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nihil fit sine causa

Ein Roman über die ermüdende Daueranwesenheit der Vergangenheit und ihre Folgen


Michael Krupp: Spätfolgen. Roman.

Schweinfurt: Wiesenburg Verlag 2006

Rezensiert von: brigitte radl


Michael Krupps Roman Spätfolgen handelt von der Kausalität der Dinge. Von Erinnerungen an eine Zeit, in der für den Mann mit dem Stock und für die gezwungen lächelnde Frau das Leben noch schön war.

Die geliebte Villa mit der braun getäfelten Wohnzimmerdecke aus Eichenholz, der kleine Sohn Felix mit seinem zerfetzten Stoffteddy vor der Garage, Gäste und Feste im Partykeller, den das Ehepaar eigenhändig mit griechischen Fresken ausgemalt hatte.

Alles hat sich verändert. Die Villa ist weg, der Sohn erwachsen und ausgelassene Partys feiern die beiden Pensionisten schon lange keine mehr. Nichts ist geblieben. Außer Erinnerungen. Sie spiegeln sich im trüben Badewasser, verstecken sich in einer Silberdose voller Salbeibonbons oder hängen wie Blütenstaub in den langen Wimpern der Kühe. Bedrohlich beschwört der Autor Ereignisse aus längst vergangenen Tagen herauf, die jedoch auch in der Gegenwart des Ehepaares ihre Wirkung zeigen. Wie leicht doch eine Unachtsamkeit, eine Unbedachtheit das Leben vieler verändern kann. Wie leicht es fällt, schlagartig die Kontrolle, den angelernten Verstand zu verlieren. Doch die Folgen der eigenen und Verganfremden Handlungen müssen dennoch getragen werden. Der Mann mit dem Stock ist es müde geworden, immer wieder „in dubio pro reo“ zu murmeln. Jeden Tag winkt er stattdessen der Scham und der Verzweiflung zu, die ihre Zelte vor dem Bungalow ohne Garage aufgeschlagen haben. Der Frau bleibt nach seinem Fehler nur noch der Kampf gegen den Hausschwamm und der Versuch, das zischelnde Getuschel der Dorfbewohner in ihrem Nacken zu ignorieren, während sie ihr Lächeln wie einen viel zu großen Gegenstand zwischen den Zähnen trägt.

Dabei wollte der Mann ohne Stock damals doch nur dem Mädchen am Wegrand einen Gefallen tun. Zu Fuß hätte sie noch ewig gebraucht, bis sie das nächste Dorf erreichte. Also nahm er sie am Heimweg in seinem Auto mit.

Ihre dünnen, sonnenmilchigen Beine beschmierten den Beifahrersitz und sie wischte sich ins Gesicht fallende Haarsträhnen von der Sommersprossenhaut. Sie war eine seiner Lateinschülerinnen, Anja war ihr Name. Mit einem krustigen, aufgeschundenen Ellenbogen berührte sie seinen Arm.

Vielleicht war er zu abgelenkt von dem Duft aus Sonnenmilch und Blut, der von dem Mädchen ausging und jugendliche Erregung in ihm auslöste, oder von der Hitze, die das schweißnasse Lenkrad durch seine Hände gleiten ließ, um den Kieslaster kommen zu sehen. Seine Erinnerung endet.

Ein Zeuge wollte später an der Unfallstelle beobachtet haben, dass die beiden Verletzten wie im Schlaf umschlungen lagen. Und war nicht eine nasse Herrenunterhose zerknüllt auf der Rückbank des Wagens gefunden worden? Hatte der Professor nicht eine Erektion gehabt? Wenn nichts geschehen war, warum legten Anjas Eltern dann immerfort den Hörer auf, wenn die Frau des Mannes mit dem Stock bei ihnen anrief?

Krupp bedenkt seine beiden Hauptcharaktere mit einer Prise Hass. Hass aufs Leben, auf die Veränderungen, Hass auf den  jeweils anderen. Verzweifelte Versuche, mutig über Fehler des Partners hinwegzusehen, enden in kleinen – wenn auch meist nicht ausgesprochenen – Gemeinheiten und lassen nicht selten schmunzeln.

Der Roman liest sich dennoch fast schmerzhaft. Weil es keine Alternative gibt, keine Möglichkeit, die Vergangenheit, die Jugend, die glückliche Zeit zurückzuwünschen, breitet sich unversöhnliche Verbitterung langsam aber stetig aus und überdeckt Frohmut und Heiterkeit, erdrückt sie unter der schweren Last der Gegenwart.

Mitleid bahnt sich seinen Weg ins Gemüt des Lesers und die Angst des Älterwerdens tropft klebrig von den Seiten. Deshalb muss jede winzige Zärtlichkeit der fahrigen, altersfleckigen Hände gierig aufgesaugt werden und jedes nette Wort der Protagonisten nachhallen, damit das kurze Gefühl von Wärme und Zuneigung nicht verloren geht.

Doch zu augenscheinlich tauchen punktgenau präzise Erinnerungen in den Köpfen der Hauptfiguren auf. Es fehlen Einzelheiten, Kleinigkeiten und Unwichtigkeiten. Die gedanklichen Konstrukte brechen viel zu rasch im Nichts zusammen, löschen ihre Wirkung aus durch nüchtere Geradlinigkeit. Manchmal scheint es, als hätten die berechenbaren Gedanken nur den Zweck, die Geschichte voranzutreiben, sollten sie doch authentisch etwas vom Wesen der Figuren preisgeben. Holprig werden Fakten abgearbeitet, gemächlich und ohne erfrischende Umwege zieht sich ein dicker, roter Faden durch die Handlung. Unzählige Wiederholungen lassen die klug gewählten Bilder und Metaphern ihre Stoßkraft verlieren und zwischen den Zeilen verblassen. Durch Vorhersehbarkeit nimmt Michael Krupp der Geschichte die Spannung Charakteren ihre Eigenarten durch abgedroschene Klischees: Ein fauler Sohn mit reicher Freundin, die einen holländischen Namen hat, eine „Aschenbrödels Stiefmutter“- Schwiegermutter und neugierige, immer lustige Freunde aus dem Nachbardorf, mit Namen Frenzel.

Und trotzdem besitzt Spätfolgen eine gewisse fesselnde Eigenart. Durchsichtig und unantastbar bleibt die Verflechtung der Schicksale zweier Menschen, jedoch gegenwärtig. Und Erinnerungen stürzen wie übermütige Kinder aus dem Vergangenheitshaus, um gemeinsam auf einer großen Wiese zu spielen.