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berliner heißkaltschnauze

Über das Verblühen in der deutschen Hauptstadt


Marion Pfaus: Memoiren einer Verblühenden. Roman.

Dresden-Leipzig: Verlag Voland & Quist 2006

Rezensiert von: doris mitterbacher


Die „Memoiren einer Verblühenden“ beginnen wie nebenbei. Klar, wenn man nicht mehr so ganz taufrisch ist, reißt einen ein Kinobesuch (Mission Impossible 2) und anschließendes Biertrinken und Flippern nicht mehr so vom Hocker. Und wenn man gerade in Berlin verblüht, macht sich so ein bisschen ein blasiertes Etwas im Tonfall allemal gut. Deshalb stimmt es schon, wenn man sich auf Seite 2 relativ unverhofft im Bett eines bisher unbekannten Studenten („Pädagoge, Frauenfreund und Antiglobalisierungsaktivist“) wiederfindet. Es wäre kein Großstadtroman, bliebe die Heldin über Nacht.

Der Text liefert keine Anhaltspunkte, die über die Innenperspektive der Heldin hinausgehen. Fakten, die ihr bekannt sind, werden vorausgesetzt. So tanzt das Kind unkommentiert (Alter, Geschlecht, ...) in die Handlung hinein und erst beim Liebhaber Nummer 2 auf Seite 10 – wieder ohne Kondom und wieder ohne großes Interesse an dessen Person – wird aus dem Kind ein Sohn, dem der Begriff Morgenlatte eventuell irgendwann mal zu erklären wäre. Dass die Frau einer mehr oder weniger geregelten Arbeit nachgeht, erfährt man noch später, da verliert sie die aber auch schon, und zu ihren  Wirren in Liebesbelangen gesellt sich eine Portion Existenzangst, die mit einem Spanienurlaub bekämpft wird. Von dem muss sie sich danach aber auch erholen und so wird der Sohn, bevor sich so etwas wie Hass auf beiden Seiten vollends festsetzen kann, für 6 Wochen zum Vater geschickt.


„Jetzt muss der Papa das wieder richten. Das ausdrucksstarke Kind wird zum Papa geschickt. Mit dem Flieger. Sechs Wochen kindfrei. Mein Urlaub beginnt.“ Im Urlaub wird die Frage ausgelotet, ob ein gewisser Roman jetzt doch liebt oder nur Liebe machen will, ob man selbst liebt oder nur bumsen will, und ob man Steffen, der eine französische Femme Fontaine geschwängert hat und jetzt zu ihr zieht, dabei unterstützen soll, seine Wohnung zu streichen. Was in der Nacherzählung etwas oberflächlich daherkommt, ist im Text eine präzise formulierte und einfallsreich strukturierte Alltagserzählung. Marion Pfaus ist originell und sprachlich genau. Zusätzlich zur erzählten Innenperspektive gliedern Fußnoten den Erzählstrang. Nebengedanken, räumliche Zuordnung der Nachbarn („1. Stock links“), Werbe- und Trinksprüche finden hier Platz und ergänzen den unterkühlten, ironischen und etwas derben Humor der Protagonistin perfekt und bewahren die „Memoiren einer Verblühenden“ dafür ein typischer Großstadtroman oder Boboroman zu werden.


Wenn Voland & Quist draufsteht, ist ja meist mehr als nur ein sprachlich guter, ansprechend layoutierter Text auf gutem Papier zwischen den Hardcoverdeckeln. Im konkreten Fall wird man mit einer CD mit 13 Einsatzgeschichten als Audiofiles und 2 Kurzvideos für den Buchkauf belohnt.