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ein mann steht im wasser

Thomas Brunnsteiners schillernde Reisereportage aus dem hohen Norden und tiefen Osten


Thomas Brunnsteiner: Bis ins Eismeer. Zwölf Reportagen von den Einwohnern der Welt zwischen Polarkreis und Kaukasus

Wieser Verlag: Klagenfurt/Celovec 2007

Rezensiert von: werner schandor


Ein Mann steht im Wasser, an seinen Waden spürt er Shrimps hochspringen, er blickt auf die See, doch wenn er sich umsieht, ist hinter ihm kein Strand, sondern tiefer Wald, die Bäume zum Teil schon abgestorben. – Mit diesem Bild beginnt Thomas Brunnsteiner die Reportage Das Meer, das atmet über das Kaspische Meer, die erstmals 2001 in der NZZ erschien
und nun – gemeinsam mit elf anderen Reportagen Brunnsteiners – im Sammelband Bis ins Eismeer im Wieser- Verlag in der Reihe „Europa erlesen“ veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zum Aralsee, der seit Jahrzehnten austrocknet, ist der Wasserstand am Kaspischen Meer seit rund 20 Jahren gestiegen. Damit ist dieses größte Binnenmeer der Erde zugleich auch der Paradefall dessen, was auf den Globus zukommen könnte: Überschwemmte Städte, riesige Flächen Schwemmland, von dem Menschen fliehen müssen, Ölfelder, die im Meer versinken und das Meer verseuchen ... Die Ozeanologen, die Brunnsteiner in Moskau und Aserbeidschan aufsucht und befragt, haben die verschiedensten Theorien über die Ursachen, aber am Ende hat der Fahrer, der den Reporter durch die Gegend kutschiert, die schönste Erklärung, warum der Seespiegel am Kaspischen Meer über Jahrhunderte weg steigt und fällt und wieder steigt: „Weil, weißt du, unser Meer ... Unser Meer, das atmet.“

Auch Brunnsteiners Buch Bis ins Eismeer atmet. Man spürt förmlich den Atem der Menschen, die er aufsucht und in seinen Reportagen porträtiert: Russische Fischer, die monatelang im Hafen von Turku festsitzen, weil ihre Reeder keine Fischereilizenz erwerben; finnische Juden, die im 2. Weltkrieg an der Seite der Wehrmacht gegen die Russen kämpften und dafür von den Nazis mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet hätten werden sollen; oder der urwüchsige Finne, der im hohen Norden, abgeschieden vom Rest der Welt, nach Art der Koltta-Sámi lebt, einem alten Volksstamm, dem Der Letzte seiner Art jedoch gar nicht angehört.

Thomas Brunnsteiner faszinieren Biographien und Geschichten, die unseren Erwartungen widersprechen. Veröffentlicht wurden seine Texte in renommierten Zeitungen und Zeitschriften, wie Frankfurter Rundschau, taz, brand eins und mare. In der Zusammenschau des Buches zeigen sich ihre literarische Qualitäten nochmals deutlich: Die sparsamen, aber detailgenauen Schilderungen, Brunnsteiners menschlicher Blick auf seine Gesprächspartner, und vor allem die beeindruckende Stilsicherheit, mit der er seine Texte baut und die Leser auf die Reise durch Zeit und Raum mitnimmt.

Thomas Brunnsteiner wurde 1974 geboren und wuchs in Graz auf, wo auch seine journalistische Laufbahn begann. Nach zahlreichen Reisen durch die ehemalige Sowjetunion verschlug es ihn vor ein paar Jahren nach Finnland, wo er in einem winzigen Kaff lebt und arbeitet. Seinem Wohnort hat er in der Geschichte Im blutroten Dorf – der ersten des Bandes – ein kleines Denkmal gesetzt hat. Bis ins Eismeer ist seine erste Buchveröffentlichung, der hoffentlich bald weitere folgen.