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leben wir in einer vormoralischen zeit?

parviz amoghli | leben wir in einer vormoralischen zeit?

Das Ende der bürgerlichen Moral

Egal ob Integration, Killerspiele, Komasaufen, Klimaschutz, Familien- und Gesundheitspolitik, Managergehälter oder Nothilfemissbrauch – in der Regel dauert es nicht lange und ein Diskutant beruft sich auf die Moral, womit der Zeitpunkt erreicht ist, ab dem es nicht mehr lohnt, sich an einer Debatte, sei es öffentlich oder privat, zu beteiligen. Wie will man auch vernünftig über einen Sachverhalt sprechen, wenn der Widerrede der Makel des Unmoralischen und damit des Unmenschlichen anhaftet? Vielleicht wird gerade deshalb der Takt kürzer, in dem moralische Ermahnungen Argumente ablösen. Es kann natürlich auch daran liegen, dass das heutige Zeitalter tatsächlich moralischer ist als vorangegangene, oder daran, dass die Gesellschaft immer unmoralischer wird. Doch alle diese Betrachtungsweisen können getrost verworfen werden, denn sie setzen eine Überhöhung der eigenen Wertvorstellungen voraus, die in höchstem Maße unsinnig ist. Stattdessen könnte der Erklärungsansatz weiterhelfen, wonach die gehäufte Anrufung der Moral mit den immer schneller auseinanderdriftenden Teilen der Gesellschaft zusammenhängt. Der Moral käme dann eine identitätsstiftende Aufgabe zu. Das ist insoweit hilfreich als eine solche Erklärung auf eine weitaus grundsätzlichere Frage hindeutet: Besitzt die bürgerliche Moral weiterhin Relevanz oder leben wir in einer vormoralischen Zeit?

Sich diese Frage zu stellen ist sinnvoll und in Anbetracht der weltweiten Entwicklungen auch notwendig. Nicht nur, weil die Gesellschaft in Bewegung geraten ist – Stichwort Prekariat –, sondern auch wegen der gewaltigen Veränderungen infolge der Vergreisung des gesellschaftlichen Konsenses, der massiven Zunahme weltweiter Wanderungsbewegungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten und der wachsenden interkulturellen Kommunikation. Problematisch für die bürgerliche Moral ist vor allem der Zeitraum, in dem sich die Entwicklungen vollziehen werden. Die technischen Möglichkeiten sowie die klimatischen und politischen Veränderungen begünstigen einen Wandel, der sich im Gegensatz zum letzten Entwicklungsschub von 1968 keine 30 Jahre Zeit nehmen wird.


Bürgerliche Moral
Weil sowohl das klassische als auch das elektronische Universallexikon keine Definition einer spezifisch bürgerlichen Moral ausweisen, soll in der Folge die „bürgerliche Moral“ als das Spektrum der vorherrschenden ethischen Strömungen werden, die nach außen als gesellschaftlicher Konsens der westlichen Welt auftreten. Vorherrschend sind die Strömungen deshalb, weil derzeit (noch) keine antibürgerliche Partei im Parlament sitzt und wir grundsätzlich von einer Bürgergesellschaft sprechen können. Dieser Umstand verstellt – gemeinsam mit einem manchmal allzu hysterischen Meinungsstreit – den Blick darauf, dass die bürgerliche Moral keineswegs allgemeingültig und/oder unvergänglich ist. Im Gegenteil entstand das bürgerliche Selbstverständnis und damit dessen Ethik als eine Art paralleler Wertekanon, der sich, wie Norbert Elias in seinen #Studien über die Deutschen# herausarbeitet, zuerst von dem blutgebundenen Adelskodex abzugrenzen hatte, später gegen den Arbeiterethos und noch später gegen die antibürgerlichen Tendenzen der so genannten 68er. Letztere fanden sich in einer originär bürgerlichen Bewegung zusammen, die sich jedoch den vorherrschenden spießbürgerlichen Idealen und Prinzipien der Väter entgegenstellte. Dass sie sich dazu Ideen suchte, die denen der Vorkriegs- und Kriegsperiode diametral zuwiderliefen, ist in Anbetracht der Exzesse der NS-Herrschaft nicht weiter verwunderlich.

