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bin ich schwanger? bin ich schwul?

anne peters | bin ich schwanger? bin ich schwul?

Über das Wesen indiskreter Fragen und die Unmöglichkeit, sie gesetzlich in den Griff zu bekommen

Fragen sind niemals indiskret. Antworten bisweilen schon.

Oscar Wilde


Ein Glück für den, der sich von Fragen nicht einfangen lässt, ihnen gelassen gegenübertritt und selbst abwägt, ob er durch seine Antwort eine indiskrete Situation entstehen lässt. Er kann alle Fragen zulassen, ohne sich einzulassen. Gelassen kann also derjenige sein, der, dem Zitat Oscar Wildes folgend, glaubt, mit seiner Antwort Distanz zur Frage schaffen zu können. Er räumt dem Fragenden keine Macht über die Antwort ein. Was die Frage selbst allerdings mit ihm, dem Hörenden, anzurichten vermag, wie sie möglicherweise unabhängig vom Fragenden bedrückende Macht über ihn erlangt, das ist schon wieder eine ganz andere Frage – und dürfte wohl immer ein äußerst indiskreter Prozess sein.


Fragen als Hausierer
Wer hat sich noch nie von Fragen überrumpeln lassen? Wer ist Fragen noch nie entgegengestolpert, unwillig, aber sich doch einlassend wie auf die Überredungskünste eines fliegenden Händlers beim Haustürgeschäft? Wer besitzt schon die Superkraft, selbst, und überdies blitzschnell, darüber zu entscheiden, ob eine Frage als Frage oder nur als Schrott bei ihm ankommt? Schrott, für dessen Entsorgung der Verursacher dann selbst zu sorgen hätte. Er nimmt ihn wieder mit und versucht sich nach dem Recyceln an einer neuen Frage. Die Wirkung von Fragen, ihre Resonanzmöglichkeit, hängt von der Disposition des Befragten ab.

Ein Beispiel: „Sind Sie schwul?“ – Der englische Poet und Dandy Oskar Wilde hätte sich das wohl nicht zweimal fragen lassen. Nonchalant würde er pariert haben: „Fragen sind niemals indiskret. Antworten bisweilen schon.“ Er hätte die Anschlussmöglichkeiten abgebrochen, bevor die Kommunikation überhaupt in Gang gekommen wäre! Das gelingt, indem man einen Satz – ja mehr noch ein Gebot – sich auf sich selbst beziehen lässt. Selbstreferenz zerstört hier gerade auf elegante Weise jede weitere Anschlussmöglichkeit. Die Verbindung zur direkten Frage wird gekappt, indem eine Verbindung zur Frage und zum Fragen im Allgemeinen aufgebaut wird. Aber man scheint auch hier, dem jüngst verstorbenen Paul Watzlawik in einer leichten Variation seines weltberühmten Diktums folgend, nicht nicht antworten zu können. Und selbst wenn gar keiner da ist, der antworten könnte, so scheinen Fragen immer schon einen Raum für mögliche Antworten zu eröffnen. Vielleicht kann man aber auch sagen, dass Antworten – implizite, noch nicht ausformulierte Antworten – manche Fragen evozieren. Auch Selbstreferenz ist eben nicht ohne Fremdreferenz zu haben. Obige Nicht-Antwort hat sich auf eine andere Ebene, auf ein anderes Niveau, verschoben. Sie hat sich der Frage ermächtigt und zielt so auf den Fragenden selbst. Der kann nun störrisch insistieren: „Nun sagen Sie schon, Sie sind doch schwul!“ Von Wilde würde er nur immer wieder belehrt: „Fragen sind niemals indiskret etc.“ Und die Wiederholung der Frage, zumal durch das trotzige „doch“ hat sich ohnehin in ein offenes Machtgebaren, einen Ausruf, verwandelt. Hier wird auch keine Antwort mehr erwartet, der ehedem Fragende unternimmt eine letzte Anstrengung in Richtung Machterhalt und scheitert. Er ist abgeblitzt.

