Folie eingeschweißt, denkt die Frau. Bald bin ich erstickt und tot wie das Hühnchen in der Kühltheke im Supermarkt. Da liegen tote Hühnchen auf Styropor, in Folie gewickelt. Eins neben dem andern.

Der Arzt blickt immer noch auf die Wunde. Er murmelt was von „Glück gehabt“ und „halb so schlimm“, und die Frau sagt: Ja. Sie denkt an ihre schöne kleine Brust. Dass sie weggeschnitten wurde. Dass sie danach ins Labor gebracht wurde. Dass dieses Stück Brustdrüse, die Haut, die Brustwarze auf einen anonymen Tisch gelegt, zerschnitten und untersucht wurde. Zum Glück kennt der Pathologe nur die Brust, denkt die Frau, die Brust isoliert, losgelöst vom Körper, losgelöst von ihr. Das ist gut, dass der Pathologe nicht an ihr Bett kam. Das wäre ihr peinlich gewesen. Erleichtert atmet sie auf. Der Arzt fragt, ob es ihr nicht gut gehe und schaut immer noch auf die Wunde. Er fragt nicht, wie sich die Frau fühlt. Er fragt, warum kein Aufbau? Die Frau sieht an sich hinunter. Sie sieht den Schweiß vom Brustbein zum Bauchnabel rinnen. Sie blickt auf die Wunde. Sie antwortet nicht und denkt, das Silikonkissen wäre mein Gummibärchen gewesen und wischt sich mit dem Handrücken das Haar aus der Stirn. Es hätte sie nicht trösten können, aber sie versteht auch, dass niemand gern einem Krüppel begegnet. Sie schwitzt und denkt und sagt, vielleicht später. Irgendwann. Sie spürt ihre klebrigen Schenkel. Sie spürt ihren nassen Rücken.

Der Arzt dreht sich weg. Er blickt zum Schreibtisch, gleich nimmt ihn sein Stuhl wieder auf. Er greift nach dem Stift und macht Eintragungen auf der weißen Patientenkarte.

Der Arzt sagt: Wenn’ s dann nicht zu spät ist! Denken Sie an Ihren Mann!

Die Frau darf sich wieder anziehen. Ihre Hände zittern ein wenig, als sie den Verschluss des neuen Spezialbüstenhalters einhakt. Sie schiebt die schmalen Träger ihres Hemdes über die Schultern, greift nach der Bluse auf dem Stuhl. Die Ärmel haften auf der Armhaut und die zittrigen Finger der Frau haben Mühe, die Knöpfe in die Knopflöcher zu schieben. Die Frau schwitzt.
Sie sagt: Auf Wiedersehen.