Stefan Aust beschreibt in seinem Klassiker Der Baader-Meinhof-Komplex die teils bizarren Versuche der aufbegehrenden jungbürgerlichen Studenten, mit jenen in Kontakt zu treten, deren Interessen man sich auf die Fahnen geschrieben hatte, nämlich den Arbeitern. Wie tief der Graben zwischen den beiden Vorstellungs- und Erlebniswelten gewesen ist, zeigt das Beispiel von Michael Baumann, einem Arbeitersohn, der sich dem „bewaffneten Kampf“ angeschlossen hatte. Baumann erklärt zur Frage der Gewaltanwendung, „dass ein Intellektueller […] den Moment, wo er Gewalt anwendet, aus einer Abstraktion [zieht], weil er sagt, ich mache Revolution wegen des Imperialismus oder aus anderen theoretischen Beweggründen [...]. Wir [die Arbeiterkinder] haben mit der Gewalt von Kindesbeinen an gelebt, das hat eine materielle Wurzel.“

Vielleicht ist das ja der Grund dafür, warum nach dem Wegfall der alten Rivalen in den frühen und dem Regierungsantritt der „Neuen Mitte“ in den späten 1990er-Jahren die vormals antibürgerlichen Studenten wieder zu ihren Wurzeln zurückfanden und dem Normenkatalog des Bürgertums im Sinne eines ausschlagenden Pendels zu seiner derzeitigen Monopolstellung verhalfen. Diese Stellung ist allerdings keineswegs so unumstritten wie es den Anschein hat. Die Gesellschaft befindet sich im Reformprozess, wie unter anderem eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung belegt: Seit ein paar Jahren werden die vorherrschenden Wertvorstellungen durch die zunehmende Diversifizierung der Gesellschaften und den steigenden Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund infrage gestellt. Darüber kann auch die Vehemenz nicht hinwegtäuschen, mit der unter anderem die Ausschließlichkeit der Globalisierung – hier nicht nur als rein ökonomischer Begriff verstanden, sondern vielmehr als Variation einer One-World-Idee – propagiert wird.

Das trotz wachsender Skepsis breiter Teile der Gesellschaft nicht selten moralisierende Beharren auf diesem Absolutheitsanspruch zeigt, wie weit sich die Exponenten des gesellschaftlichen Konsenses bereits in die Defensive gedrängt sehen. Darauf deuten auch die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse des britisch-amerikanischen Forschungsinstituts „Carma International“ hin. Demnach schreitet die Emotionalisierung der Berichterstattung immer schneller voran. Wohlgemerkt betrifft diese Entwicklung nicht nur die Regenbogen-, sondern auch die Qualitätspresse. Dem Subjektiven – wem sind nicht die so genannten „Totschlagargumente“ aus den öffentlichen Diskursen bekannt? – wird durch die zunehmende Vermischung von Nachricht und Meinung problematisch viel Raum zugestanden.

