schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 14 - patient spezial widersprüchliche reminiszenzen
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/14-patient-spezial/widerspruchliche-reminiszenzen

widersprüchliche reminiszenzen

Was Sie schon immer über Pubertät wissen wollten


Fritz Widhalm: pubertät mit mädchen

Wien: edition ch 2006

Rezensiert von: doris mitterbacher


Fritz Widhalms Buch pubertät mit mädchen ist voll von widersprüchlichen Reminiszenzen an eine Zeit, als pubertierende Mädchen noch keinen Style, sondern fuchsrote Haare, „von der großmutter mehr schlecht als recht kurz geschnitten“, hatten und die ultramarinblaue Hose des Erzählers noch ein Statement war. Der Ort der Handlung ist ländlich, die Zeit durch Referenzen auf „marc bolan shirts“ und „t rex singles“ zumindest angedeutet. Dem Titel zum Trotz ist der Ich-Erzähler eher präpubertär und interessiert sich für mehr als nur für Mädchen, für seine Umwelt z.B., für den Wald, die Wiese, die Zughaltestelle und die Personen, die  dieses Umfeld bevölkern. Die Grenzen der Welt werden auf Stabilität überprüft, aber eigentlich nicht wahrgenommen. „wiese. wiese. wiese. drei kilometer wiese. also gewissermassen umfassend.“
Das Buch bietet Erotik, Erotik, Erotik, gewissermaßen umfassend, explizit und divers. Ein Herr Martin versucht den Erzähler und das Mädchen nach Kräften und mithilfe von Poesie, Küssen und Picasso zu verderben, zumindest nach den Maßstäben der „hiesigen männerwelt“, die ihr „vereinigtes draufgängertum in wort und tat“ pflegt. Mit den fleischfarbenen Miedern der kindlich begehrten Großmutter macht der Protagonist seine ersten, gar nicht kindlichen Crossdressingerfahrungen. Das Mädchen ist sowieso weiter und legt dem Erzähler schon mal vor den Augen der Großmutter Zaumzeug an.

grossmutter findet uns, und sieht uns zu, wie das mädchen mir das zaumzeug anlegt. die alters¬flecken auf grossmutters händen und angesicht in der fast vollkommenen dunkelheit des kleinen klosetts sind wunderschön, wie absichtlich auf¬gemalt, wie schönheitsflecken.

Ebenfalls prägend für den Protagonisten sind der Bahnsteig und das öffentliche Klo mit seinen gestapelten Zeitschriften und den Lokomotivführerinnen mit „grünen augen und einem stark ausgebildeten busen.“ Trotz seinem ausgeprägten Hang zum Prickeln wird der sorgfältig formulierte Text nie pornographisch. Die Figuren behalten ihre Individualität und vermehren im Zulassen ihrer Triebe ihre Würde, auch die der Großmutter.
Ein Wehrmutstropfen ist der durch den Untertitel visionen & versionen nur scheinbar gerechtfertigte Anhang mit 10 kurzen Varianten. Von diesen hätte sich Fritz Widhalm trennen müssen. Denn der Haupttext besticht durch Sorgfalt und Genauigkeit und bedarf keiner Erweiterung oder Ergänzung.

Sprachlich pendelt Fritz Widhalm zwischen umständlichen, fast schon amtlichen Formulierungen und umgangsprachlichen Verkürzungen. Das Resultat ist eine angenehm österreichische Sprache ohne Dialektzwang und ohne geographische Verortung. Dafür mit einem erstaunlichen Grad an allgemeiner Gültigkeit, weshalb ich mein Gegenüber in der U-Bahn im – vom rosa glitzernden Umschlag genährten – Glauben lasse, der Titel hieße „Pubertät für Mädchen“ und es handle sich um einen Ratgeber für besagtes Ge¬schlecht und Altersgruppe. Autor und Verlag wurden notiert und so vielleicht ein Mädchen mithilfe von Poesie und Widhalm verdorben, zumindest nach den Maßstäben der „hiesigen männerwelt“, die ihr „vereinigtes draufgängertum in wort und tat“ pflegt. Kann nicht schaden, finde ich. Umsteigen, aussteigen, heimgehen, neues Buch.