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von der falschen freiheit

Antonia Barboric schreibt den inneren Monolog einer Generation


Antonia Barboric: Schnittpunkt Leben

Neckenmarkt: novum Verlag 2006

Rezensiert von: cornelia schuss


Ein 23-jähriger Mann sitzt im Zug und macht sich Gedanken. Soll öfters vorkommen, gerade beim Zugfahren hat man ja die Zeit dazu. Alles in allem also nicht besonders spannend, scheint es. Antonia Barboric erzählt trotzdem, was sich im Kopf des jungen Fahrgasts abspielt. Und auch sie tut das auf recht unspektakuläre Weise: In Worten, wie man sie tatsächlich in Zügen und auf Bahnhöfen hört, gerade so, wie es eben klingt, wenn Menschen sich ihren Frust, ihre Unsicherheit oder ihre Freude von der Seele reden. Und so sitzt der junge Mann in seinem Abteil und grübelt. Ja, er grübelt mitunter sogar darüber, warum er immer so viel grübelt, um dann wieder weiter zu grübeln. Diese Tätigkeit wird nur manchmal durch kurze Gespräche mit einem anderen Fahrgast im Abteil unterbrochen, quasi durch gemeinsames Grübeln. Die messerscharfe Selbstbeobachtung folgt prompt: „Also langsam komme ich mir wirklich wie so ein Prophet vor oder wie so ein Möchtegern-Philosoph.“

Doch, und das ist die größte Überraschung der gesamten Lektüre, die ständigen Gedankenspielereien des Protagonisten entwickelt eine seltsame Anziehungskraft. Denn bei aller Alltäglichkeit und Einfachheit webt die Hauptperson nicht nur seine kleinen, persönlichen Probleme ein, sondern auch die großen. Zur Sprache kommen Themen einer ganzen Generation: Geldsorgen, Jobsuche oder Studienwahl. Und so beginnt auch der Leser nach einigen Seiten nachzudenken: Ist das Ganze vielleicht doch nicht so banal? Verbirgt sich in dem schmalen Büchlein gar eine treffende Analyse der Gedankenwelt einer Jugend, die scheinbar keine echten Probleme hat? Und fällt einem das erst deshalb so spät auf, weil die Autorin auf hochtrabendes Geschwafel ganz einfach verzichtet und den sprechen lässt, der es am Besten zu wissen scheint? – Kann gut sein. Daher will man auch immer mehr wissen, von diesem jungen Mann, der so freundlich ist, den Leser an seinem Seelenleben teilhaben zu lassen: Er führt uns von Erinnerungen aus der Kindheit über die Gegenwart zu seinen Zukunftsträumen und macht dabei Halt bei ewigen Themen wie Freundschaft, Liebe und auch Tod. Offen, abwägend, oft zweifelnd kommt vieles zur Sprache, was uns alle berührt, worüber zu reden uns aber meist schwer fällt. Davon träumen, jemanden gehen lassen zu können, wenn es Zeit dazu ist. Sich nicht auf ewig an Beziehungen klammern, ja schließlich: Sich selbst verwirklichen. Und da schwingen viele Unsicherheiten mit, auch die Schuldgefühle einer Generation, die es sich zum obersten Ziel gemacht hat, glücklich zu sein und alles richtig zu machen. Darf man jahrelang auf Kosten der Eltern studieren, um dann, wenn endlich ein eigener Job da ist, selbst nicht den Mut aufzubringen, für jemanden zu sorgen? Sind die Jungen tatsächlich fixiert auf eine Spaßgesellschaft, wie es der ältere Gesprächs¬partner im Abteil sieht? Unser 23-jähriger Grübler kommt zu keinem rechten Ergebnis, zu groß sind die Zweifel und Einwände.

Und so bringt Antonia Barboric in Schnittpunkt Leben möglicherweise ein Grundübel unserer Zeit auf den Punkt: Dieser unschlüssige und zugleich hoffnungsfrohe Mensch ist Teil einer Gesellschaft, der es immer schwerer zu fallen scheint, die Dinge einfach anzunehmen. So wie er jede Entscheidung, ja jeden Gedankengang hinterfragt, steht er für den ständigen Wunsch, den richtigen, den erfolgreichen Weg zu gehen. Die vordergründig grenzenlose Entscheidungsfreiheit einer scheinbar sorglosen Generation entpuppt sich als Zwang, nur nichts falsch zu machen. Wenn das beste Zeugnis, das überzeugendste Auftreten kein Garant für einen sicheren Job mehr sind, wenn fixe Bindungen zunehmend eine Belastung in einer auf Flexibilität pochenden Welt darstellen – dann wird die große Freiheit schnell zu einem Dschungel mit dutzenden Fallstricken. Dem Ende der Geschichte wohnt schließlich eine besondere Symbolkraft inne: Der junge Grübler entschließt sich dazu, nach all dem Nachdenken einfach auszusteigen, also seinem Gefühl zu folgen. Erwartungsvoll steht er vor der Zugtür. „Die Tür öffnet sich und schießt sich wieder“, heißt es da am Schluss. So schnell kann´s gehen.

Antonia Barboric, selbst erst 24, liefert keine wortgewaltigen oder revolutionären Thesen, aber ein wohltuend offenes und wirklichkeitsnahes Gedankenmosaik vom Gefühl, heutzutage jung zu sein.