Hinzu kommt eine fortschreitende Entpolitisierung der Öffentlichkeit. Die Beschneidung von Sendezeiten kritischer politischer Magazine, wie z. B. Monitor, bei gleichzeitigem Aufkommen seichter Infotainment-Formate sowie von Sendungen, die sich einer „Unterhaltung mit Haltung“ verschrieben haben, sind bestenfalls dazu geeignet, vorgefertigte Meinungen zu transportieren. Für die Erneuerung bzw. Fortentwicklung des gesellschaftlichen Konsenses ist dies genauso abträglich wie die Verwischung von Generationengrenzen: Eltern, die mit ihrem Nachwuchs die Kleidung tauschen oder dieselben Konzerte besuchen, und stolz drauf sind, die besten Freunde ihrer Kinder zu sein, kurz: die nicht erwachsen werden wollen, hindern letztlich eine zukunftsweisende jugendliche Systemkritik daran, sich zu entfalten. Vor allem dann, wenn zentrale Begriffe einer Fundamentalopposition systematisch von der veröffentlichten Meinung vereinnahmt und entwertet werden. Der Aufstand ist bei den Anständigen angekommen und die Revolution beim Nassrasierer. Damit aber wird einer Verjüngung der bürgerlichen Moral die Grundlage entzogen und der Vergreisung des Wertekanons Vorschub geleistet. Tatsächlich gibt es keine Idee oder Vision für morgen oder gar ein Utopia. Ja, noch nicht einmal ein gesellschaftliches Ziel ist zu erkennen. Stattdessen erlebt – im Zuge immer rigiderer Anti-Terror-Maßnahmen – das Verbot eine Renaissance in der westlichen Hemisphäre. So entsteht die paradoxe Situation, dass trotz fortschreitender Individualisierung gerade bei jenen, die eigentlich Träger eines neuen Gemeinschaftsentwurfes wären, nämlich der Jugend, eine konsensuale und wertkonservative Grundstimmung vorherrscht, die als Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung der bürgerlichen Moral denkbar wenig taugt.


Das Abtreten verzögern
Ein Generationenkonflikt ist in der Regel dadurch gekennzeichnet, dass eine ältere Generation samt deren Wertvorstellungen Konkurrenz von einer nachwachsenden bekommt, wobei sich letztere allein schon aus biologischen Gründen irgendwann durchsetzt. Insofern kann der Ruf nach der Moral als ein Versuch gewertet werden, das eigene Abtreten so lange wie möglich zu verzögern. Lässt es sich dann doch nicht vermeiden, bleiben wunderlich anmutende Verhaltensnormen zurück, die in ihrer Exotik denen urzeitlich lebender Völker nicht nachzustehen scheinen. Ob Dschungelcamp oder die Braut von 1950 – im medialen Zoo lässt sich beides bestaunen. Ähnliches wird sich in jedem anderen Generationenkonflikt finden lassen, und man liegt nicht falsch, darin einen Mechanismus des zivilisatorischen Fortschritts zu erkennen.

Der Zeitpunkt eines (friedlichen) Generationenwechsels bestimmt sich unter anderem dadurch, dass sich das anteilsmäßige Verhältnis von Jung und Alt an der Gesamtbevölkerung und in den Schaltstellen der Macht stetig zugunsten der Jungen verändert. Am Beispiel des „langen Marsches durch die Institutionen“ kann dieser Vorgang in einer halbwegs intakten Bevölkerungspyramide nachvollzogen werden. Was aber, wenn die Bevölkerungspyramide außer Form gerät?

Anhand der beiden großen Konfliktparteien, „dem Westen“ und dem militanten Islam, lassen sich die Auswirkungen grober Verschiebungen innerhalb der Altersstruktur einer Gesellschaft beobachten. Auf der einen Seite werden die bestimmenden Teilnehmer am gesellschaftlichen Leben immer älter und das Reservoir von Nachwachsenden immer kleiner, auf der anderen explodiert die Gruppe der 15- bis 24-Jährigen und mit ihr das Rekrutierungspotential für umstürzlerische Kräfte. Hier herrscht Reformangst, dort revolutionärer Eifer. Die Gefahren, die dieser zwischengesellschaftliche Generationenkonflikt beherbergt, sind nicht erst seit den vereitelten Anschlägen von London Anfang Juli 2007 evident.


Retrogarde
Vor allem die Tatsache, dass die Großelterngeneration immer länger und mächtiger Einfluss nimmt auf die Moralvorstellungen der Gesellschaft, erscheint problematisch. Die so genannte Wertedebatte verdeutlicht, wie sehr sich der innere Generationenkonflikt bereits zu einem zwischen Eltern und Großeltern entwickelt hat. Egal welches Thema, immer wieder trifft der Normenkatalog der selbst ernannten Weltoffenheit auf den der Nachkriegszeit. Zwischen immer neuen Varianten der Ideale aus den 1970er-Jahren und den Beteuerungen, dass früher alles viel besser war, wird jeder junge Ansatz aufgerieben.

