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helga pankratz | mfaq

Jetzt steht es endlich in der Zeitung

Ich weiß jetzt nicht: Ob ich Ihnen das schon erzählt habe?

Ich hab’ es im Lauf des Jahres 2006 so oft erzählt! Fast immer, wenn ich gefragt wurde: „Was machst du so?” Oder: „Wie geht’s dir?” Oder: „Wo treibst du dich denn herum? – Man sieht dich fast nie!”

Ob mündlich oder schriftlich, ob am Telefon oder per E-Mail habe ich es auf Fragen dieser Art erzählt. Sodass ich fast glauben könnte, es müsste inzwischen halb Österreich wissen. Stimmt: In einer Zeitung habe ich es bis jetzt noch nicht geschrieben. Das jetzt hier ist demnach die Premiere. Eine Exklusivstory sozusagen. Somit weiß ich dann endlich, dass es ganz Österreich erfahren hat:

Hab ich Ihnen schon erzählt, dass ich ganz unerwartet Ende des Jahres 2005, im Zuge der Verlassenschaftsabhandlung nach dem Tod meiner Mutter ...

hier werde ich fast immer von Zwischenfragen unterbrochen, die ganz weit von dem wegführen, was ich erzählen wollte, und die zumeist mit „Deine Mutter?” anfangen oder enden oder zuweilen auch nur aus „Deine Mutter”-Rufzeichen-Atempause-Fragezeichen bestehen.

Wenn ich dann diese Fragen befriedigt habe, erledigt, absolviert habe, oder es mir vielleicht sogar gelungen ist, sie mit einem kurzen Kopfnicken zu bedienen, das eine wortlose Antwort auf die Zusammenfassung all der verbal und nonverbal gestellten Fragen ist: ob es plötzlich-überraschend-langwierig-schmerzhaft-traurig-schrecklich-fürchterlich-unvermeidlich war? – kehre ich zurück zu dem, was ich vorhin angesetzt hatte, zu erzählen.

Etwa zehn Prozent der Fragenden aber wissen das mit besten Kräften zu verhindern. Überwiegend Frauen. Sie beharren darauf, detailliert und ausführlich Rede und Antwort zu erhalten, zu den so tiefgründigen Stichwörtern „Mutter” und „Tod”. Nicht bloß tiefgründig. Fast abgründig sind die. Doch ich stelle mich ihnen mit Bravour. Nach der Schilderung der markantesten Passagen sowohl der Kranken- als auch der Lebensgeschichte meiner Mutter, die ich mit euphemistischen, gut vorgefertigten Plomben auf die nicht ausbleibenden Fragen nach meinem Mutterbezug abrunde, der in Wahrheit so unerquicklich war, wie es sich in Gesprächen über eine Tote nicht ziemt zu erwähnen, erst recht nicht in Gesprächen, in denen man etwas ganz anderes erzählen wollte, sind diese zehn Prozent so befriedigt und ich so erschöpft, dass sich jedes Erzählen dessen, was ich sagen wollte, erübrigt hat. Außerdem, merke ich meist, wenn wir schon mittendrin sind, haben meine Gegenüber an passender Stelle die Position der Erzählenden eingenommen und ich erfahre alles, wonach ich nie zu fragen gewagt oder gewollt hätte und noch mehr: Über Krankheiten, Todesfälle, Familientragödien, die sie selbst erlebt oder von denen sie gehört haben. Und manchmal auch über ihre Ansicht zur Frage, ob es Gott gibt oder nicht.

Den verbleibenden rund 90 Prozent also, erzähle ich weiter:

... dass ich in Folge des Todes meiner Mutter Ende 2005 das Haus meiner Großeltern geerbt habe.

Das quittieren manche der verbliebenen Gesprächspersonen mit Stirnrunzeln; was eine Form des sprachlosen Fragens ist. Manche aber auch fragen mit gerunzelter Stirn: „Großeltern??” und ich fühle mich bemüßigt, ihnen – anstatt weiter zu erzählen, was ich erzählen wollte – das Todesjahr des Großvaters zu nennen, das noch gar nicht so weit zurück liegende Todesjahr der Großmutter, und dass diese, meine Großmutter, nach dem Tod ihres Gatten, meines Großvaters, ihrer Tochter, meiner Mutter, das Haus noch zu Lebzeiten – gemeint sind die Lebzeiten der Großmutter; lachen Sie nicht so komisch: das sagt man bei uns daheim so: Lebzeiten – vermacht hat. Vermacht? Notariell überschrieben.

Und dann erzähle ich ihnen, wie meine Brüder und ich ...

