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bungee-jumping mit christiansen

katharina körting | bungee-jumping mit christiansen

Vom Kitzel, sich völlig zu veräußern

Ich glaube nicht an das Individuum. Ich weiß, dass das ketzerisch ist, in dieser gottlosen Zeit, aber Individualismus ist etwas für die anderen. So wie Risikosportarten, Fun-Food oder Christiansen. Neulich ist ein komischer Kauz aufgetreten, ein Rentner  der sein Leben lang hart gearbeitet hat. Der Mann hat seine gesamte Erbschaft einer kauzigen marxistischen Splitterpartei gespendet – ohne Bedingungen! –, und ihm verdankt Christiansen, dass ich sie ausnahmsweise ertrug. Der passte in diese Sendung wie Holzpantoffeln zum Bungee-Jumping. Über zwei Millionen Euro! Er glaube daran, sagte er. Ich spürte, wie die gesamte Zuschauerschaft im Saal und vor allen Christiansen-Fernsehern des Landes unruhig wurde: Jeder bekam es mit der Angst, dass er abstürzt. Auch ich zitterte, hing an seinen Lippen. Doch die waren (im Gegensatz zu Christiansens) so unprätentiös, der ganze kleine Kerl so uneitel und so ausgeglichen, dass sich alsbald Verblüffung legte auf die Gesichter im Studio und vor den Christiansen-Fernsehern im ganzen Land: Der ist gesprungen! Hat freiwillig alles geteilt!


Biologisch gesehen mag er dennoch ein Individuum sein, aber das ist ja keine biologische, sondern eine politische Kategorie. Sie wird auf den mündigen Bungee-Bürger angewendet: Damit er wählen gehen kann. Gleich und einzeln. Unzählige Einzeller auf einem Haufen Mensch. Wahllos und unteilbar individuell, und immerzu am Rechnen. Bevor jetzt jemand etwas Falsches denkt: Natürlich gehe ich wählen! Und wenn ich Millionen erbte, würde ich sie mit Sicherheit nicht der MLPD schenken, aber die andere Seite ist mir mindestens genauso suspekt. Vor allem, weil deren Freiheit so zwanghaft daherkommt. Diese Sorte Freiheit wird schon so lange mit einem Werbeträger verwechselt, dass sie als solcher kaum mehr zu sagen hat als ein gehauchtes, computerausgesteuertes „Nimm mich!“ – Nein danke. Ob er, der edle Spender, denn gar nicht überlegt habe, sich mit dem Geld selbst ein schönes Leben zu machen, wollte die dünne Christiansen von ihm wissen. Sie war fassungslos. Der komische Kauz lächelte ein feinsinniges Lächeln, das an seiner Unzurechnungsfähigkeit zweifeln ließ. „Ich habe doch schon ein schönes Leben“, war seine Antwort. Es kann natürlich auch sein, dass die ganze Sache ein Fake war. Mit mir können sie so was leicht machen, ich glaube ja immer alles. Nur eben nicht an Bungee-Jumping.