schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 15 - noch fragen? kleine reise durch den nihilismus
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/15-noch-fragen/kleine-reise-durch-den-nihilismus

kleine reise durch den nihilismus

bernhard horwatitsch | kleine reise durch den nihilismus

Wie französische Autoren die Wurzeln des Alltags-Faschismus in ihren Werken entkleiden

Beim Prediger Salomo heißt es, dass die Frau bitterer sei als der Tod. Umberto Eco lässt seinen Franziskanermönch Wilhelm von Baskerville versöhnlich sagen, dass Gott kaum ein Geschöpf erschaffen würde, ohne ihr wenigstens ein paar Tugenden mit auf den Weg zu geben. Rein wissenschaftlich lässt sich sagen: Die Frau ist ein weiblicher, erwachsener Mensch, und das geschlechtliche Gegenstück zum Mann. Die Unterscheidung liegt vor allem in der chromosomalen Region SRY, dort wird das Protein TDF produziert, welches zur Ausprägung männlicher Geschlechtsmerkmale führt (Hodenwachstum).

Die Massen von Versuchsergebnisse in der Wissenschaft erlauben jedoch keine weiteren Erkenntnisse – außer einer Wertschöpfung bestehender Bestände. Es genügt jedoch nicht, durch eine Interpolation in das Bestehende auf neue Erkenntnisse zu kommen. Damit häufelt man nur Ergebnisse ohne weiteren Sinnzuwachs.

Heute bräuchten wir einen neuen Bezugsrahmen. Entscheidend ist also nicht die Interpolation, sondern die Interpretation! Die Wissenschaft hat, ganz ähnlich wie die Kirche im Mittelalter, ein Problem der Exegese. Dies ist ein viel fundamentaleres Erkenntnisproblem, als die Vereinheitlichung der vier Grundkräfte in der Physik!

Und hierin liegt eine Grundbedingung des Aufkommens von Nihilismus! Nihilismus als Erkenntnis von Nicht-Erkenntnis, ganz in der Tradition von Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ In der Flut banaler Erkenntnisse, die ein neues Weltbild formiert, geht dieses Basisaxiom menschlichen Bewusstseins von Nichtwissen in der Regel unter und formiert sich wieder neu, sobald eine gewisse Erkenntnis-Langeweile auftaucht.


Pubertätsgen GPR54
Die so genannte Midlife-Crisis und die Pubertät weisen gewisse Gemeinsamkeiten auf. In der Pubertät erwacht das sexuelle Begehren, unbegreifliche Begierden kommen auf, eine irrationale Suche beginnt, teilweise mit enormer Aggressivität. In der Midlife-Crisis des Mannes erlischt die sexuelle Begierde langsam. Man hat bereits Erlebnisse gehabt, die Aggressivität der Suche nach Reizen und sexuellen Abenteuern ist erhöht, weil man sich wieder auf das kindliche Gemüt zu reduzieren beginnt. Man weiß, wenn das vorbei ist, ist man nur noch ein trauriges Kind, das auf den Tod wartet.

Das Pubertätsgen GPR54 aktiviert, einem Schalter vergleichbar, eine Kaskade weiterer Gene, die dann die sexuelle Reifung hervorrufen. Entdeckt wurde dieses Gen bei einer saudiarabischen Familie, die unter idiopathischem, hypogonadotropischem Hypogonadismus litten, kurz IHH, bei denen praktisch die Pubertät vollständig ausbleibt.

Jugendliche mit niedrigen Bildungszielen, Kinder allein erziehender Eltern und Kinder aus ärmlichen Milieus entwickeln in der Regel ein ausgeprägteres Sexualleben als Kinder und Jugendliche aus intakten, reichen Familien. Religion hemmt die Sexualität ebenso wie das Bedürfnis nach Wissen.