 

How do you do?
Die Frage hingegen mit der gleichen Frage zu beantworten – „Sind Sie etwa schwul?“ –, stellte eine Referenz zur Eingangsfrage her und böte so die Möglichkeit einer weiteren Kommunikation oder, wird sie immer nur wiederum mit sich selbst beantwortet, mutierte zu einer kleinen Slapsticknummer.

Jeder, der beabsichtigt, gleich morgen im Büro dem Chef oder der Chefin just nach dem ersten der Arbeitsaufträge – denn diese werden ja ebenfalls gerne höflich in Fragen verpackt – Ähnliches entgegenzuschmettern, sei gewarnt: Die selbstreferentielle Nicht-Antwort kann nur funktionieren, wenn das Hierarchieverhältnis der beteiligten Personen nicht durch ein Abhängigkeitsverhältnis flankiert wird. Und der Kontext obiger Frage wurde ja ohnehin zunächst ausgeblendet. Kommunikation durch Fragen zu initiieren stellt meist eine gewisse Asymmetrie her – außer man denkt an das wunderschöne, standardisierte angelsächsische Ritual, auf die Frage „How do you do?“ mit „How do you do?“ zu antworten. Hier scheint es nur darum zu gehen, die Stimmen auszutauschen. Keine Macht, keine Indiskretion und doch viel mehr als bloßes Schweigen. Es hört sich so an, als wolle man die Frage möglichst schnell wieder zurückgeben. Die gleiche Frage wird aus einem anderen Mund und mit einer anderen Stimme wiederholt. Ganz anders im deutschsprachigen Raum: Auf die Frage „Wie geht’s?“ kann man durchaus die ehrliche und indiskrete Antwort erhalten: „Ach, ich habe Verdauungsprobleme, Durchfallattacken und so…“ Der Antwortende liefert sich lustvoll aus. Die Fragende verwünscht ihre Frage; sie hat nun die Wahl, sich in eine Interviewposition zu begeben und immer weiter zu fragen, ebenfalls eine Art ärztliches Bulletin zu offerieren oder schleunigst Thema bzw. Gesprächspartner zu wechseln. Aber sie hat wenigstens eine Wahl.


Der Platz der Frage
Bei einem Vorstellungsgespräch handelt es sich hingegen schon vor der ersten Frage immer um eine ungleiche Beziehung. Es ist nicht die Frage, die eine Asymmetrie aufspannt, die Frage wird vielmehr innerhalb dieser Situation dafür sorgen, dass das Hierarchiegefälle spürbar bleibt. Das Verhältnis zwischen z. B. Personalchef und Bewerberin ist aber zunächst noch kein Abhängigkeitsverhältnis. Auf die Frage: „Haben Sie vor, in naher Zukunft eine Familie zu gründen?“, könnte die Bewerberin durchaus mit einer Wilde-Antwort kontern. Ohne Schlagfertigkeit kann – trotz strotzendem Selbstbewusstsein – eine unbedacht gegebene Antwort die Frage zum Würgegriff machen. Den bereits ergatterten und möglicherweise hart umkämpften Arbeitsplatz aufgrund einer ins Leere laufenden Scheinantwort zu gefährden, dürfte den meisten weitaus schwerer fallen.

Sind Fragen zu fadenscheinig, um indiskret zu sein? Sie scheinen zunächst in der Luft zu hängen und darauf zu warten, aufgenommen und dadurch verdichtet zu werden. Durch den Frageakt werden Erwartungen aufgebaut. Aber erst wenn der Befragte durch seine Antwort an der Frage mitwebt, wird Persönliches preisgegeben, werden die Erwartungen erfüllt oder zerstört. Auch wenn die befragte Person, da sie ja angesprochen wird, einen Ort der möglichen Antwort markiert, muss sie nicht zulassen, dass die Frage diesen Ort militärisch exakt ausmacht und okkupiert. Befindet sich der Befragte allerdings in einer Abhängigkeitsrelation, webt er immer schon, eben auch ohne Antwort, mit. Er hat gar keinen eigenen Ort, sein Ort ist der Platz der Frage. Man kann hier nur mit diversen Antwortvariationen jonglieren, um den Versuch der Indiskretion abzuwehren.

