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ei o-e i ei?

alexandra rollett | ei o-e i ei?

Der Rest ist Schweigen

Aber ab wann kann man von einem solchen Rest sprechen? Wo beginnt und wo endet er? Und warum sollte gerade für mich dieser Rest alles gewesen sein?

Ich muss jetzt auf jeden Fall reden. Weil andere das einfach zu oft tun. Noch dazu coram publico, im Rampenlicht und immer zu die gleiche Leier. Denn mal ehrlich: Sein oder Nichtsein – kann irgendjemand diese Frage noch hören? Hollywoodlegenden wie Ralph Fiennes murmeln sie hinter der Bühne in den Bart, der dem Monolog in 400 Jahren Rezeptionsgeschichte gewachsen ist, und der Schweizer Regisseur Marthaler lässt nur mehr die Vokale stehen. „Ei o-e i ei“ bzw. im englischen Originalton: „O e o o o e“ – eine Zeichenfolge, die quasi die Urform des binären, digitalen Codes darstellt. Und fragt irgendjemand „1 oder 0?“. Nein! Weil es nämlich darauf ankommt, wie viele Einsen, wie viele Nullen und vor allem in welcher Kombination. Es geht nicht um An oder Aus, Licht oder Dunkel, Schwarz oder Weiß, sondern ums UND, um die Abfolge, das Mischungsverhältnis.

Auch in der naheliegendsten Interpretation „Leben oder Tod?“ erscheint mir die Frage absolut sinnlos: Leben tu ich sowieso, sterben muss jeder mal. ODER heißt entscheiden. Wir müssen uns aber nicht entscheiden, Mutter Natur liefert uns beides frei Haus. Eins nach dem andern.

Zudem ist das Pochen auf „Sein oder Nichtsein?“ hinsichtlich einer globalen Egalitätsbestrebung äußerst kontraproduktiv: Da zur Zeit mehr Menschen auf der Erde leben, als jemals gestorben sind, stehen – wie Jonathan Safran Foer festgestellt hat – den Erdenbürgern nicht genügend Totenschädel zu Verfügung, um die Fragerei stilvoll zu gestalten. Vor allem in den bevölkerungsreichen Dritte-Welt-Ländern wären die Ressourcen der nötigen Requisite schnell verbraucht. Und warum sollten gerade die im Süden wieder das Nachsehen haben?

Ich will kein Hehl daraus machen, dass ich mich in gewissen Phasen meines Lebens äußerst intensiv mit diesem Grundmovens menschlichen Denkens konfrontiert sah. Ist allerdings schon fast ein halbes Jahrtausend her. Da habe ich sorgfältig abgewogen: Was spricht für Sein, was für Nichtsein? Gekommen bin ich zu folgender Conclusio:


Sein:
Geht ohne mein Zutun, und tut zwar länger, aber im Normalfall weniger weh als der Selbstmord, der für eine Transferierung ins Nichtsein nötig wäre.


Nichtsein:
Ist leichter zu definieren. Ich bin kein Stein, ich bin kein Hund, ich bin keine Frau, ich bin nicht mein Vater. Und vor allem: Ich bin nicht Hamlet. Diese Erkenntnis hat lange auf sich warten lassen. Wie alle Negationen, zu denen man nach umfassenden Recherchen, theoretischen Auseinandersetzungen und diversen Experimenten gelangt, ist sie jedoch eine unwiderlegbare Tatsache.


Argument 1
Es gibt so viele Hamlets, wie es Leser, Regisseure, Schauspieler, Zuschauer und Kritiker gibt. Es gibt romantische, verklärte, postmoderne, dekonstruierte, neochristliche, atheistische, depressive, schizophrene, spießige, avantgardistische, intellektuelle, verinnerlichte, digitale, analoge, transzendentale, profane, archaische und anarchistische Hamlets, es gibt ihn á là Freud, Nietzsche und Foucault, es gibt den Subversions- und Regulations-Hamlet, den Pazifisten- und Selbstmordattentäter-Hamlet. Ich bin zwar schon viele, aber mit dieser multiplen Palette kann selbst ich nicht mithalten.


Argument 2
Hamlets Persönlichkeit ist so differenziert, dass sie gleich einem Differentialgetriebe alle Kurvenfahrten der Mode-, Kunst- und Denkströmungen mitmacht. Mich hingegen schleudert’s bereits beim Spurwechsel.


