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und was macht der hase?

karl hofbauer | und was macht der hase?

„Schön sieht man bei der Operation nicht gerade aus. Mit dem Stahlrohr im überstreckten Hals, durch das Sie übrigens der Chef persönlich operieren wird, sieht man ein bisschen aus wie ein Hendl am Spieß.“

Ob die an sich sehr sympathische Anästhesistin das nur mir oder allen Patienten anvertraute, die an den Stimmlippen operiert werden sollten, weiß ich nicht. Auf jeden Fall hatte ich mich noch nie selbst als Hendl am Spieß visualisiert, hell beleuchtet auf einem OP-Tisch liegend. Ein weiteres erstes Mal. Wenige Wochen zuvor war ich zum ersten Mal stroboskopiert worden. Ein befreundeter Spitalsarzt eines Freundes hatte quasi „unter der Hand“ in meinen Hals hineingefilmt, weil ich seit Monaten unter zunehmender Heiserkeit und gelegentlichem Stimmversagen litt. Die Stroboskopie zeigte (und ich konnte über einen Monitor live dabei zusehen, während das metallene Gerät brechreizgefährlich weit in meine Gurgel hineinragte) an meinen Stimmlippen vulgo Stimmbändern einen großen weißen Batzen, der dort definitiv nicht hingehörte. Das erkannte auch ich als Laie. Der Arzt bezeichnete den Batzen als Kontaktgranulom und verglich es mit einem „Knecht“ auf der Hand eines fleißigen Holzarbeiters. Eine Art Schwiele also. Es sei in gewisser Weise verhärteter Schleim, sagte der Arzt, auf jeden Fall gutartig und wohl entstanden durch lang anhaltenden „falschen“ Stimmgebrauch.

Natürlich fragte ich mich, warum sich nach mehr als 37 Jahren richtigen Stimmgebrauchs plötzlich ein Fehler in mein verbales Kommunikationssystem eingeschlichen hatte. In dieser Phase des Grübelns und mich-Fragens kam mir eine alte Ausgabe von Psychologie heute unter. Darin las ich, dass, entgegen der landläufigen Meinung, Gesundheit nicht zu den menschlichen Glücksfaktoren zählt. Kranke Menschen seien „im Durchschnitt nicht unglücklicher als Gesunde […]. Ob Krebs, Rheuma, Aids oder Diabetes, die objektive körperliche Verfassung beeinflusst die allgemeine Zufriedenheit eines Menschen nur wenig“, stand da geschrieben.

Das war schön und gut zu wissen. Meine persönliche Erfahrung der letzten Monate und Jahre – mein schleichender Stimmverlust, mit einem Wort – wies aber darauf hin, dass im Umkehrschluss die allgemeine Zufriedenheit die objektive körperliche Verfassung sehr wohl zu beeinflussen in der Lage ist.

Meine persönliche „allgemeine Zufriedenheit“ hatte sich nämlich ab 2003 insofern verschlechtert, als ich mit der schlagartigen und enormen Änderung meiner Lebensumstände durch Heirat, Geburt eines Sohnes, Hauskauf, Verschuldung „auf ewig“ und Geburt eines zweiten Sohnes nur 16 Monate später, nicht Schritt halten konnte. Nach außen hin mochte ich schon geübter Windelwechsler und Popoeinschmierer, Gemüsegärtner und In-den-Schlaf-Leser sein, innen drin war ich immer noch studentisch lebender atypisch Beschäftigter, periodisch wiederkehrender Single und leidenschaftlicher Wirts- und Kaffeehausgeher. Wen wundert’s, dass ich den Abriss meiner Stammgasthäuser Kommod und Triangel im Herbst 2003 (in etwa zeitgleich mit der Geburt meines ersten Sohnes) als speziell an mich gerichtetes Zeichen sah. Durch diesen Abriss wurde mein persönliches „Sozial- und Begegnungszentrum“ der letzten eineinhalb Jahrzehnte dem Erdboden gleich- und mir unmissverständlich klar gemacht, dass abendliches Fortgehen und intensives Sozialleben ab jetzt für lange Zeit abgemeldet waren. Die Tonnen von Bauschutt in der Grazer Einspinnergasse drückten gleichsam auf meine psychosoziale Befindlichkeit, die wiederum in der einschlägigen Atem- und Stimmliteratur als maßgeblich und ausschlaggebend für die persönliche Stimmung und in weiterer direkter Folge für die Stimme gesehen wird. „Stimme ist gleich Stimmung“, lautet in den Fachbüchern so manche Kapitelüberschrift. Letztendlich könnte man also vermuten, dass sich meine bedrückte psychosoziale Befindlichkeit als bereits erwähntes Kontaktgranulom auf meiner rechten Stimmlippe manifestierte, das im Dezember 2005 schließlich im bereits erwähnten „Grillhendl-Stil“ an der HNO-Klinik Graz operativ entfernt wurde. Oder greift diese Erklärung doch etwas zu kurz?


