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ich regen, du blase

Die Menschen sind einfach und berechenbar. Michael Stauffers neues Prosawerk zeigt, wie man davon formschön profitiert


Michael Stauffer: Normal. Vereinigung für Normales Glück.

Basel: Urs Engeler Editor 2006

Rezensiert von: stefan abermann


Marcel Oliver, Ich-Erzähler des neuesten Prosastreichs Normal. Vereinigung für normales Glück des Schweizer Dichters Michael Stauffer, ist arbeitslos, und wer arbeitslos ist, hat viel Zeit, sich Gedanken zu machen und die wahren Wünsche der Menschen zu analysieren. So findet Marcel heraus, dass ein Anlagefond in Beteiligungen an religiösen Gemeinschaften investiert und folgert: Die Menschen wollen spirituellen Halt und sind bereit, für dieses kleine bisschen Glück Geld zu bezahlen. Marcels Lehre vom „normalen“ Glück orientiert sich schließlich am Wasser: Ich stehe in der Natur, langsam setzt der Regen ein und dann leert sich meine Blase. Das ist der Hauptgedanke [...], diese Idee, dass die Natur mir vorausgeht und ich einfach der Natur hinterhergehen kann und dann wird alles gut, das ist es.

Marcel gründet also eine Sekte, eine „Vereinigung für normales Glück“. Er führt seine Jünger in den Regen, um sich kollektiv in die Hosen zu machen und beweist, dass heutzutage keine Idee verrückt genug sein kann, um nicht eine Ich-AG zu gründen und damit finanziell zu reüssieren. Dass auch der Roman reüssiert, ist vor allem Stauffers Blick für die Banalitäten des Alltags zu verdanken. Diesen bewies er bereits in seinen ersten beiden Prosawerken mit den episch langen Titeln I promise when the sun comes up, I promise I’ll be true. So singt Tom Waits. Ich will auch Sänger werden (2001) sowie Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch (2003). Beide Werke stellten Erzähler in den Mittelpunkt, die mit abstrusen Einfällen und aberwitzigen Logikexperimenten und skurrilen Projekten den Alltag zu füllen versuchten. Auch Marcel Oliver, der selbsternannte Sektenführer, macht hier keine Ausnahme: Er erprobt seine angeblichen telepathischen Fähigkeiten im Park, erfindet ein Baukastensystem für Kontaktanzeigen und schützt sein Fahrrad durch Androhung von Bußgeldforderungen. Kurz: Der Alltag ist schwer, doch man kann lernen, ihn zu meistern.

Vor allem kann man lernen, wie er zu beschreiben ist. Stauffers Erzähler wissen nämlich, dass die Realität erst erträglich wird, wenn man sie festschreibt. In knapper, einfacher Sprache fixiert Marcel Oliver seine Welt. Er beschreibt schnörkellos, fast naiv. Und genau in dieser Einfachheit liegt die Kraft dieser Prosa. Stauffer schafft es durch einfachste Aussagesätze, die Welt seines Erzählers wiederzugeben. Er zielt weder auf Stileffekte ab, noch fordert er poetischen Pomp. Die Banalität des Alltags findet ganz einfach in ihre logische Form. Mit diesem Stil erreicht Stauffer vor allem zwei zentrale Effekte: Erstens werden seine Figuren durch ihren vollkommen unkomplizierten Blick auf die Welt zu wahren Sympathieträgern. Die Erkenntnis, dass es zum Glücklichsein nicht viel braucht, ist ansteckend. Zweitens generiert Stauffers Stil vor allem den unwiderstehlichen Witz eines Schelmenromans: Die überbordende Realität trifft auf einen einfachen Geist und wird von diesem gefiltert. An der Bruchstelle zwischen den kollidierenden Niveaus entsteht im Falle Stauffers eine verschrobene, liebenswerte Art von Komik. Und so ist Normal nicht nur ein Text über „normales Glück“, sondern auch eine Hilfestellung, es zu finden.