schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 15 - noch fragen? eine million mal klo & händewaschen
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/15-noch-fragen/eine-million-mal-klo-handewaschen

eine million mal klo & händewaschen

Themen und Rhemen, Aus- und Abschwiffe in Steffen Popps Roman genanntem Langgedicht. Mit 14 Zeichnungen von Andreas Töpfer.


Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin. Roman. Mit 14 Zeichnungen von Andreas Töpfer.

Berlin: KOOKbooks. 2006

Rezensiert von: martin fritz


Man muss Steffen Popp einem halbwegs interessierten Publikum nicht mehr lang vorstellen: 1978 geboren, nach Berlin gezogen, Lyrikband Wie Alpen veröffentlicht, von Kritik geherzt, Roman draufgesetzt, Longlist zum deutschen Buchpreis und jetzt, 2007, Rauriser Literaturpreis. Ohrenberg oder der Weg dorthin, sein Prosadebüt, kommt im entsprechend zeitgeistigen Bücher-von-heute-Design daher, das so ausschaut, dass man denkt, die Verlagsseite ist sicher mit Flash programmiert (ist sie gar nicht, klasser Verlag übrigens). Das ordnungsgemäß – abgesehen von Detailkritteleien wie: „X oder Y muss er noch lernen, dann...“ – begeisterte Feuilleton suchte sich meist eine Handlung zusammen, und warum auch nicht, wenn einem so etwas Spaß macht. Eine Spur interessanter als der Plot (in der Form eines barocken Schelmenromantitels: Reflexionen über dies und das des am thüringischen Funkturm residierenden Kommunisten und Hirnforschers Graf Ohrenberg sowie Beschreibung der drolligen Verkehrsmittelwahl seines alten Freunds und Sekretärs Aschmann bei dessen Anreise nebst gedanklichen Abschweifungen desselben) ist aber die Machart dieser, nun ja, besonders lyrischen Prosa, oderwie man das nennen will.

Verkneift man sich mal das aus österreichischer Perspektive gern geäußerte Vorurteil, das mit Sprachspiel und so (Jandl, Franzobel, Haas etc.) könnten wir halt doch besser als die Deutschen, bringt dieser semantisch überdichte Wust aus De- und Konnotationen, bizarren Motiven, haarsträubenden und kopfkirremachenden Metaphern und vielleicht auch Metonymien sowie Bedeutungssträngen, -netzen und -knoten die Germanistenherzen in uns zum Klingeln, dass die Schwarte kracht. So komplex, wie im ersten Überflussrausch angenommen, ist das stimmig durchkomponierte Langgedicht, äh Roman natürlich, zum Glück auch wieder nicht, und so darf die aufnahmebereite Leserin sich an einem klaren, lustigen und intelligenten Text erfreuen. Der Rezensent könnte, um die eigene Belesenheit auszustellen, in dieser Referenzhölle allem nachspüren, was da an Anspielungen, Themen und Rhemen kreucht und fleucht (kurz: Sozialismus, die gesamte abendländische Philosophie, Theologie und Literatur, Mineralwasserneurosen, Technik), lieber sagt er aber: bitte selber draufkommen!

Denn lesenswert ist das zweifache Gedankenstromprotokoll von Ohrenbergs und Aschmanns Assoziationsirrwitzen, diese Achterbahnfahrt durchs gelehrte Hirnkastl allemal. Dass Ohrenberg ein bisschen gar prätentiös frisch gleich ein Roman zum gesamten 20. Jahrhundert sein möchte, muss einen großen Geist nicht stören. Auch weiß man nie so ganz, ob alle diese über-übertriebenen Aus- und Abschwiffe nicht doch ein bisschen manierierter Selbstzweck sind, der außer schönem Schein wenig Sein birgt (wie das alberne Coverdesign), aber wer braucht schon Sein. Besser oder zumindest neuer als die handelsüblichen Befindlichkeitsromane aus Friedrichshainer WGs nebst Reflexionen über vermilchpanschten Kaffee oder diese Weblogs ist Popp jedenfalls, der ja ungefähr das Gegenteil davon ist, was unter einem um nur einen Buchstaben kürzeren Label als sein Name in den Neunzigern deutschen Verlagen ganz gutes Geld brachte.