Der Hase
Im Sommer 2006 musste ich über einen Zeitungscartoon lachen. Darauf saß ein älterer Mann mit entblößtem Oberkörper in einem Behandlungszimmer vornüber gebeugt auf einem Stuhl, und der Arzt, der mit einem Filzstift in der Hand seinen nackten Rücken untersuchte, sagte: „Die roten Punkte auf Ihrem Rücken sind absolut unheilbar. Sie werden daran sterben! Außerdem ergeben die Punkte, wenn man sie verbindet, einen Hasen.“ Worauf der Patient erwiderte: „Und was macht der Hase?“

Ich war und bin mir auch heute noch nicht sicher, warum ich über den Cartoon so lachen musste, aber ich habe den Verdacht, es hat mit dem zu tun, was ich einst in Psychologie heute las. Der Mensch scheint wohl eine der flexibelsten Lebensformen zu sein und sich in kürzester Zeit auf geänderte Umstände einstellen zu können. Selbst wenn man vollkommen davon überzeugt ist, im Falle des Falles mit einer schwerwiegenden Diagnose wie Krebs oder AIDS nicht zurechtkommen zu können, zeigt sich im realen Leben (ohne die schwülstig-dramatische Begleitmusik des Selbstmitleids in der Vorstellung), dass man viel mehr aushält, als man gedacht hatte und viel schneller noch dazu. Der Mann im Cartoon ist der Großmeister dieser Disziplin, aber auch reale Menschen im Rollstuhl oder in der Intensivstation wollen wissen, wie die Geschichte weitergeht, was genau „der Hase macht“.

Flexibel sind leider auch meine Stimmlippen. Sie ließen sich durch die operative Entfernung des Granuloms im Dezember nicht lange irritieren. Ende Mai, bei der ersten postoperativen Kontrolluntersuchung, war an genau derselben Stelle ein Nachfolge-Granulom zu sehen gewesen, und vor wenigen Wochen, Ende August, bei der bislang letzten Kontrolle war es unüberseh- und leider auch hörbar immer noch dort, wo es eigentlich nicht hingehörte. Meine Logopädin am LKH meinte, die Ausübung logopädischer Übungen bringe relativ wenig, solange ich nicht die Ursache für dieses (und das vorige) Granulom gefunden hätte.

Wenn das nur so einfach wäre! Allein am Kommod-Abriss und dem Kleinkindstress wird es wohl nicht liegen. Auf jeden Fall bin nun auch ich flexibel. Früher habe ich die Fachliteratur studiert (oft anstelle der erwähnten Übungen: Lieber noch ein Buch mit Übungen studieren, anstatt zu üben! – Typischer Kopfmenschzugang), mich schlau und damit nervlich immer fertiger gemacht, nun nehme ich den Batzen erst einmal hin, wie und wo er ist, arrangiere mich mit der Situation und denke mir, ich werde schon noch dahinter kommen, wo er herkommt.

Wie auch immer. Danke fürs Zuhören!