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zustände ohne aufstände

barbara kampas | zustände ohne aufstände

Eine Menagerie

Arzt oder Patient?
Götter in Schwarz oder Weiß, Nullen oder Einser, Opfer oder Täter? Eines Tages steht jedes Kind, bevor es endgültig groß geworden sein wird, vor der Wahl: Arzt oder Patient zu sein, Macht oder Ohnmacht zu pflegen.

Eine Frage der Bequemlichkeit. Patienten liegen im Bett, Ärzte sind rund um die Uhr erreichbar. Weil Ärzte ihrerseits so schlecht im Bett liegen und ständig aus diesem gerufen werden, sind sie die schlechteren Patienten. Sie fürchten sich vor der Krankheit, denn sie wissen, was sie normalerweise tun. Während sie nach außen geschlossen den Mythos weiß- und Romanklischees und kurzsichtige Fernsehserien buntpflegen, zittern sie innerlich vor der eigenen Unvollkommenheit. Sie wissen bereits, dass sie sterblich sind, und dass die anderen das nicht wissen und deshalb nicht sterben dürfen.


Krank oder gesund?

Auf jeden Arzt kommen zehn, zwanzig, dreißig? Mediziner, die auf dessen Kassenvertrag warten. Jeder erste Arzt strebt nach seinem ersten Swimmingpool im eigenen Garten, jeder zweite nach einem Zweitwohnsitz im Grünen. Drittärzte aus Drittländern behandeln Drittkunden. Das ist nicht krank, das ist volkswirtschaftlich sehr gesund. Alte Menschen sind des Internisten Tod, Babys des Gynäkologen täglich Brot. Fachärzte kommen schneller ans Ziel, Homöopathen nur selten.


Was mich und andere krank macht

Alles, was falsch ist, und alles, was falsch macht. Mitunter eine falsche Bewegung. Schifahren im Carvingstil, Langlauf in kurzen Hosen. Eine echte oder falsche Schwiegermutter. Eine Gewehrkugel, ein Hexenschuss. Das süße Leben. Bittere Politik. Die Sonntagswahlen und Sonntagsmessen. Zu viel Rauch oder Rauchgasvergiftung, zu wenig Rauch, wenn man früher geraucht hat, Exraucher-Antirauchkampagnen. Alkohol in irgendwelchen Mengen, Essen in Zusammenhängen. Wiener Schnitzel ohne Herkunftsnachweis in brauner Sauce an Frühkartoffeln aus dem benachbarten EU-Ausland. Gespritztes Obst, verseuchtes Wasser. Gespritztes Obst mit verseuchtem Wasser gewaschen. Gar kein Obst, gar kein Wasser. Vanilleeis oder Vanillepudding mit Schokolade. Ein Bienenstich. Krebs, der nicht heilt. Skorpione, die nicht töten. Tollwutverdächtige Hunde, die beißen statt bellen. Unspezifische Katzenallergien und spezifische Katzenflöhe. Eine Postabholung ohne Ausweis. Das Schiff und die See. Der See, in den die Badenden schiffen. Die Zugluft im Cabrio. Die Luft im Zug. Hitzeausbrüche, Flutwellen und Kälteeinbrüche. Das Wetter sowieso. Die Strahlen von Handys und Atomkraftwerken. Aluminiumtöpfe, die man verkocht, Deos mit Aluminiumgehalt, die man versprüht, Dosen aus Aluminium, die man zerbeißt. Dosenvorräte in großen Dosen, wenn man sie hat. Voreingenommene Ärzte, eingenommene Medikamente, ausgekommene Faustschläge. Ein verlorener Zahn, eine schiefe Optik, eine Ganzkörperbrille und eine Gürtelneurose. Die Zahnspangeneuphorie zum hässlichen Teenager-Unglück. Falsche Freunde, die man erträgt. Falsches Schuhwerk, das man jahrein und austrägt. Schrot und Korn aus der Jägerflinte. Ein schlechter Witz. Beflissene Feuerwehrmänner. Unter garstigen Umständen Flüssiggas. Sportlicher Ehrgeiz. Beruflicher Ehrgeiz. Gar kein Ehrgeiz. Das tägliche Leben eben.


Was mich und andere gesund macht.

Angenommen, ich wäre Arzt geworden: Blut würde fließen, ich könnte den Brustkörben meiner Patientinnen auflungern und Lauschangriffe des Stethoskops gegen herzlose Naturen setzen. Die Pille als Rezept gegen Schwangerschaftsstreifen, Regelstörungen zur Ausnahme gereichen. Weiche Knie mit einem Hämmerchen aufrichten und gespannte Haut mit dem Skalpell zertrennen, Sehnen dehnen und Rücken drücken, Nadelstiche in Venen, Weich- und Hinterteile setzen, Geschwüre zum Krebs und Beinbrüche als solche erklären.

Heißa, würde ich Formulare wider die Krankenkassen füllen und Husten mit schleimigen Säften bekämpfen, Nierensteine schallend zertrümmern und Krampfadern verwüsten mit dem Ziel, demnächst primär den Untergang zu weihen; neue Gummistrümpfe trägt das Land, zu Fehlhaltungen unserer Zeit gereiht.

Die Menschen für krank erklären und ihre Gesundheit per Gleichmut zerstören, der Schein quartalsweise gewahrt, die Operation findet statt: Wir sind nun mal so krank, wie wir sind. Wirklich gesund ist nur der Tod.

Die bange Frage im Anschluss mutig gestellt: Wie geht es dem Patienten? In welchem Zustand ist sein Zustand? Der Zustand des Zustands seines Zustands ist unbeschreiblich. Tot oder lebendig?

Wenn er noch antworten kann, fragen Sie ihn selbst. Zustände sind das eben!