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offen gesagt, verschlossen gemeint

georg marko | offen gesagt, verschlossen gemeint

Neun mittelschwere bis schwere Fragen zum Thema Pornographie und Explizitheit

1. … absolutely explicit sex – absolut expliziter Sex: So und ähnlich wird Pornographie einschlägig beworben. Was heißt „explizit“ hier?
Explizitheit ist eine heterogene Ansammlung von sich teilweise überlappenden Eigenschaften, die der Pornographie zugeschrieben werden. Es gibt sicher Unterschiede zwischen (vornehmlich) visueller und textueller Pornographie, aber grundsätzlich lassen sich die besagten Eigenschaften an beiden Formen festmachen.

Erstens geht es um Inhaltskomponenten. Darstellungen und Beschreibungen von physischen Aspekten von Sexualität – nackte Körper, Genitalien und (peri-)kopulative Aktivität – nehmen sehr viel Raum am Gesamtprodukt ein und sind detailreicher gestaltet. Banal gesprochen, je mehr Sex, desto expliziter.

Eine politisch-moralische Dimension lässt sich im Zusammenhang mit dem Attribut explizit auch ausmachen. In der sehr heftigen Debatte um die Legalität von Pornographie wurde Gegnern immer wieder vorgeworfen, für Zensur und für eine Unterminierung der Redefreiheit zu plädieren und somit eine Hinterfragung von Tabus zu unterbinden. Explizitheit konnotiert deshalb auch die liberalen Werte der Unzensuriertheit, des Tabubruchs und somit auch der Offenheit gegenüber Sexualität. Dieser Aspekt hat dazu beigetragen, dass Pornographen wie der Hustler-Gründer Larry Flint als politische Freiheitskämpfer gefeiert werden.

Explizitheit bezieht sich aber auch auf das Wegfallen der Mittelbarkeit von Sprache. Dabei geht man davon aus, dass wir durch die sprachliche Gestaltung eines Textes die Wirklichkeit direkt, unmittelbar und nebenbedeutungsfrei ausdrücken können. Der Pornographie wird zugebilligt, eine Sprache gefunden zu haben, die Sexualität in diesem Sinne expliziter repräsentieren kann. Diese Nähe zur Realität wird mit einem höheren Wahrheits- oder zumindest Authentizitätsanspruch gleichgesetzt. c

 

2. Und wie kann man sich Explizitheit als positives Qualitätsattribut vorstellen?
Ausgehend von der Prämisse, dass, trivial gesprochen, Sexualität die natürlichste Sache der Welt ist oder dass, etwas differenzierter betrachtet, sie eine der wesentlichen Antriebsenergien in menschlichem Handeln darstellt, kann man einem Mehr und einem Genauer an Darstellung nur Positives abgewinnen. Realitätsnähe und Wahrhaftigkeit bzw. Redefreiheit und Tabulosigkeit – also die Aspekte, die ich vorher auch mit Explizitheit in Verbindung gebracht habe – repräsentieren zumindest in einem liberalen Kontext für sich schon positive Werte.

 

3. Was gäbe es an pornographischer Explizitheit dieses Typus auszusetzen?
In einer liberalen Gesellschaft, wo Sexualität nicht eo ipso etwas moralisch Beflecktes und Befleckendes anhaftet, ist ein Mehr an sexueller Aufgeschlossenheit immer als Gewinn zu sehen. Allerdings verzerrt der Fokus auf das Explizite das Gesamtbild dessen, was Pornographie eigentlich ist. Wir haben es hier nicht mit einem emanzipatorischen, nur auf Wissensvermehrung und Horizonterweiterung abzielenden und sich ständig selbst reflektierenden Diskurs in der Tradition der Werke der sexologischen Aufklärer des 20. Jahrhunderts (Alfred Kinsey und Co.) zu tun, sondern mit etwas, dessen Wert sich vor allem in Onanierbarem pro Laufmeter Text, Bild oder Film misst. Das wiederum hat zur Folge, dass das Explizite auch viel Implizites mit sich bringt. Als kritischer Geistes- und Kulturwissenschaftler konzentriere ich mich mehr auf das weniger Beleuchtete als darauf, das Sichtbare noch sichtbarer zu machen.


4. Was wäre nun kritisch zum Aspekt des sexuellen Detailreichtums, der oben als erste Dimension von Explizitheit genannt wurde, anzumerken?
Gemessen an der Zahl der verschiedenen geschilderten sexuellen Handlungen und an dem Anteil Letzterer am Gesamtplot ist Pornographie sicher Spitzenreiter unter allen Diskursen. Es darf aber bezweifelt werden, ob die Darstellung von Sexualität tatsächlich so detailverliebt und ausführlich ist, wie suggeriert. Es mag ein kleines Detail aus einer marginalen Art der Pornographie sein, aber die Kurzgeschichten, die ich ihm Rahmen meiner sprachwissenschaftlichen Forschung untersucht habe, waren z. B. nur unwesentlich länger als dieser Artikel bis zu dieser Stelle. Dies dürfte lang genug sein, um Sexuelles zu erwähnen, aber kaum, um es in seiner Vielschichtigkeit zu beschreiben, von einem komplexeren Handlungsfaden ganz zu schweigen.

