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mehr als weniger blauer dunst

dirk werner | mehr als weniger blauer dunst

Weder Fragen noch Rauchen – die Vernunft ist ein Endpunkt

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Jedes Verbot zeugt ein Geheimnis. In der DDR, wo praktisch alles verboten war, gab es Unmengen von Geheimnissen, von Abernichtweiter-Sagen, Mythen und Mystifikationen. Und wenn jetzt in der BRD das Rauchen in den Gaststätten verboten wird – den Rauch treibt das nicht aus. Das Verbot wird die Kultur verändern, ja, aber das Gasgemisch, einmal von den Tischen verbannt, wird anderswo die Köpfe erneut unter sich versammeln.

Keine Frage mehr, die Vernünftigen und Gesunden haben für diesmal gesiegt. Einer der Beweggründe der Ministeriellen für den Schritt mochte gewesen sein, dass sich jede Regierung gern als fortschrittlich, die Gesunden fördernd, die Krankheiten hindernd, auszeichnet. Ein weiterer Beweggrund, dass in dieser wie besessen alles aufklärenden Zeit das Rationale immer über das Irrationale siegen muss, auch wenn hinter jeder Rationalität Spuren von Irrationalem wieder hervorquellen: hervorrauchen.

Rauch und Feuer als Symbol, die Lust am Feuer und Rauchen: Markus Böhme, Jahrgang 1969, beschreibt in seinem ironisch-melancholischen Roman Bentheim ein rauchendes Paar. Als sich Karin, 35, und Wondraschek, 44, in einem Laden kennen lernen, sind beide noch Nichtraucher. Sie ist vor wenigen Jahren aus der Großstadt nach Bentheim geflohen – und aus allen Süchten wie Rauchen, Trinken, Kiffen. Wondraschek war als Teenager Raucher, hat aber mit zwanzig vor über zwanzig Jahren das Rauchen aufgegeben.

Böhme beschreibt, wie sie gemeinsam in den Rauch finden, in ein „gemeinsames, nun wieder schmerzendes Atmen“ – ein poetisches, nicht erklärbares Geheimnis wider die Vernunft. Anfangs ist es eine einzige Zigarette danach, die sie sich teilen, ein glühender Punkt, der in der Dunkelheit zwischen ihnen hin und her wandert, ein Entdecken, das sie teilen, und ein baldiges Verlöschen, das sie bedauern. Karin versucht, das Rauchen tatsächlich zu verheimlichen, vor ihren beiden Kindern, Verwandten und Freunden. Und Böhme erzählt, wie das Rauchen bei beiden als irrationales, symbolisches Element das Ende der Beziehung überlebt. Dieses Ende kommt so unvorhersehbar wie notwendig; ihre Verschlossenheit verzahnt sich mit seinem sinnlosen Drängen – wie bei einem kaputten Reißverschluss, der nicht mehr schließt und sich auch nicht mehr bewegen lässt. Bei Karin werden danach aus der anfangs zufällig gefundenen Schachtel regelmäßig gekaufte Packungen, aus nicht gelebter Sehnsucht wird tief inhalierende Sucht.

Ganz anders Wondraschek, den Böhme für uns weiter beobachtet. Er fängt an, ein Doppelleben zu führen. Niemals kauft er sich eine Schachtel, nie denkt er sich als Raucher; von einem Mittellosen nachts um eine Zigarette gebeten, beharrt er: „Ich bin Nichtraucher.“ Die glühenden Momente aber bescheren ihm eine Art zweiter Existenz, in der er sich abkoppelt vom Rationalen, Gewohnten, Funktionalen – der inneren Gesundheitsreform. Indem er sich aus der Vernunft verabschiedet, die ihm rings in seiner Umgebung erklärt, wie schädlich das Rauchen ist, koppelt er sich aus dem Rationalitätswahn seiner Zeit. Und an einem bestimmten Punkt der Erzählung scheint er dadurch zu entkommen und gleichzeitig viel bewusster zu leben als viele andere neben ihm.

 

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Hat Tom Sawyer geraucht? Und: War er uns dennoch sympathisch?

Wir können beide Fragen mit „Ja“ beantworten, obwohl wir an seiner Seite als Leser zu frühen Passivrauchern wurden. Der Genuss entspringt für Sawyer dem Luxus, das jedes Verbot in seiner Folge erzeugt: Er raucht wie er flucht, er raucht wie er lügt und stiehlt. Dabei gaukelt ihm der aufsteigende Qualm das Bild vom Mann, der er einmal sein wird, vor. Ganz anders Huckleberry Finn: Für ihn erzeugt der Tabak keinen Vorgeschmack mehr, er zählt als einer der wenigen Genüsse bereits zum Gegenwärtigen. Wenn Huck und der entflohene Sklave Jim rauchen, so nehmen sie sich nur von dem Wenigen, das das Leben für sie bereithält.

In dem Moment, in dem wir Tom und Huck kennen lernen, rauchen sie bereits, voller Genuss und in vollem Bewusstsein; ihr Einstiegsalter, das vor dem Beginn der im Roman beschriebenen Zeit liegt, hält Mark Twain vor uns verborgen.

In seinem Roman Es führt kein Weg zurück lässt Thomas Wolfe sein Alter Ego, den Schriftsteller George Webber, zwanzig Tassen Kaffee am Tag trinken und sechzig Zigaretten rauchen – immer dann, wenn er an einem Roman arbeitet. Wie eine Zigarette raucht sich Webber in diesen Phasen praktisch selbst auf, er glüht, brennt herunter, verglüht, drückt sich aus. Thomas Wolfe selbst starb knapp achtunddreißigjährig.

