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google und die letzten klugscheißer

martin gasser | google und die letzten klugscheißer

Kann nutzloses Wissen wirklich nutzlos sein? – Ein gelehrter Disput.

A (referierend, mitunter schneidend, Geheimratsecken in der Stimme): ... kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit unnützem Wissen. Das halte ich für eine ausgesprochene Diffamierung, dass es so etwas geben soll.

B (behält die ganze Zeit über einen skeptischen Tonfall): Na ja, es stimmt wohl, was Sie sagen. Ich erinnere mich an einen Freund, der die sonnenschwere Ödnis eines kroatischen Strandes zum Zeitvertreib mit einem guten Beispiel angeblich nutzlosen Wissens aufheiterte. Zum allgemeinen Erstaunen begann er aus den dort bekanntlich im Überfluss herumliegenden, größen- und formmäßig einigermaßen passenden Kieseln die afrikanische Staatenwelt zu gruppieren. Togo, Burkina Faso, Mali, Gabun und so weiter waren ihm nicht – wie uns – bloß eine Anhäufung putzig-exotischer Staatennamen, er vermochte sie in eine einigermaßen exakte – was wir gutgläubig anzunehmen bereit waren – geographische Ordnung zu bringen. Keine Ahnung, woher er das Spezialwissen hernahm, dass Niger südlich von irgendetwas anderem ...

A: ... „irgendetwas anderem“, ach du heiliger Eurozentrismus ...

B: ... von irgendetwas anderem liegt. Solche Klugscheißerei, wenn man das so nennen will, war nicht wenig unterhaltsam.

A: Sie wollen es ja so nennen. Mir käme es nicht in den Sinn, diese Angewohnheit verbal zu fäkalisieren. Nur weil manche deshalb unangenehm berührt sind, ja sich angegriffen fühlen? Die Wendung vom nutz- und sinnlosen Wissen allein zeigt ja schon die Intellektuellenfeindlichkeit, zu der eine Bevölkerung, und dabei vor allem die unsere, fähig ist.

B: Sie nun wieder, und Ihre Neigung zum Apodiktischen.

A: Ja, kennen Sie denn noch Menschen, die das Wort intellektuell benutzen, ohne das heimtückische Pseudo- davor zu setzen?

B: Sie übertreiben, wie üblich. Aber es ist schon eine bemerkenswerte Marotte, dieses Sich-Aufhalten in abgelegenen Räumlichkeiten des Wissens. Wo diese Neigung wohl herrührt?

A: Na, das wissen Sie ebenso wie ich. Zumindest einen Teil unserer Besserwisser und Klugscheißer haben wir solchen sozialen Konfigurationen, dem Phänomen des Nerd-Tums zu verdanken. Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer –, statt zu leben und den alterstypisch üblichen Belustigungen nachzugehen, sich ihre Welt zumindest eine Zeitlang aus Büchern und anderen Medien zimmern.

Solche Welterfahrungsstrategien sind Ihnen ja wohl bekannt.

B: Oh ja, ich gebe gerne zu, dass manchen Konversationslexika und Logarithmentafeln das Tor zur Welt sind. Dabei nehmen diese geistigen Weitwanderungen oft eine völlig unpraktische Ausrichtung. Um mit Amery zu fragen: Was interessiert mich als Intellektuellen, wie ne Glühbirne funktioniert? Und wer einmal ein Buch von Theweleit gelesen hat oder, was wahrscheinlicher ist, nur darin geblättert, kann die Vorstellung von nutzlosem Wissen ja schwer aufrecht erhalten. Dort, wie bei vielen unseren neuen Kulturphilosophinnen, besteht die Kunst ja darin, diverse verstreute Fäden zu einer hübschen Theorie zusammen zu schlingen ...

A (brummt hörbar zufrieden)

B: ... und in der Unübersichtlichkeit erhellende Zusammenhänge zu finden.

A: Weil sie Fragen stellen und nicht davon ausgehen, dass in der Postmoderne die Dinge zufällig und nebeneinander existieren. Nichts ist absichtslos. Kann man angesichts dessen noch am Modell des nutzlosen Wissens festhalten?

B: Aber werden wir denn nicht überschüttet mit Wissen und Information? Denken Sie an die Segnungen des Zeitgeistes.

A: Natürlich. Erinnern Sie sich noch an die Zeit der Unschuld, in der uns die Popkultur ein permanentes Rätsel aufgab? Als wir nichts hatten als fragwürdige Informationsquellen, die wie BRAVO unseren Wissensdurst nur mangelhaft stillten? Die Frage, ob Boy George nicht doch ein Mädchen war, sorgte für heftige Debatten im Pausenhof. Und jetzt hat unsere wikipedisierte Umgebung solche Spekulationen einfach beendet. Jetzt gibt es ein allgemeines Zugriffsrecht auf die Antwort. Das individuelle Bescheidwissen ist wertlos geworden, wo jeder die Welt mit seinem Internethandy mit sich herumschleppt.