 „Brüder?” – meist ausgesprochen mit Rufzeichen-Mundoffenstehenlassen-zwei Fragezeichen. Darauf sag’ ich ihnen fast automatisch, dass ich zwei Brüder habe. Und manche fragen bedeutungsvoll: „Zwei??”. Und wir kommen nicht weiter, bei dem, was ich erzählen wollte, weil dann auf nachfolgende Fragen die Antworten fällig sind: Dass diese Brüder beide jünger sind als ich – unterbrochen vom noch bedeutungsvoller akzentuierten fragenden Aufschrei so manchen Gegenübers: „Jünger!” –, worauf ich meist nur oberflächlich nicke und auf die zu den Brüdern ansonsten noch gestellten nachhakenden Fragen die passenden Auskünfte gebe. Zum Beispiel über ihre Berufe. Was mit manchen Fragenden in Gesprächsbereiche führen kann, aus denen wir nie wieder zu dem zurückkehren, was ich erzählen wollte. Mit Männern bleibe ich dann tendenziell eher in einem Gespräch über den technischen Beruf des einen, mit Frauen im Parlieren über den sozialen Beruf des anderen Bruders hängen. Nicht wirklich bei den Berufen meiner Brüder, sondern vielmehr, an diesen als Stichwortgeber aufgehängt: Bildungswege, Jobprobleme, Analysen des Arbeitsmarktes, bis hin zu Tiraden über regionale und globale politische Entwicklungen der Gegenwart aus der Sicht meines das Erzählen längst wortreich übernommen habenden Gegenübers.

Allen, die mich an dieser Stelle nicht unterbrochen haben, um Probleme der Arbeitswelt zu erörtern, erzähle ich weiter: Dass meine Brüder in unserer Geburtsstadt geblieben sind. Anders als ich, die ich in die Großstadt gezogen bin, sobald ich das erforderliche Mindestalter für eine nicht komplett verfrühte Nestflucht hatte. Eine Flucht, ohne die ich mir mein bis jetzt zu meiner Zufriedenheit gelaufenes Leben nicht vorstellen kann, sondern mir mich nur vorstellen kann als entweder durch Selbstmord schon lange geendet oder aber im Irrenhaus gelandet. Das aber sage ich nicht. Das denk ich nur, während ich den Fragenden den Namen des Ortes sage, wo meine Brüder leben und wo mein Haus steht, von dem ich die ganze Zeit über nicht zum Reden komme. Und die Namen der Brüder sage ich ihnen selbstverständlich auch.

Hingegen hier, in der Zeitung, bei Ihnen, mache ich es umgekehrt: Ich schreibe, was ich mir denke. Nicht einmal, dass meine damalige Flucht, einem gesunden Impuls folgend, eine solche aus dem Einflussbereich meiner Mutter gewesen sein könnte, dementiere ich an dieser Stelle. Dafür aber nenne ich weder meine Geburtsstadt namentlich, noch meine Geschwister. Doch zum Erzählen, wovon ich erzählen wollte, komme ich anscheinend weder dort noch da! Wo war ich stehen – besser gesagt stecken – geblieben?

Ah ja. Meine Brüder und ich beim Notar. „Erbschaft”, „Brüder” und „Notar” das sind die Stichwörter, zu denen es so richtig bunt wird mit den Zwischenfragen der Leute, denen ich anscheinend etwas ganz anderes erzählen will, als sie hören möchten, die etwas ganz anderes wissen wollen, als mich zu beantworten interessiert.

... weiß nicht, ob ich es Ihnen schon erzählt habe: Ich wollte ihnen von meinem Haus erzählen ... Die meisten aber lechzen nach einer vor Hinterhältigkeiten, Neid, Missgunst und Betrügereien strotzenden Reality-Soap-Geschichte über ein Familien-Erbe. Das geht eindeutig aus ihren Fragen hervor, die häufig mit einer schwer lastenden Schweigepause beginnen, mit Rufzeichen und Fragezeichen so zirka im Verhältnis zwei zu eins gespickt, und deren am häufigsten enthaltene, fast stets in der Art eines Angst-Lust-Quiekens atemlos und schrill hervorgestoßene Vokabeln „Erbschaftsstreit!?”, „Rosenkrieg!” oder „Geschwisterzwist” sind.

Wenn ich sie mit der so unproblematischen, so wohlgeregelten, für alle Beteiligten recht glimpflich und gerecht abgelaufenen Aufteilung des Gesamterbes auf den Boden der Wirklichkeit herunterhole, sind die meisten so enttäuscht, ja nahezu angewidert, dass sich alles weitere Erzählen – insbesondere das Erzählen dessen, was ich erzählen wollte – erübrigt.