Beiden gemeinsam ist, dass sie zutiefst rückwärtsgewandt sind und sich schlicht verbraucht haben. Der eine, weil die ethischen Prinzipien des Reihenhauses nicht geeignet sind, die heutigen und kommenden Aufgaben auch nur anzugehen. Der andere, weil der Versuch der Avantgardisierung der bürgerlichen Gesellschaft – im Sinne ständiger Hinterfragung und Infragestellung der eigenen und gemeinschaftlichen Existenz – durch die „68er“ grandios gescheitert ist, wie zuletzt Peter Sloterdijk im Philosophischen Quartett bemerkte. Geblieben ist eine ritualisierte und choreographierte Streitkultur samt deren vorhersehbaren Argumentationen und wertlosen Worthülsen. Egal ob Roland Koch seiner einstudierten Empörung mittels eines inszenierten Faustschlag auf eine Abgeordnetenbank im Deutschen Bundesrat freien Lauf lässt oder Untersuchungsausschüsse abgewürgt werden – bei den Menschen ruft solcherart Verhalten der so genannten gesellschaftlich relevanten Kräfte vor allem das Gefühl der Sinnlosigkeit hervor.

Trotzdem: vielleicht wären die Herausforderungen, die eine schlankere und steilere Bevölkerungspyramide mit sich bringt, noch zu meistern. Generell spricht nichts dagegen, dass sich mit dem Verschwinden des Überhangs alter Menschen ein neuer Modus Vivendi einstellt, der dem Bedeutungsverlust der bürgerlichen Moral zu begegnen vermag. Voraussetzung dafür ist allerdings Zeit und die Abwesenheit größerer Umwälzungen wie Krieg oder Wanderungsbewegungen, womit wir beim zweiten Grund sind, warum sich der heutige Generationenkonflikt anders darstellt als all seine Vorgänger: der rasante gesellschaftliche Wandel infolge weltweiter Wanderungsentwicklungen.


Wettbewerb der Ethen
Kriege, Umweltkatastrophen und der beginnende Klimawandel bringen die Weltbevölkerung in Bewegung. Derzeit weiß die UNO von 40 Millionen Flüchtlingen bzw. Menschen in flüchtlingsähnlichen Situationen zu berichten; das stete Vordringen der Wüste bedroht bis in zehn Jahren die Heimat von 50 Millionen Menschen. Allein diese beiden Zahlen lassen eine Vorstellung davon aufkommen, wie groß die Veränderungen sein werden, die im wahrsten Sinne des Wortes auf „den Westen“ zukommen. In Anbetracht der schieren Menge haftet den Versuchen, diese Migrantenströme kontrollieren zu wollen, etwas Surreales an.

Mit den Zuwanderern aber kommen auch Gedankenwelten, in denen die Bürgergesellschaft, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle spielt, in die westliche Welt. Sie treffen hier auf eine zwar hoch individualisierte, aber ängstliche und verunsicherte Gesellschaft, deren Vertrauen in die Parteien stetig sinkt, und die von einem gemeinsamen Ziel oder gar einer Vision denkbar weit entfernt ist. Was als „Mehr Demokratie wagen“ gestartet wurde, ist zu einer bloßen Standortsicherungsmaßnahme verkommen.

Die Wanderungsbewegungen haben die Kraft, den vorherrschenden Moralkodex in Frage zu stellen – allein schon deshalb, weil es letzterem an Kopfstärke und Agilität fehlt. Und zwar derart schnell, dass keine Zeit bleibt für einen geordneten Generationenwechsel, der den Wettstreit mit den zuwandernden Ethen aufnehmen könnte.