B (anfangs leicht resignierend): Na, Ihre Lust an der Distinktion treibt schon recht skurrile Blüten, ich muss schon sagen. Gar so demokratisch kommt mir Ihr Gerede jetzt nicht mehr vor. Und was wäre denn auch so schlimm daran, wenn man Bescheidwisser vom hohen Ross bildungseifriger Beflissenheit holt? Jede Medienrevolution ist doch immer von giftigem, reaktionärem Geschnatter begleitet gewesen. Und wir sind, egal ob das Neue nun die Schrift, der Buchdruck, das Radio oder das Fernsehen gewesen sind, niemals dümmer, sondern immer nur anders geworden. Der Eingeweihte ist nicht mehr der gralshüterhaft Wissende, sondern der, der darüber Bescheid weiß, wo er das Wissen aufzuspüren hat. Das verlangt doch auch spezielle Kenntnisse und findet somit ganz gewiss Ihre Sympathie? Na gut, Gasthausstreitigkeiten können sich nicht mehr bis zur Wette hochschaukeln, wenn einer der Diskutanten das Internet in der Tasche mit sich herumträgt. Geschenkt. Der ständig abrufbare Informationsspeicher ist dem privat kultivierten und besitzergreifend eingezäunten Orchideenfach doch überlegen, finde ich.

A: Ich möchte nicht, dass Sie mich missverstehen. Mir ist das wie in einem Bauchladen vor sich hergetragene Geheimwissen auch zuwider. Dass man sich darüber beschwert, dass andere Zugang zum Wissen haben oder im Internet ihre Meinung sagen können, das finde ich ebenso bedenklich wie Sie. Aber denken Sie mal: Wenn nun dieses Wissen ganz ungefiltert als wahr hingenommen wird. Das Internet ist ein Hort der Fehlinformation etwa wie die an Wikipedia angelehnten Seiten, in denen die Evolutionstheorie als Scharlatanerie abgetan wird.

B (leicht belustigt): Na, Sie scheinen sich beim Surfen ja doch recht gut auszukennen.

A: Wer nicht? Es ist ja unumgänglich. Erinnern Sie sich doch an die prophetischen Worte Deleuzes zum Thema.

B (seufzt beinah unhörbar): Die sind mir jetzt gerade wirklich nicht geläufig.

A (geht zur Bücherwand, blättert): Moment, hier: „Der Mensch der Disziplinierung war ein diskontinuierlicher Produzent von Energie, während der Mensch der Kontrolle eher wellenhaft ist, in einem kontinuierlichem Strahl, in einer Umlaufbahn. Überall hat das Surfen schon die alten Sportarten abgelöst.“ Geschrieben 1990.

B: Erstaunlich genug. Die hartleibige Welt des Wissens, die liquide der Information ...

A: Was mich fasziniert, ist das Dialektische dieses Allgemeinwissens. Gerade heute in unserer aufgeklärten Welt der Antworten blühen die Mythen wie kaum je zuvor: Die Außerirdischen sind in der amerikanischen Wüste gelandet, die Spinne hockt in der Palme, der Asylwerber ist schuld an meiner Arbeitslosigkeit, Kennedy wurde vom CIA und/oder der Mafia erschossen ... Unsere Wissensgesellschaft generiert Mythen in einer Geschwindigkeit, die den alten Griechen unheimlich gewesen wäre.

B: Na ja, eine Welle ist ja auch durchlässiger als ein Bücherschrank.

A: Der Infospeicher ist auch mit dem größten Müll gespeist. Aber es ist ja kein Wunder: Die durch und durch aufgeklärte Gesellschaft, in der eine Erscheinung wie die Freimaurer nur mehr ein lächerlicher Anachronismus ist – Was können die schon Geheimes wissen? – kippt ins Gegenteil: Was wissen die Geheimes?. Die Informationsgesellschaft schafft sich Ventile, durch die Esoterisches dunstet.

B: Ob das denn so neu ist?

A (hört den Einwand gar nicht): Und auch psychologisch und ethisch scheut man sich vor der Unwägbarkeit, dem Unvorhersehbaren, wenn Sie so wollen, der Frage. Unsere Kultur der Antwort zeitigt in moralischen Bereichen Konsequenzen, vor denen einem ruhig mulmig werden kann. Hier wird ein Kontrollsystem einer wörtlich zu nehmenden Vorverurteilung etabliert. Die Präventivhaft für Fußballfans. Die mögliche Ausschaltung behinderten Lebens. Glauben Sie, dass die Human-Ingenieure einen weiten Schritt zu tun haben, um Kinder nach Wunsch zu fertigen? Die Angst vor dem Unbestimmten, vor allen Eventualitäten hat eine Kultur erschaffen, in der die Antwort die Frage ersetzt. Mir brauchen Sie damit nicht mehr zu kommen. Ich halte die feststellende Antwort nur mehr dann für genießbar, wenn sie aus einer prä-potenten, unmächtigen Position gestellt wird. So, dass sie schon wieder zur Frage wird.

B: Das allerdings kennt man aus der Kunstpraxis der Jungen. Aber ist das postmoderne Wissen denn nicht schon längst ausgiebig erforscht? Diese Frage ist doch sicher schon mehrfach von Medientheoretikerinnen, Philosophinnen und Soziologinnen beantwortet worden?

A: Was weiß ich? Für heute habe ich genug Antworten gegeben. Da müssen sie jetzt selber nachschauen.