Argument 3
Hamlet hätte den Hamlet schreiben können, mein Leben wäre mir nicht im Traum und schon gar nicht beim besten Willen eingefallen.


Argument 4
Wie Shakespeare-Koryphäe Harald Bloom es darlegte, erscheint Hamlet manchmal als wirkliche Person, die sich in ein Theaterstück verirrt hat und dann, weil irgendein Trottel verbotenerweise die Lichter zu den Notausgängen abgehängt hat, gezwungen ist, weiter mitzuspielen. Mein Drama findet – Heiner Müller sei Dank – nicht statt, zumindest nicht auf der Bühne. Keiner wird klatschen, wenn ich einen Slapstick hinlege; wohin ich auch gehe, nie werde ich an die Rampe kommen; keiner wird mir soufflieren, wenn ich hänge. Ich bin nicht im falschen Stück, sondern im falschen Film. Ich bin eine Projektion. Die Manifestation einer Projektion. Ich habe mich auf der Leinwand eingebrannt hat, die nun nie wieder Tabula rasa sein wird können. Egal, was im Kino läuft, ich bin immer dabei – im Hintergrund, als Grundmuster.


Argument 5
Hamlet ist ein Meister darin, sich selbst zu belauschen und zu beobachten. Ich habe damit die größten Probleme. Schließlich stecke ich ziemlich tief in mir drin. Um mich selbst zu beobachten, muss ich aus mir raus. Ich muss neben mir stehen. Wenn mich nun jemand in solchen Momenten, in denen ich mich selbst beobachte, beobachtet, sieht er nicht nur mich, sondern neben mir auch noch mich ohne mich. Er nimmt also viel mehr von mir wahr als im Normalfall. Ich hingegen habe während derlei Selbstbeobachtungen immer das Gefühl, nicht ich zu sein. Aber da ich ja nur mein Ich ohne mich sehen kann, weiß ich nicht, wie ich neben mir ohne mich auf andere wirke. Bin ich dann mehr ich oder bin ich’s nicht? Bin ich denn überhaupt? Und wenn dann, wer denn? Und ist eine solche Fragestellung spätpubertär oder postmodern?

Einige Zeit habe ich mich für Shakespeares Sohn gehalten. Dagegen sprechen aber einige gravierende Einwände. Erstens einmal ist sein Kind Hamnet laut historischen Quellen 1596, vier oder fünf Jahre vor der Fertigstellung der uns vertrauten Fassung des Hamlets, im Alter von elf Jahren verstorben. Zum anderen wird meinem vermeintlichen Vater seine historisch verbürgte Existenz abgesprochen und sein Werk einem unter Pseudonym agierenden Autorenkollektiv untergeschoben. Um sich auf diese Rolle als dauerpräsentes, aber nicht fassbares Gespenst der Literaturgeschichte vorzubereiten, hat Shakespeare bei der Uraufführung von Hamlet den Geist, Hamlet senior, gespielt. Ich bin leider in Logik nicht so bewandert, aber spräche gemäß dem Gesetz der doppelten Verneinung die Nichtexistenz meines Vaters und mein früher Tod nicht für meine Existenz? Oder bin ich vielleicht gar nicht Shakespeares Sohn, sondern der Geist des Dichters selbst, der durch die Dopplung seiner Nichtexistenz – ein Geist stellt ein Gespenst dar – quasi inkarniert wurde?

Aber ich will nicht wieder ins alte Fahrwasser geraten, von dem ich nicht weiß, ob es der Styx, das Fruchtwasser im Geburtskanal oder das Meer zwischen Helsingör und London ist. Schließlich befinde ich mich seit ich mich erinnern kann, und das tu ich – mehr oder weniger gut – seit 450 Jahren, in einem Zustand, den ich einfach als gegeben hinnehmen will. Ich denke zwar noch ab und zu, aber meistens bin ich nur. Doch wenn man Tag für Tag diesen verdammten Hamlet hört, immer und immer wieder, darf man doch einmal alle guten Vorsätze über Bord werfen.

Sei’s drum. Wahnsinn ohne Methode hat mich noch nie interessiert. Ich schweige weiter.


VORHANG AUF-