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sie sind nicht krank, sie sind durstig!

andreas r. peternell | sie sind nicht krank, sie sind durstig!

Wer Visionen habe solle doch, bitteschön, zum Arzt gehen, beschied Helmut Schmidt, ehemaliger Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, all jenen, die sich mit einer solchen Bürde belastet sahen (heimische Medien legen dieselbe Äußerung gern seinem österreichischen Pendant Franz Vranitzky in den Mund). Ob diesem Aufruf in größerem Stil Folge geleistet wurde, ist nicht überliefert, was gemeint war, ist allerdings klar: Die Überschreitung von Grenzen wird zur Pathologie erklärt, jeglicher Individualismus als Devianz gebrandmarkt und der Medizin überantwortet.

Im Volksmund heißt es in ähnlichen Situationen gerne: „Na du bist vielleicht a Patient!“, und auch hier sind selten Personen gemeint, die sich gerade in Arztpraxen, Krankenhäusern oder Notarztwägen befinden. Wer krank ist, wer Patient, hängt demnach von gesellschaftlichen Normen ab, ist verhandelbar – oder gar eine Frage des freien Willens: Thomas Mann etwa hielt Tuberkulose nicht für eine Krankheit im eigentlichen Sinn, wie uns Brigitte Fuchs erklärt. Man erkrankte daran freiwillig, um sich nicht mit nützlichen und gewinnbringenden Dingen beschäftigen zu müssen. Krankheit musste man sich leisten können. Mittlerweile seien die Vorzeichen umgekehrt, meint Hermann Götz, heute folgten wir viel eher dem Trugbild käuflicher Gesundheit: „Die Armen erkennen wir am Amalgam. Oder an ihrem Vorbiss.“

Tatsächlich legt sich manch Wohlstandsgewinnler, dem Form und Größe diverser Extremitäten nicht mehr angemessen erscheinen, begeistert unters Messer: Fettabsaugen, Lippenaufspritzen, Brustvergrößern und/oder -verkleinern gehören zu beliebten Wochenendbeschäftigungen – und wer nicht ganz so weit gehen will, kann sich an einer breiten Palette von Wellness-Angeboten erfreuen. Kaum ein Wehwehchen, für das es keine passende Therapie gebe; kaum eine medizinische Frage ohne kostspielige Antwort. Probleme bereiten nur mehr „ernsthafte“ Krankheiten (die allerdings, führt Bernhard Wieser aus, könne man durch konsequentes Anwenden von Erkenntnissen der Genforschung von vorneherein unterbinden) und jene gesellschaftliche Gruppe, die sich die Angebote der Gesundheitsindustrie einfach nicht mehr leisten kann.

Die daraus resultierende Frage, wer denn die Kosten für Krankenversorgung nun tatsächlich tragen soll, stellt sich Michaela Schröder, während Karl Hofbauer und Eleonore Zorn (die sich einen Arztbesuch gerade noch leisten konnten) von ihren Erfahrungen in mitteleuropäischen Arztpraxen berichten. Benedikt Narodoslawsky hält Bella Flora für den Bundessprecher der Grünen und entdeckt die Advertiale Influenza – er darf daher in 20 bis 30 Jahren mit einem Nobelpreis der Medizin rechnen. Alexandra Roletts ICH hat diese Hoffnung bereits aufgegeben: „Macht doch euern Scheiß allein!“, rief es und begab sich ins Koma. Und zu guter Letzt erfahren Jürgen Plank und Andrea Hiller in ihrem Interview mit dem Blackfoot Pablo Russell, dass Visionen doch nicht in allen Gesellschaften verpönt sind. Russell folgte der seinen: „Den Geist des Büffels zu den Menschen zu bringen.“