Von allen diesen hat Wondraschek in Bentheim etwas – und natürlich auch von dem extremen Genießer Lehrer Lämpel von Wilhelm Busch, den Max und Moritz mitsamt seiner präparierten Tabakspfeife in die Luft jagen. Wondraschek will – wenigstens manchmal – das Verbotene in sein Leben holen, das Unvernünftige in Zeiten einer scheinbaren Vernunftsreligion, er will das Wenige genießen, das er in der Überfülle angebotenen Genusses noch für genießbar hält; er ist wie Huck Finn zu einem einfachen Leben gezwungen (wie auch bereit), in dem er aber den Rauch zelebriert. Anders als bei George Webber ist es bei ihm kein Massenverbrauch, doch das Rauchen ist Wondraschek genauso Bestandteil einer nicht-konsumierenden, kreativen, sinnierenden und sinnlichen Haltung. Doch während Webber schreibt, sieht Wondraschek scheinbar immer nur aus seinem Fenster und von hier aus jedoch viel mehr als die meisten seiner vorüberstürmenden Zeitgenossen.

Böhmes Wondraschek zieht nach einem Wiedereinstiegsalter von 44 an einer hochexplosiven Pfeife. Immer wieder betont er, vom Rauchen Halsschmerzen zu bekommen, er legt sich einen veritablen Raucherhusten zu und denkt über die Folgen für Herz und Gefäße nach. Das Gefühl der Bedrohung, das in ihm mit dem Griff zur Zigarette entsteht, scheint Wondraschek zu brauchen, denn in diesen Momenten empfindet er sein Leben unmittelbar als vergänglich und einmalig.

Von den wenigen Momenten des Rauchens abgesehen, lebt Wondraschek nach der Trennung von Karin weiter wie alle Vernünftigen und Gesunden. Er zieht eine Grenze gegen das Irrationale in sich selbst, indem er sich nie eine eigene Schachtel Zigaretten kauft. Er fragt Leute in einer Kneipe oder auf der Straße um eine Zigarette, will ihnen meist Geld geben, mehr als eine Zigarette wert ist: Kauft sich aber nie eine Schachtel. Er will nicht die Sucht, sondern den Genuss, will nicht das Immerhaben, sondern das Wahr-Nehmen eines Augenblicks, den Zeit-Stillstand.

Das Rauchen wird für Wondraschek zum Spiel, zur Kommunikation mit sich selbst (und mit anderen) auch an anderer Stelle. Denn zweimal bricht er das Verbot, das er sich selbst auferlegt – wie jedes Verbot erst durch die Ausnahmen erträglich wird. Er kauft sich Zigaretten an einem Kiosk, jeweils ein 5er-Pack. Nach einer Wanderung – „wer wandert heute noch, wer raucht schon noch“ – deponiert er die eine Schachtel in einem Nachbarort hinter einem Elektroschaltschrank, der in einer Straße in eine Mauer eingelassen ist. Nur eine Zigarette hat er entnommen, und er muss erst hierher zurückkehren, wünscht er wieder zu rauchen – so will es seine Spielregel wider die Sucht. Die zweite Schachtel klemmt er nach einer dreistündigen Zugfahrt zu Beginn eines Weihnachtsurlaubs hinter ein Verkehrsschild in einem Küstenort. Will er rauchen, muss er dorthin, und See, Sonnenuntergang, Ufer und Alleinsein, tief inhaliert zusammen mit dem Rauch, erzeugen in ihm das schmerzhafte Bewusstsein zu sein.

Wondraschek kommt, wie der Autor Markus Böhme selbst, aus der ehemaligen DDR, aus der Gegend um Meißen. In einem der ersten Kapitel des Romans, er hat Karin gerade kennen gelernt, es ist ihre erste gemeinsame Zigarette beim ersten Danach (von der wir nicht erfahren, wo sie eigentlich herkommt), erinnert sich der Held an einen Schulaufsatz. „Wir sollten unsere eigene Entwicklung darstellen, waren 18, zwölfte Klasse, und sollten uns offenbaren. Oder beichten“, heißt es da. So sehr es den jungen Wondraschek damals reizte, der eigenen Entwicklung nachzuspüren, so sehr warnte ihn eine innere Stimme. Je ehrlicher er schreiben würde, umso genauer würden der Deutschlehrer, ein Genosse, und mit diesem die Schulleitung, Wondrascheks wirkliche – auch politische – Überzeugungen kennen lernen. Der angehende Abiturient schwankt noch im Schreiben zwischen ehrlicher Selbstbefragung und Lippenbekenntnis. „Dass es ein reizvolles, ein gefährliches Spiel werden würde, war mit dem ersten Satz klar, dachte Wondraschek, als er jetzt schweigend neben der Frau im Dunkeln lag. Er grinste. Der einleitende Satz damals lautete, er erinnerte sich genau: Mit Daumen und Zeigefinger meiner linken Hand drücke ich die Zigarette im Aschenbecher aus.“ Er also hatte damals seinen Lehrer nicht explodieren sehen wollen.

 

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Jede Regierung schreibt sich in das große Buch der Geschichte, wenn sie etwas für die Volksgesundheit tut. Jedes Verbot erzeugt den Stoff für Geschichten, für Geheimnisse, Legenden, Witze und Erinnerungen. Natürlich ist ein räumlich begrenztes Rauchverbot besser als ein Emissionshandel zwischen Rauchern und Nichtrauchern. Aber ein fortschreitendes Verbot vieler, wenn nicht der meisten Abgase (bzw. die rasche, kompromisslose Prüfung und eine daraus folgende, gesetzliche Einschränkung) wäre die beste: eine geträumte Wirklichkeit.

Wer sich vernünftig gebärdet, ist lächerlich meist, sagt Wondraschek auch. – Noch Fragen?