Vernetzte Welten
In nahezu jeder europäischen Metropole gibt es Straßenzüge oder ganze Viertel, in denen zwar nicht de jure, sehr wohl aber de facto ein anderes Moralverständnis als das bürgerliche vorherrscht. Spätestens seit den Unruhen in den Pariser Vorstädten werden in solchen Gegenden die so genannten „Parallelgesellschaften“ verortet. So schwierig die Definition dieses Phänomens fällt, liefert der Begriff an sich einen Anhaltspunkt dafür, dass innerhalb der Bürgergesellschaft offensichtlich alternative Normenkataloge außerhalb des bürgerlichen existieren. In diesem Zusammenhang verdient die Tatsache Aufmerksamkeit, dass die aufbegehrenden Jugendlichen aus den Pariser Banlieus durch muslimische Geistliche beruhigt werden sollten. Was eine vernünftige Deeskalationsstrategie in den Tagen der Unruhen war, kann durchaus als Indiz für den Rückzug der bürgerlichen Gesellschaft gewertet werden.

Internet und Satelliten TV nehmen auf Landes- oder Mentalitätsgrenzen keine Rücksicht. Natürlich ist es zu kurz gegriffen, wenn man das Gelingen der Integration vom Medienkonsum von Migranten abhängig macht. Zu unterschiedlich sind die Gründe, warum Zuwanderer die Medien ihres Herkunftslandes nutzen und die Art der Konsums. Dennoch, der Einfluss der neuen Medien auf parallele Moralvorstellungen ethnischer Minderheiten ist unbestritten. Egal, ob deren Nutzung nun konservierend wirkt oder sich ein Werteverständnis herausbildet, das irgendwo zwischen dem des Herkunftslandes und dem des Aufnahmelandes angesiedelt ist: Da nicht nur ein alternativer Wertekanon, sondern eine Vielzahl von anderen ethischen Prinzipien sowie deren Abwandlungen die Bürgergesellschaft durchdringen, wird es für den vergreisenden gesellschaftlichen Konsens nicht unbedingt leichter, auch weiterhin die Oberhand zu behalten. Vor allem dann nicht, wenn seine Konkurrenten um einiges jünger sind und an Zahl zunehmen werden.


Das Ende der Moral
Konsequent zu Ende gedacht, könnte man das Heute als eine Übergangszeit hin zu einer völlig anderen, temporär herrschenden Gesellschaft definieren. Übergangszeit deshalb, weil die beschriebenen Entwicklungen gerade erst beginnen ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft zu entfalten. Somit befänden wir uns in einer vormoralischen Zeit. Indem die Repräsentanten der bürgerlichen Moral die Entwicklung und Befolgung eines individuellen Normenkatalogs einfordern, sich also auf Kants kategorischen Imperativ beziehen, geben sie dieser Vermutung Recht – wenn auch eher unbeabsichtigt.

Um dem gewachsen zu sein, bedarf es der Bereitschaft, sich vorurteilsfrei in vorgeblich amoralische Gedankenwelten zu begeben. Dies erfordert Mut, und natürlich bedeutet es nicht, auf das bisherige Korsett von Wertvorstellungen zu verzichten oder es einfach beiseite zu legen. Es geht nicht darum, bewährte und oftmals blutig erkämpfte Prinzipien, wie zum Beispiel das der Menschenrechte, leichtfertig über Bord zu werfen. Im Gegenteil: Es gilt durch gleichwertige Gegenüberstellung anderer, fremder Ansichten seine eigene fortzuentwickeln, und zwar auf ein zukünftiges gemeinschaftliches Zusammenleben hin, welches mit keiner Vorgängergesellschaft vergleichbar ist. Nämlich dem Wettbewerb der verschiedensten Ethen.

Dazu ist es notwendig, einerseits den Glauben an die Überlegenheit der eigenen Überzeugung aufzugeben und andererseits ein positives Selbstbild aufzubauen. Das ist leichter gesagt als getan, ist doch gerade das positive Selbstbild zutiefst diskreditiert. Die Frage nach der Vormoralität der Gegenwart kann ein erster Schritt auf diesem nicht unbedingt leichten Weg sein.