Nach dem Kinderwunsch einer potentiellen Angestellten zu fragen, ist offensichtlich durch ein rein ökonomisches Interesse bedingt. Sie kann aber bei der Befragten als Indiskretion wahrgenommen werden. Es ist dann nicht die Frage, sondern der Fragende, der indiskret, zudringlich, aufdringlich wirkt. Paradoxerweise erscheint er nicht aufdringlich, weil er wissen möchte, ob die Befragte ein Kind erwartet oder in naher Zukunft wünscht, sondern gerade weil der Fragende nicht wirklich etwas Persönliches von der Befragten erfahren will. Die Frage wird in ihrem Kontext verfänglich, sie ist taktlos, weil sie sich nicht primär auf die Privatsphäre bezieht. Deutlich wird das, wenn man die Frage leicht variiert: „Sie sind wohl schwanger?“ – Wäre die Befragte tatsächlich schwanger und sagte sie das auch, bestünde ihr Unbehagen gerade darin, etwas Persönliches preisgegeben zu haben, das den Fragenden überhaupt nicht interessiert. Über der eigentlichen Frage hängt eine Art Phantomfrage. Eine indiskrete Antwort ließe zu, dass der Fragetölpel seine Frage als Triumph empfände, aber darüber hinaus könnte bereits ein Schweigen zu Rückschlüssen führen. Die Frage lautet nun also: Muss man – wer müsste? –, z.B. gerade in arbeitsrechtlichen Sphären, Schutz vor vermeintlich indiskreten Fragen gewähren? Oder anders formuliert: Muss jemand den Befragten davor schützen, indiskrete Antworten zu offenbaren? Welche Folgen ziehen Gesetze nach sich, die es verbieten, in einem Einstellungsgespräch nach Fruchtbarkeit, sexueller Orientierung, Herkunft, Religion etc. zu fragen? Was passiert, wenn man sich nicht mehr selbst gegen übergriffige Frager wehren kann und muss, sondern sich der Gesetzgeber hier als Autorität zwischenschaltet? Habe ich dann nicht als Arbeitnehmer oder Arbeitnehmerin diesen Herrn-Knecht-Kampf von vornherein verloren? Vielleicht finden Vorstellungsgespräche bald derart statt, dass beide Seiten ihre Anwälte für sich sprechen lassen. Dann wäre es für die Vertretenen zumindest schön, auch hier ein Ritual zum gegenseitigen Austausch der Stimmen zu kreieren.

Wie können geschlossene Fragen, die keinen Ausweg erlauben sondern indiskrete Antworten provozieren, sanktioniert werden? Wenn die Sanktionen durch Gesetze geregelt werden besteht die Gefahr, bereits das Fragen an sich zur suspekten Kommunikationsform zu degradieren. In Deutschland häufen sich derzeit Fälle, bei denen abgelehnten, gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch geladenen Bewerbern, mit Verweis auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) jegliche Auskunft über das Verfahren verweigert wird. Seit August 2006 ist das AGG – ein Gesetz, das die europäischen Richtlinien zur Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung umsetzen soll – in Kraft. In Österreich gibt es bereits seit 2004 das novellierte Bundes-Gleichbehandlungsgesetz (B-GIBG) für Diskriminierungs­fragen am Arbeitsplatz. Es drängt sich das ungute Gefühl auf, als würden diese Gesetze das Fragen erst recht zu einem indiskreten Vorgang machen. Ein abgewiesener Bewerber ruft beispielsweise nach Erhalt eines negativen Bescheids beim Arbeitgeber an. Es entwickelt sich folgender Dialog von durchaus exemplarischem Charakter:

„Könnten Sie mir vielleicht den ein oder anderen Hinweis geben, warum sich meine Bewerbung nicht durchsetzen konnte? Was könnte ich beim nächsten Anlauf verbessern?“ Antwort: „Wir können Ihnen leider nicht Rede und Antwort stehen, sonst verklagen Sie uns hinterher wegen Diskriminierung!“

Oder mit Hilfe der Wilde’schen Taktik: „Ja, Ihre Fragen sind niemals indiskret. Unsere Antworten können es sehr wohl werden, und davor müssen wir uns juristisch schützen, was bedeutet, dass sie Fragen dürfen, so lange sie wollen, aber zu unserem großen Bedauern dürfen wir Ihnen keine Antwort geben. Der Gesetzgeber hat es uns verboten.“

Man muss nicht spitzfindig veranlagt sein, um zu folgern, dass die Antwort eine diskriminierende gewesen wäre, die sich nur unter dem Damoklesschwert des AGG/B-GIBG verkniffen wird. Hier schafft es gerade das Gesetz, die Asymmetrie zwischen Arbeitgeberin und Arbeitnehmer zu zementieren. Und das noch bevor die eigentlich zu schützende Situation, das Vorstellungsgespräch, stattgefunden hat. Auch vor Verabschiedung dieses Gesetzes wurde vielleicht versucht, den Nachfragenden abzuwimmeln, aber man hatte andere Ausreden und manchmal eben auch durchaus stichhaltige Gründe. Zumindest wurde das Recht zu fragen eingeräumt. Durch das Gesetz besteht die Gefahr, die offenen Fragen einfach totzuschweigen, was über die Machtlosigkeit des Fragenden hinaus zu völliger Ohnmacht führen kann. Die indiscretio, die Rücksichtslosigkeit, der Mangel an Verschwiegenheit durch bohrende Fragen, kann manchmal durch Schweigen in eine schlimmere Rücksichtslosigkeit verwandelt werden: Die Rück-Sicht, das Weg-Sehen, das Ab-Sehen von etwas führt häufig zu Spekulationen, die als gefühlte Diskriminierung bei weitem verletzlicher sein können. Für die Rechtmäßigkeit der Frage nach Schwangerschaft im Rahmen eines Vorstellungsgespräches liegt z. B. seit Oktober 2006 ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin vor. Eine schwangere Frau hatte sich um eine Direktorenposition beworben. Auf Nachfrage gab der Arbeitgeber offen zu, aufgrund der Situation einen männlichen Bewerber vorgezogen zu haben. Daraufhin klagte die Frau. Die Klage wurde aber mit der Begründung abgewiesen, dass keine geschlechterspezifische Diskriminierung indiziert sei. Das Geschlecht sei für die ungünstige Beförderungsentscheidung nicht ursächlich gewesen (Urteil vom 19.10.2006, Az.: 2 SA 1776/06). Und stimmt das nicht auch irgendwie? Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei der Entscheidung um ökonomische und nicht um geschlechtsspezifische Gründe handelt.


