schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 14 - patient spezial talgzyste, ängstlich
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/14-patient-spezial/talgzyste-angstlich

talgzyste, ängstlich

reinhard wegerth | talgzyste, ängstlich

Jetzt geht er doch tatsächlich hin!

Drei Jahre trägst mich bereits herum, vorne auf der behaarten Brust, als Erhebung nahe der Brustwarze rechts, langsam wachsend, harmlos im Grund, und jetzt willst dich von mir trennen? Dabei bin ich eh kaum zu sehen, münzengroß an der Basis, leicht aufgewölbt möglicherweise, die Brusthaare decken mich ab, bin höchstens zu tasten als verhärtete Stelle, das ist wohl der Punkt. Denn wer weiß, warum du mich loswerden willst? Bildest dir wahrscheinlich ein, dass dich bald weibliche Finger abtasten könnten, nicht die deiner Ehefrau, die nimmt mich ja hin, sondern die einer anderen Frau? Einer neuen, die auf deiner behaarten Brust unvermutet auf mich stößt und fragt: Was hast du denn da? Das wäre dir peinlich, wahrscheinlich hast deshalb beschlossen, dass du mich loswerden willst. Wegen mir musst dich nicht unters Messer legen, hat deine Ehe¬frau gleich gesagt und gefragt: Warum willst du denn schön sein? Wegen mir brauchst es nicht.

Doch da hattest bereits einen Termin, und jetzt sind wir tatsächlich dort! Du liegst auf der Pritsche, das Hemd abgelegt, die Hautärztin kommt ins Behandlungszimmer, ich kenn sie vom vorigen Mal, ist drei Jahre her, da war ich noch klein, sie hat neben mir, ohne mich zu beachten, ein Muttermal weggemacht. Jetzt aber schaut sie mich aufmerksam an. Ist das anerkennend gemeint? In deinem Sinn offenbar nicht, erklärst ihr, dass du mich loswerden willst, ersuchst um lokale Betäubung. Beim Muttermal kam eine Spritze zum Einsatz, droht mir das vielleicht auch? – Sie sticht die Nadel direkt in mich, du zuckst mit dem Mund, was soll ich erst sagen?

Die Hautärztin geht wieder raus, ins Behandlungszimmer daneben, wir müssen warten, bis du gefühllos bist, aber bist du das nicht sowieso längst? Willst mich doch eliminieren, ein Stückerl von dir! Nach zehn Minuten bin ich fast taub, wie die Hautärztin wieder hereinkommt, überhör ich die Tür, die Helferin legt dir ein Tablett auf den Bauch mit dem Schneidebesteck. Jetzt wird es ernst, du sollst den Kopf auf die Seite drehn, sagt die Ärztin, weg von ihr, damit du keinen Kinnhaken kriegst, worauf haben wir uns da eingelassen?
Du schließt die Augen, ich werde geöffnet, am Rande mit dem Skalpell, der Wundrand wird hochgezogen, die Ärztin ruft Klemme! und fixiert den Hautlappen seitlich, damit sie besser dazu kann. Noch bin ich unbeschädigt, reiche ja in die Tiefe, nicht oberflächlich wie so ein Muttermal, was wird die Ärztin machen?

Im Schneidebesteck liegt ein scharfer Löffel, am Rande geschliffen wie ein Skalpell, den nimmt sie und schneidet in die Tiefe der Epidermis, versucht mich schälend herauszuholen, strengt sich an, gelingt ihr, sie hat mich.
Ich erwarte natürlich, dass sie mich einschickt, wie das Muttermal damals, zur wissenschaftlichen Untersuchung, ein Muttermal kann ja gefährlich sein, eine Talgzyste aber auch, wenn sie sich entzündet und nach innen entleert, den Träger vergiftet. Doch was muss ich sehen? Frau Doktor entsorgt mich im Kübel, bin keiner Untersuchung mehr wert, wurde rechtzeitig eliminiert.
Mein einziger Trost: Du wirst noch was spüren, du Treuloser, und nicht zu knapp! Denn was verlangt die Frau Doktor jetzt? Große Tupfer soll die Helferin bringen, das heißt, es blutet. Und die Helferin sagt ungefragt: So ein Loch! Da kommt noch ein Wundschmerz, da kannst dich verlassen, das ist mein Abschiedgruß aus dem Kübel! Und die Nähte, die du jetzt kriegst, hinterlassen dir eine Narbe, die aber, hoffst du wahrscheinlich, wer weiß welche weiblichen Finger weniger stören werden als ich.