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ein rumpl für alle fälle

Manfred Rumpl hat sich einiges vorgenommen. Er hat nicht nur einen Faust-Roman geschrieben, sondern ein Buch über und gegen unsere Zeit.


Manfred Rumpl: Fausts Fall. Roman.

Wien: Literaturverlag Luftschacht 2007

Rezensiert von: urs malte borsdorf


Faust ist von sich angekotzt. „Ich hatte einfach keine Lust mehr, fortwährend nur ich zu sagen.“ Dieser erste Satz von Fausts Fall macht das klar. So muss der Ich-Erzähler, Faust, seine Erzählung immer wieder unterbrechen. Über ihn wird berichtet. Von seinem Leben. Das nur dazu dient, sich selbst zu verbergen.

Faust trinkt wie ein Loch und kifft wie ein Schlot. Betäubt sich. Denn er will gegen die Meinung anleben, was einen guten Philosophen ausmache, sei Klarheit im Denken. Klarheit hat er zur Genüge gehabt. Ihm war vieles klar, zu früh vielleicht. Als Kind und Teenager, als er seine Frau kennen lernte, seinen besten Freund Paulus und die Musik. Die Beat Generation und ihre Denker.

Schon vor Rumpl wurde der Faust-Mythos mit der Beat Generation verknüpft. Etwa in T. C. Boyles Roman Grün ist die Hoffnung. Doch anders als der Amerikaner verpflanzt Rumpl seine Figuren und Handlung in die Neunziger. Faust scheint die vergangenen Jahrzehnte im Delirium verpennt zu haben. Jetzt wacht er auf und merkt, dass die Ideale der Siebziger nicht mehr zählen. Mitunter durch die blauschwarze Regierung verliert er seine Anstellung am philosophischen Institut. Und muss in einer neoliberalen Firma arbeiten.

Die Schuld an seinem Dilemma schiebt Faust seinem Freund Paulus in die Schuhe. Einem Philosophen, der als Sophist bezeichnet wird, weil er ein guter Rhetoriker ist. Da er an sich arbeitet. Wie einer, der um die eigene Unsicherheit weiß. Paulus ist eigentlich nicht als Mephisto angelegt. Er ist Antipode. Trinkt und kokst kontrolliert. Während Faust sich betäuben will, will Paulus die eigene Unsicherheit überwinden.

Am eigenartigsten an diesem Buch ist, dass kaum Philosophie vorkommt – handelt es doch von Philosophen. Doch ist das Rumpls Methode. Wenn etwa Paulus sein Buch „Masse.Markt.Macht“ präsentiert, gelangt er über ein bisschen Canetti, ein wenig Marx und müde Theoriespuren Adornos kaum hinaus. Denn selbst die Kritik ist zu einem opportunistischen Unternehmen geworden. Paulus übt sie so, dass sie keinem wehtut, um sich eingliedern zu können.

Rumpls eigene Kritik an unserer Gesellschaft und Zeit setzt dort an, wo man es am wenigsten vermutet. Jene Wissenschaft  die sich die Ethik aufs Revers schreibt, arbeitet nach Gesetzmäßigkeiten des freien Marktes. Verkauft sich und kauft, wer sich am besten verkauft – überflüssig zu erwähnen, dass das Paulus ist.

Dabei stellt Faust in seinem neuen Beruf fest, dass die Ideale der Beat Generation, Autarkie und freies Leben, eine neue Dimension angenommen haben. Man ist sein eigener Chef, eine Ich-AG, doch deshalb noch lang nicht frei. Das umfangreiche Buch, mit großen Seiten und kleinem Druck, hätte eine Straffung vertragen. Doch ist es an den Stellen spannend, wo Fausts Scheitern über sein eigenes Erzählen gezeigt wird.