Politisch inkorrekt
Vielleicht hätte der Arbeitgeber die Frau aus persönlichen, möglicherweise sogar indiskreten Gründen viel lieber eingestellt als den männlichen Mitbewerber. Seine Kosten-Nutzen-Rechnung hat dies nur schlicht nicht zugelassen. „Sind Sie schwul?“ „Sind Sie schwanger?“ Im Kontext desselben Bewerbungsgesprächs spielt erste Frage für die Kosten-Nutzen-Rechnung keine Rolle, letztere schon. Die Richterentscheidungen dürften sich tendenziell nach den ökonomischen Rahmenbedingungen richten. Homosexualität beeinträchtigt diese Rahmenbedingungen nicht, ein Arbeitsausfall wegen Schwangerschaft und gesetzlich vorgeschriebenem Mutterschaftsurlaub durchaus. Also hat die Frage nach der sexuellen Orientierung große Chancen, offiziell als diskriminierend anerkannt zu werden. Und warum sollte ein Arbeitgeber – außer vielleicht beim Geheimdienst oder der katholischen Kirche – auch nach der sexuellen Orientierung eines Bewerbers fragen? In rein kapitalistischen Zusammenhängen stört die sexuelle Orientierung einer Bewerberin genauso wenig wie Herkunft oder Hautfarbe. Auch die Religion läuft diesem Kalkül wohl nur noch in den seltensten Fällen zuwider. Die Verquickung des Privaten mit dem Beruflichen auf der Grundlage ökonomischer Berechnungen stellt hier für die Befragten eine Art spekulativer Indiskretion dar.

Sinnvoll erscheint der Aspekt der Gesetze gegen Diskriminierung überall dort, wo eine körperliche oder psychische Benachteiligung besteht und dem Benachteiligten durch das Gesetz zu seinem Recht verholfen wird. Aber auch hier darf das Gesetz nicht dazu missbraucht werden, Fragen generell als politisch inkorrekt zu apostrophieren.

Die Gefahr von Gesetzen, die Anerkennung erzwingen, liegt darin, das Verhältnis der Beteiligten zu einem reinen Machtverhältnis verkommen zu lassen. Die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Relation wird sich gerade auch mit dem Gesetz nach wie vor durch Machtverhältnisse konstituieren. Wenn es aber nicht mehr möglich ist, sich z. B. danach zu erkundigen, wie jemand eine bestimmte Behinderung erworben hat, kann überhaupt keine Begegnung zwischen den Beteiligten mehr entstehen. Diese Begegnung wäre wichtig, um die Macht symbolisch abzufedern. Darüber hinaus kann das Schweigen über das Offensichtliche für beide Seiten – aber für den behinderten Menschen noch weitaus stärker – unerträglich werden. Es ist wichtig, solche Themen öffentlich anzusprechen, Gesetze können diese Diskussionen aber auch schnell wieder blockieren.


Insistierende Nicht-Fragen
Das Schweigen lässt alles offen und bedingt dadurch, dass sich Fragen regelrecht verselbständigen. Die Fragen, auf die man keine Antworten erhält, und die Fragen, die gar nicht erst gestellt werden dürfen, beginnen zu insistieren. Dies sind die fadenscheinigen Fragen, die in der Luft liegen, und zur Obsessionen werden können. Es sind Fragen, die man auf einer bewussten Ebene nicht wählen kann, weil sie einen wählen.

„Bin ich schwul?“ „Bin ich schwanger?“

Ich will das in der Regel gar nicht von mir selbst wissen, zumeist kenne ich die Antwort bereits, aber jetzt frage ich mich plötzlich, ob der andere sich eben diese Frage stellt? Will sie wissen, ob ich schwul bin, will er wissen, ob ich schwanger bin?

Dieser Spannungsaufbau durch Schweigen kann auch in ganz anderen Zusammenhängen funktionieren, in denen er den Kern und die Struktur eines beinahe unheimlichen menschlichen Verlangens noch anschaulicher erklärt:

Die Schauspielerin Julien Moore erzählte in einem Interview, dass es bei einem ihrer Drehs einen sehr geheimnisvollen jungen Schauspieler gab, der einmal am Tag, stets zur gleichen Zeit, einfach verschwand. Keiner wusste wohin er ging und was es mit seinem Verschwinden auf sich hatte. Alle redeten über ihn und fragten sich, wo er sich wohl herumtreibe. Mit wem trifft er sich? Ist er…? Als die Spekulationen immer wilder wurden, mischte sich Moore schließlich ein: „Erst fährt er dahin, dann erledigt er dies und jenes, dann kehrt er wieder ans Set zurück.“ Woher sie das denn alles wisse? „Ganz einfach, ich habe ihn gefragt.“

