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vom kaputtreparieren

egyd gstättner | vom kaputtreparieren

Eines der Worte, die in den letzten Jahrzehnten enorme Karriere gemacht haben, ist das Wort Depression. Und damit hat auch die Zahl derer, die daran leiden, sprunghaft zugenommen. Wenn meine Eigendiagnose zutrifft, zähle auch ich zum Kreis der Gelegenheitspatienten. Ich habe eine Schachtel Xanor in der Hausapotheke, und eines Tages werde ich sie öffnen! Ich meine es gar nicht ironisch, wenn ich die Malaise heimtückisch nenne: Man kann zum Beispiel infolge herbstlichen Lichtmangels und Natursterbens davon befallen werden und wird die Malaise im Frühjahr, wenn die Natur erblüht, im Unterschied zur Natur doch nicht los ... Manche unternehmen einen Waldspaziergang, und manchmal gelingt es ihnen tatsächlich, ihre Depression dort zu entsorgen, aber weil es im Wald eben immer dämmert und dort auch schon so viele herrenlose Depressionen herumliegen, schnappen sie sich gleich eine neue und nehmen sie mit nach Hause in die Betonzivilisation. Wie zerronnen, so gewonnen ...

Das alles soll nicht heißen, dass unsere Vorfahren nicht an ambulanten oder stationären Stimmungstiefs laborierten, aber greise Worte wie Grille, Melancholie, Schwermut oder Traurigkeit hatten etwas Poetisch-Romantisches, die Depression hingegen etwas Wissenschaftliches und Klinisches. Man kann ja schwer zwischen Asthma¬tikern und Niereninsuffizienten zum Hausarzt gehen und sagen: Herr Doktor, ich bin traurig! – Ja, warum denn das, Sie Ärmster? – Ach wissen Sie, Herr Doktor, einfach so! Das Wetter, der Winter, die Finsternis, die Sinnlosigkeit, die Antriebslosigkeit, die düsteren Zukunftsaussichten, das tägliche Einerlei in Richtung Tod. Mein deprimierender Körper, mein deprimierender Geist, meine kuriose Seele!  Ich bin so ein armselig kleiner Wurm!

Vor ein, zwei Generationen hätte ein Doktor in einem solchen Fall noch brachial und unsensibel antworten können: Sie müssen sich zusammenreißen, mein Herr! Disziplin! Durchhalten! Pflichterfüllen! Ein Mann sein in der Stunde der Bewährung. Oder halt eine Frau. Mir kann er so natürlich nicht mehr kommen. Zusammenreißen, Herr Doktor? Wie soll das gehen? Auseinandereißen könnte ich, aber zusammenreißen ist wortwörtlich so unmöglich, absurd und grotesk wie auseinanderkleben, kaputtreparieren, heiltöten. Manisch, manisch, wie mir solche Worte kommen. Ich müsste also dringend zum Arzt, und heute würde er mir aufgeklärt sagen: Ich verstehe Sie, Herr Wurm! Und dann noch dazu in Ihrem Beruf! Ich kann Sie so gut verstehen! Nur sind in meinem Verständnis 20% Selbstbehalt Ihrerseits mit inbegriffen. Wenn Sie sich diesbezüglich mit der Sprechstundenhilfe ins Einvernehmen setzen würden ...; Eine Gesprächstherapie wäre empfehlenswert, sofern Ihre Brieftasche einverstanden ist, eine Familienaufstellung, eine Analyse. Alle Analysierten, die ich kenne, sind von den Analysen derartig begeistert gewesen, dass sie genau in dem Maß, in dem ihre Depressionen nachließen, wahre Analysesüchte entwickelten und mittlerweile neben allen anderen kostenintensiven Analysen auch eher aussichtslose Analysen mit dem Ziel machen, sich das Analysiertwerdenwollen und Familienaufstellen eines Tages wieder abzugewöhnen. Und da repariere ich Grantscherm mich doch lieber selber kaputt, solang ich kann.