Houellebecq schildert nun in seinem Roman #Elementarteilchen# die beiden Halbbrüder Bruno und Michel – zwei Männer um die 40 mit unterdrückter Sexualität –, die sich in der Midlife-Crisis befinden. Michel ist Wissenschaftler, Molekularbiologe mit quasi nicht vorhandener Sexualität, während Bruno als Lehrer kaum intellektuelles Interesse zeigt, vielmehr stets auf der Suche nach sexuellen Abenteuern ist.

Die Traurigkeit beider Figuren wird durch ihre broken home-Situation geschildert. Ohne Väter aufgewachsen, die Mutter nur sporadisch vorhanden, entwickeln sich zwei neurotische Halbbrüder. Geprägt werden die beiden durch den Hedonismus der modernen Konsumgesellschaft. Houellebecq unterscheidet hier zwischen dem so genannten „libertären Modell“ aus den USA und dem „sozialdemokratischen Modell“ aus Schweden. Während das amerikanische Modell streng hedonistisch, ästhetizistisch und damit faschistoid ist, zeigt das schwedische Modell eine Fähigkeit zum guten Willen und Mitleid.

Guter Wille und Mitleid drücken sich durch weibliche Toleranz aus: Auch mal einen Mann gewähren zu lassen, dessen Penis kleiner und leistungsschwächer als gefordert ist. Altruismus als dünnhäutiger Integrationsversuch geschildert, versagt jedoch ebenso, wie die knallharte Komponente aus Amerika „schöner wilder Tiere“. Das tragische Ende von Brunos Freundin Christiane, die nach exzessivem Sex in einem Swingerclub zusammenbricht und sich daraufhin suizidiert, begründet Houellebecq durch den Mangel an moralischem Rückgrat Brunos. Bruno kann sich nicht für die inzwischen gelähmte Freundin entscheiden. Gleichzeitig führt das Versagen vor den eigenen moralischen Imperativen zum Zusammenbruch Brunos. Die naturwissenschaftlich unterlegten Zwänge geraten in Konflikt mit den kulturellen Ansprüchen einer modernen Gesellschaft. Die einzige Lösung scheint Zerstörung zu sein.


Moral-Maskerade
Während Celines Held Bardamu (#Reise ans Ende der Nacht#) sich noch wesentlich über die Armut zu beklagen hat als Wurzel des Übels, und daraufhin die Moral als hinfällig bezeichnet, sind Houellebecqs Helden schon typische, vom Existenzialismus geprägte Antihelden, deren moralischer Verfall bereits vollzogen wurde. Die moderne Konsumgesellschaft wird mit ihrem Sexismus als zutiefst amoralisch gekennzeichnet. #Die Möglichkeit einer Insel#, Houellebecqs jüngster Roman, zeichnet einen traurigen pseudoreligiösen Faschismus nach, der hauptsächlich durch die wissenschaftliche Möglichkeit der künstlichen Replikation ermöglicht wird. Hier ist die Lust nur noch eine vage Sehnsucht, die in der Figur Michel aus #Elementarteilchen# schon angekündigt ist, und in Daniel 25 (#Möglichkeit einer Insel# sich endgültig realisiert. Bildung und Religion, jede Form von Kultur, gilt nur noch als Ersatzhandlung für verhinderte sexuelle Entfaltung.

Während Friedrich Nietzsche die Moral in eine nützliche und eine unnütze Moral unterteilte, ihr sozusagen das Naturrecht absprach, sind die Helden Bruno und Michel durchaus festen Zwängen unterworfen. Die Zwänge sind jedoch streng naturwissenschaftlich, bestimmt von gewissen Unvorhersehbarkeiten in denen sich das bewusste Ich zu einer absurd-komischen Geste reduziert.

Wollte man eine Kultur errichten, die sich dem hier rehabilitierten Naturrecht wieder anpasst, so käme dabei nichts heraus, denn wozu sollte eine Kultur da dienen? Sie wäre nur eine schwarze Fläche auf einer schwarzen Fläche, und damit komplett unsinnig.

Es ist wie in Baudrillards #Requiem für die Medien#, in der die Demokratie nur die Macht parodiert und jedweder Antrieb, jedwede Moral nur einer Maskerade gleicht und nur simuliert.