Das Mystifizieren des Schauspielers hatte für Gesprächsstoff gesorgt. Imaginationen, wilde Phantasien – der Stoff, aus dem Träume gemacht sind. Die Schauspielkollegen und -kolleginnen hatten sich etwas zu erzählen. Sie tratschen über die geheimnisumwobene Projektionsfläche eines jungen Idols, das so erhaben schien, dass dem Schauspieler keiner mit Fragen zu nahe kommen wollte. Dem unfreiwillig zum Objekt der Begierde Gewordenen wurde eine exponierte Position freigehalten, eine Art symbolischer Macht. Und der gleiche Mechanismus funktioniert eben auch umgekehrt. Eine Person wird stigmatisiert, ein Merkmal wird jemandem zugeschrieben oder auch nur ein bestimmter Verdacht erhoben und zum Gesprächsstoff einer Gruppe gemacht, ohne dass die betreffende Person selbst etwas dazu beiträgt oder davon wüsste. Aber sie ahnt es. Die nicht gestellte Frage beginnt im Kopf dieser Person ihr Eigenleben zu führen; die innere Frage – „was wollen die von mir? Wer bin ich für die anderen?“ – hysterisiert die gebrandmarkte Person. Obige Fragen, die ein Ja oder ein Nein einfordern, können, wie Derrida es herausgearbeitet hat, als Folterinstrument dienen. Es mag nicht die angemessenste und auch nicht die gerechteste Art, Fragen zu stellen, sein. Die Fragen, die in der Luft liegen, ohne gestellt zu werden, können manchmal aber noch schlimmer sein.


Die verdoppelte Frage
Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: In welchem Kontext ist nun das Wilde-Zitat selbst entstanden? Welche Figur seiner Stücke gibt auf welche Frage die raffinierte Antwort, Fragen seien niemals indiskret? Das Zitat ist der populären Gesellschaftskomödie Ein idealer Gatte entnommen. Auf einer Party mit zahlreichen Gästen aus Politik und Londoner Upper-Class wird vom Gastgeber Sir Robert Chiltern in einem Small Talk mit leicht amourösem Unterton folgende Frage an die große Intrigantin Mrs. Cheveley gerichtet: „Und nun sagen Sie mir vielleicht, was führt Sie aus Ihrem brillanten Wien in unser düsteres London – oder ist die Frage indiskret?“ Darauf reagiert Mrs. Cheveley wie erwähnt, und Chiltern setzt neugierig, aber bestimmt nach: „Nun, wie dem auch sei, darf ich erfahren, ob es um Politik oder Vergnügen geht?“ Hier zeigt sich, dass die Nicht-Antwort der Cheveley nur dann eine selbstbezügliche Form annimmt, wenn die Frage nicht ihrerseits selbstbezüglich formuliert wurde. Chilterns Frage eröffnet eine bisher noch nicht diskutierte Option: Die Frage verdoppelt sich in die eigentliche Frage und die Frage, ob es gestattet sei, eben so zu fragen. Und durch diese Offenheit erscheint die geistreiche Antwort als pure Koketterie. Der Dialog offenbart eine bestimmte Kommunikationsform: Das Flirten mittels offener Fragen und mehrdeutiger Gegenfragen. Mrs. Cheveley gibt zurück: „Die Politik ist mein Vergnügen. Sehen Sie, zur Zeit ist es Mode, erst ab vierzig zu flirten oder ab fünfundvierzig romantisch zu werden; uns armen Frauen unter dreißig – oder angeblich darunter – bleibt also gar nichts übrig als Politik oder Philanthropie.“

– Fragen werden hier so ausgeworfen, dass sie ihren Ankerplatz nicht im Befragten oder am Ort des Befragten haben. Und nur so sind sie niemals indiskret.