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botschaften aus dem schneckenhaus

Ratloses Funkeln in Blei


Amber Rusalka Reh: schnecken / laub / turbinen. Mit Illustrationen von Aurelia Annus.

Leipzig: edition carpe plumbum. 2006

Rezensiert von: christoph pollmann


Bei der Leipziger edition carpe plumbum erscheinen Bücher wie Einblattdrucke nur in kleinster Auflage. Langsamkeit, Beschränkung und Handarbeit bilden die Grundlage der Arbeit. „Typografie zum Anfassen“ und keine moderne Computertechnik, die immer nur vereinfacht, alles bequemer macht, vom eigentlichen Produkt aber immer stärker distanziert. Die Auseinandersetzung mit neuen Texten steht im Vordergrund bei diesem Leipziger Verlag – genauso wie die graphische Gestaltung übrigens. Denn die gerät keinesfalls historisierend, sondern sucht die Möglichkeiten einer uralten Handwerkstechnik neu auszuschöpfen.

Amber Rusalka Reh ist eine der Autorinnen, die das Glück hat, durch die Schwere des Bleis geadelt zu werden. Sie wurde 1970 in Australien geboren, hat in Deutschland studiert und hierzulande auch das meiste veröffentlicht. 2008 wird bei Oetinger ein Kinderbuch von ihr erscheinen. Überhaupt scheinen Kinder einen wichtigen Teil ihrer Lebens- und Dichtungswirklichkeit auszumachen: Schon im Studium beschäftigte sie sich mit verhaltensauffälligen unter ihnen, auch hat sie im Studio schon Kinderreime, - lieder und -gebete aufgenommen.

Ihre Prosagemälde in schnecken / laub / turbinen sind – wenn auch nicht meilenweit – so doch ein gut Stück entfernt davon. Im ersten Text (unten) klingt zwar noch leise der Grusel einer kerzenumflackerten Gute-Nacht-Geschichte an, doch gleich darauf führt uns die Miniatur schnecken wieder in die Weite, in ein sehr privates Arkadien, mitten hinein in eine überaus zarte Lustphantasie. Darauf folgt Struwwelpetriges, Zukunftsvisionäres, am Ende wieder ein Wald- und Wiesenidyll. Ist schnecken / laub / turbinen demnach eine kleine, kunstvolle Reise, zu der uns Amber Rusalka Reh verführt? Oder doch nur eine bessere Bewerbungsmappe? Zumindest ist es eine uncollagiert gebliebene Collage, die neben all ihrer Feinheit leider auch deutlich Zeugnis von einer konzeptuellen Bredouille ablegt.

Natürlich ließe sich anführen, dass genau diese Vielfalt der Texte unserer Lebenswirklichkeit entspricht. Problemlos wechseln wir tagtäglich von einer medialen Wirklichkeit in die andere, lassen sie ganz selbstverständlich neben- und miteinander existieren und gelten. Wenn genau das aber die tiefere Intention des Bandes gewesen ist, dann wurde hier die große Chance vergeben, genau dieses multiple Beieinander der Welten wirklich zu entwerfen und auszugestalten. Den  in ihrer reinen Aufsplitterung und Ausstellung lässt sich außer dem Anklang des Poetischen nicht allzu viel gewinnen, da helfen auch die Illustrationen von Aurelia Annus nicht weiter, die zwar ein Gemeinsamkeit evozieren wollen, deren Ausdruckskraft und Bildsprache aber nicht geeignet sind, echte Brükken zu schlagen, sondern leider nur zu einer schmucken Pappelallee für den stolzen Zug der Texte geraten.

Im Ganzen bleibt man nach der Lektüre also etwas ratlos zurück, auch wenn man von der einen oder anderen Miniatur insgeheim leise befunkelt worden ist.