Der Marlboro-Mann
Das Signifikat entfernt sich vom Signifikanten. Die Aussage in der Werbung hat nichts mehr mit dem beworbenen Produkt zu tun. Am sinnfälligsten ist dies in der Marlboro-Werbung zu sehen. Man sieht eben nur noch Cowboys in einer schönen Landschaft, glatte Pferdekörper, Naturromantik. Aber die Schachtel Zigaretten, an die trotzdem jeder bei dieser Werbung denkt, wird nicht gezeigt. Aber das Nicht-Gezeigte ist das stärkste Verkaufsargument: Das hohe Suchtpotential von Nikotin.

Ein moralischer Hinweis zum Schluss des Werbespot, durch die staatliche Obrigkeit erzwungen, deutet noch auf das eigentliche Signifikat. Aber in letzter Instanz stellt das Signifikat der Werbung einen Wirklichkeitsbezug her, der nirgends zu finden ist. Die mediale Wirklichkeit wurde bedeutsamer und wirklicher, als die wirkliche Wirklichkeit. Tatsächliche Realität verliert ihre Bezüglichkeit, atomisiert sich.

Und da in der Werbung die Sexualität eine große Rolle spielt, wird alle Werbung zur pornografischen Parodie und atomisiert die sexuelle Wirklichkeit. Sexualität wird, wie in der Figur Bruno (Elementarteilchen) überwertig, erlangt den Status eines religiösen Heilsversprechens. Aber ähnlich wie bei religiösen Heilsversprechen ist auch hier der Scheck ungedeckt. Die Enttäuschung darüber führt zum Selbstmord. Der unaufhaltsame Verfall des Körpers, einem Naturrecht, steht der Wunsch und die Proklamation des ästhetizistischen, jugendlichen Idealkörpers entgegen. Houellebecq ist daher kein faschistischer Autor, kein rassistischer, frauenfeindlicher Autor, sondern entkleidet die moderne Gesellschaft und zeigt ihre faschistischen Wurzeln.


Der Hilbert-Raum
Ein Hilbert-Raum ist ein verallgemeinerter euklidischer Raum mit unendlichen vielen Dimensionen, und er neigt zu einer strengen, mathematischen Struktur. Wenn Houellebecqs Held Michel (Elementarteilchen) unser Bewusstsein mit einem solchen Raum vergleicht, meint er nichts weiter als die Tatsache, dass unser Gehirn (als tatsächlich bidualer Hilbertraum) dazu neigt, chaotische Strukturen zu ordnen, eine Metrik zu schaffen. Aus der Unzahl an Geräuschen, die unser Raum um uns erzeugt, schafft das Gehirn die Metrik von Sprache. Dass wir Musik erleben können, ohne einfach nur Krach zu empfinden, ist das Ergebnis eines auf Struktur angewiesenen Naturrechts. Kultur ist der Reflex. Und hier scheitert Houellebecq, indem er eine pauschale Kulturkritik abliefert.

Nietzsche nannte man auch den „Wertezertrümmerer“. Wenn man etwas zusammenbaut und es stimmt hinten und vorne nicht, und man hat das Gefühl, man kann dieses Etwas, dieses missglückte Konstrukt auch nicht mehr retten, so zerstört man es, und fängt von vorne an.

Aber auch das Radikale hat seine Herkunft. So ist die Herkunft des houellebecqschen Nihilismus erklärbar aus der Tradition des französischen Bürgertums. Houellebecqs Schimpftiraden über die Männer, welche dank ihrer natürlichen Testosteron-Vorteile leichter Frauen bekommen, machen sich allzu verdächtig. Es ist nicht schwer, hier den eifernden, neidischen Zukurzgekommenen zu sehen. Houellebecqs Selbstinszenierung deutet die narzisstische Prägung dieses Bürgertypus an. Ein schönes Beispiel liefert einer der Hauptprotagonisten der französischen Revolution: Robespierre, der sich vom Freizeitlyriker zum Blutrichter mauserte. Robespierre, Advokatenkind, verlor im Alter von 5 Jahren seine Mutter, war ein hervorragender Schüler und hatte den Traum, einen Orden aus der Hand des Königs zu bekommen. Sein Ehrgeiz und Eifer wurde sein großer Schatten!