Beim Gegenüber, sofern es nicht mit größter Inbrunst in schwer zu unterbrechende Beschreibungen von endlosverwickelten eigenen Kränkungen und Benachteiligungen im Zuge von Scheidungen oder Erbschaften einschwenkt, ist das Interesse am Gespräch mit mir erloschen.

Er oder sie gibt sich die zusammenfassende Antwort auf die eingangs geäußerte Frage „Was tut sich so bei dir?” insgeheim selbst. Aus dem Mienenspiel deutlich ablesbar, lautet die in den Köpfen der Fragenden entstandene Antwort: „Nichts Nennwertes.” Einzelne sagen noch – mit Neid, Enttäuschung oder auch Zufriedenheit in der Stimme: „Es geht dir also gut” und wenden sich gelangweilt ab.

Einige wenige aber sind so sehr enttäuscht – man merkt ihnen das richtig an: Der Adrenalinspiegel, den ihnen die Erwartung der Schilderung eines bösartigen Kriegszustands unter Geschwistern in die Höhe getrieben hat, strebt weiterhin nach Daseinsberechtigung –, dass sie entweder den Wahrheitsgehalt meiner Ausführungen in Zweifel ziehen: „Na geh?” „Du flunkerst!” „Des gibt’s ja gar net!” Das meinen etwas überproportional häufig die männlichen Zwist-Fetischisten, oder aber – tendenziell mehr die weiblichen Family-Fight-Fans –, dass sie mit sichtlichem Vergnügen mein Urteilsvermögen in Frage stellen, das Bild, das ich mir von meiner eigenen Lage mache: „Siehst du das nicht vielleicht alles etwas zu rosig?” „Vielleicht bist du zu friedfertig?” „Hast du schon einmal daran gedacht, dass deine Brüder in Wirklichkeit doch Schweine sind, und du sie nur deshalb so positiv siehst, weil du von einer masochistisch getönten Schwesternliebe verblendet bist?”

In diesen Fällen, wo inquisitorisch entweder nach einer Kampf-Arena vor Gericht oder nach einem Schlachtfeld in meiner eigenen Psyche gesucht wird, vergeht mir ganz von selbst die Lust, noch erzählen zu wollen, was ich vorher erzählen wollte.

Kann demnach gut sein, dass doch noch nicht halb Österreich erfahren hat, was ich erzählen wollte.

Aber Ihnen! Ihnen und der Zeitung will ich es erzählen. Oder sind Sie auch schon müde? So müde wie ich? Von den Most Frequently Asked Questions, die vom Weg zu dem, was ich erzählen wollte, in alle Richtungen abzweigen, zu dem, was andere interessiert und bewegt?

Ich erspare Ihnen besser die Geschichte von meinem geerbten kleinen alten Großelternhaus inmitten eines halbverwilderten Gartens voller Singvögel und Schmetterlinge. Sie ist, ehrlich gesagt, ohnedies langweilig! Ich würde Ihnen ja bloß stunden- und seitenlang berichten wollen, woran ich dort meine Freude habe: Schneerosen ab Jänner, Krokus und Schneeglöckchen im Feber, Leberblümchen, Veilchen, Primel und Bärlauch im März, Himmelschlüssel, Tulpen, Narzissen, Akelei und Kren im April, Maiglöckchen, Flieder, Pfingstrosen, Jasmin und Rhabarber im Mai, Rosen, Lavendel, Feuerlilien, Glockenblumen und Walderdbeeren im Juni, Rittersporn, Ribisel, Vogelkirschen und Stachelbeeren im Juli, Sonnenblumen, Gladiolen, Rukola und meine eigenen Erdäpfel im August, Pfirsiche, Zwetschken, Weintrauben, Holunder, Weißdorn, Sanddorn und Himbeeren im September, Walnüsse, Kapuzinerkresse, Mangold und Kürbisse im Oktober, Vogerlsalat und letzte Ringelblumen im November, Kohlsprossen und Topinambur im Dezember. – Und dass es dort kein Telefon gibt, weil ich es abgemeldet habe; keinen Fernseher, weil ich tagsüber den Wolken am Himmel und meinem Gemüse beim Wachsen zuschaue, abends dem Sonnenuntergang und nachts schlafe wie ein Stein; keinen Computer, will ich dort bei der Gartenarbeit Urlaub von der Bildschirmarbeit mache; keine Stereoanlage, weil sowieso die Vögel singen. Und vor allem eines: Es gibt dort nicht jene Menschen, die mir diese Fragen stellen: diese m.f.a.q.