Houellebecq schuf nun in #Elementarteilchen# zwei schwachatmige Typen, die nicht einmal mehr an so einen Traum glauben können. Ihr Ehrgeiz richtet sich ins Nichts. Im Bewusstsein von Robespierres Scheitern (Selbstmordversuch und schließlich Schafott), lässt sich kaum noch ernsthaft etwas unternehmen.

Wenn nun Houellebecq in seiner Kulturkritik Faschismus aufdeckt, so deckt er mehr bei sich auf. Darin scheitert letztlich auch der Aufklärungsversuch sowohl des französischen Bürgertums als auch Houellebecqs. – Aufklärung ins Nichts? Es kommt der Antwort „Vergiss es“ auf die Frage eines Kindes gleich. Es ist tatsächlich ein pubertärer Akt! Die Midlife-Crisis und die Pubertät weisen gewisse Gemeinsamkeiten auf. Die Aggressivität des Nihilismus entspricht der des Enttäuschten, des Getäuschten. Statt aber nun ein positives „Aha-Erlebnis“ zu haben, wird der Nihilist wütend, verfällt dem Trotz und fällt über alles her. Kalte Wut eines von der eigenen Gesellschaft an der Nase Herumgeführten. Michel und Bruno sind so genannte Versager. Misserfolge, Unglücksfälle und Schicksalsschläge prägen ihr Leben von früh an. In der Technik nennt man Versager auch „Blindgänger“, Raketen, Bomben, die nicht explodieren, die ihren Zweck verfehlen.

Der Zweck unserer hedonistischen Konsumgesellschaft ist es, Glück zu empfinden. Weder Michel noch Bruno, noch Daniel 1 und Daniel 25 (aus Möglichkeit einer Insel) empfinden Glück. Nur innere Leere, vage Sehnsucht, letztlich Verzweiflung prägen ihr Leben.


Unzufriedene Helden
Nun ist Glück aber nur auf ein kurzzeitiges Erleben ausgelegtes Empfinden mit der Langzeitwirkung der „Zufriedenheit“. Houellebecqs Antihelden sind unzufrieden, so unzufrieden wie Celines Bardamu, wie Camus’ Meursault (Der Fremde), so unzufrieden wie Sartres’ Antoine Roquentin (Der Ekel), so unzufrieden wie E.M. Cioran (Syllogismen der Bitterkeit, Verfehlte Schöpfung).

Reaktionär ist Houellebecq vermutlich nicht, sowenig wie es ein Friedrich Nietzsche war. Aber die Unzufriedenen sind leicht die Opfer der Reaktion, ihre Gedanken werden benutzt, reduziert, vereinfacht und zu billigen Slogans umgedichtet. Dies wusste Friedrich Nietzsche schon selbst, als er schrieb: „Wer mit sich unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen.“

Während in Frankreich Araber Autos anzünden, in Kopenhagen sich Autonome Straßenschlachten mit der Polizei liefern, in Ostdeutschland oder Italien Fußballfan Hetzjagden auf Ordnungshüter veranstalten, kommt eine Kulturkritik ohne positive Wendung nur einer weiteren Zündung gleich.

Houellebecq ist daher nicht Ursache, sondern bereits Wirkung in einer zunehmend von Faschismen geprägten Welt, in der auch der Sozialdarwinismus versteckt in Form der Soziobiologie zurückgekehrt ist.


Aber geben wir zu: Wir wissen es nicht besser. Und wir staunen ob der Erkenntnisrückkehr unserer Nicht-Erkenntnis! Ich weiß, dass ich nichts weiß – eine neue Weisheit, und das nach 2400 Jahren Dauerexistenz dieser Weisheit.