Wenn auf Einzelheiten eingegangen wird, dann sind diese vornehmlich physischer und insbesondere visueller Natur. Dies zeigt sich deutlich in den Deskriptoren, die in (englischen) pornographischen Texten verwendet werden. So habe ich in einem Korpus von ca. 500 Geschichten mehr als 60 verschiedene Adjektive oder Partizipien gefunden, die den physischen Zustand der Feuchtigkeit der Vagina beschreiben. Hier eine kleine Auswahl:

damp – feucht, drenched – getränkt, dribbling – tropfend, drooling – geifernd, sabbernd, humid – feucht, leaking – auslaufend, moist – feucht, oozing – ausrinnend, overflowing – überfließend, pouring – rinnend, slick – glitschig, slimy – schleimig, slippery – rutschig, soaked – durchnässt, squishy – matschig, swampy – sumpfig, swimming – schwimmend, syrupy – sirupartig, well-lubricated – gut geschmiert, wet – nass

Auch für die Größe des Penis finden sich fast 50 verschiedene Adjektiva oder Partizipien. Zum Beispiel:

big – groß, broad – breit, elephantive – elefantenhaft, engorged – angeschwollen, enlarged – vergrößert, enormous – enorm, fat – fett, gargantuan – gigantisch, giant – riesig, great – groß, growing – wachsend, huge – riesig, humongous – gigantisch, large – groß, lengthy – länglich, long – lang, magnum – magnummäßig, massive – massiv, mighty – mächtig, monstrous – monsterhaft, oversized – übergroß, swollen – geschwollen, tall – groß

Kein nicht physischer Aspekt der beteiligten Frauen und Männer ist nur annähernd so dicht versprachlicht, wodurch der Eindruck entsteht, dass psychische, soziale, spirituelle oder andere Dimensionen von Sexualität keine Rolle spielen. In ihrer Ausführlichkeit und somit in ihrer Explizitheit ist Pornographie daher sehr einseitig. Diese quantitativen Explizitheit wird selbst in libertinen Kreisen manchmal aus ästhetisch(-ethisch)en Gründen abgelehnt. Die Andeutung von und die Anspielung auf Sexualität, so der Succus der ästhetischen Argumentation, sei literarisch und künstlerisch reizvoller und spannender und somit allgemein menschlich wertvoller als die eindeutige, unverblümte und nackte Darstellung.

 

5. Hält die Tabulosigkeit von Pornographie einer kritischen Beurteilung stand?
Der Punkt ist hier nicht, ob Tabulosigkeit, Offenheit, Aufgeschlossenheit und Aufgeklärtheit Werte einer liberalen Gesellschaft sind, denn das sind sie ohne jeden Zweifel, sondern ob sich die Pornographie diese tatsächlich auf die Fahnen heften kann. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist, ob es sich bei Pornographie tatsächlich um das Überwinden von Tabus handelt oder um eine ritualisierte Form des Tabubruchs, der – wie besonders von George Bataille betont – das Tabu eher verfestigt denn ad absurdum führt. Mir erscheint die letztere Option nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn ich beachte, dass pornographische Produkte bei der Selbstanpreisung die eingeschränkte und zensurierte Verfügbarkeit noch häufiger als die Explizitheit positiv ins Treffen führen. XXX-rated (quasi „Jugendverbot“) ist hier das prominenteste Attribut, aber man findet auch immer wieder Hinweise auf direkten Import aus Schweden, Dänemark oder Holland, das heißt aus Ländern, die mit lockereren Gesetzen bezüglich erotischer Medien und Dienstleistungen assoziiert werden.

Auch die Häufigkeit von mehrdeutigen (positiv und negativ) Ausdrücken wie dirty (dreckig), perverse (pervers), slut (Schlampe) in meinem Korpus – und wahrscheinlich in der Pornographie allgemein – ist auffällig. Diese werden meist so verwendet, dass Gutes und Schlechtes gleichzeitig präsent sind (Polyvalenz). Als Beispiel sei die folgende Aufforderung genannt:

Tell that dirty slut that she is a goddess.

Sagt der dreckigen Nutte, dass sie eine Göttin ist.

Solche Details suggerieren, dass Pornographie einen Teil ihres Reizes aus der öffentlichen Ächtung bezieht – im Sinne von den verbotenen Früchten – und trotz aller Bekenntnisse nicht wirklich interessiert daran ist, die ihr entgegengebrachte Haltung zu ändern, wahrscheinlich weil in einem solchen Fall die sexuelle Stimulanz und Inspiration nur über die Qualität der Produkte erfolgen könnte.

 

6. Wie steht es dann mit der Explizitheit der Pornographie, wenn wir jene mit Unmittelbarkeit, Direktheit und Wahrhaftigkeit gleichsetzen?
Vor ein paar Jahren habe ich eine Diskussionssendung gesehen, wo unter anderem auch über die Sprache der Sexualität diskutiert wurde. Da hat eine junge Frau gesagt, sie hasse die Indirektheit mancher Ausdrücke, denn „wenn es ein Schwanz ist, dann soll man auch Schwanz sagen und nicht Penis.” Das verdeutlicht die Problematik der Unmittelbarkeit von Sprache, so wie sie oft wahrgenommen wird.

Für mich als Sprachwissenschaftler gibt es keine quasi-transparente Sprache im früh-wittgensteinschen Sinn, die einen ungefilterten Blick auf die Realität erlaubt. Ich nähere mich der Problematik auch von der gegenüberliegenden Seite: Ich nehme an, dass die Art und Weise, wie wir über eine Sache reden und schreiben, unsere Sichtweise derselben maßgeblich beeinflusst, das ist eine dem Sozialkonstruktionismus verpflichtete Ansicht. Sprachliche Elemente mögen in konkreten Texten in ihrem Bezug eindeutig sein – egal, ob in sexuellem Kontext von Schwanz oder Penis die Rede ist, wir können das Gemeinte lokalisieren –, aber Wörter und Phrasen bergen darüber hinaus ein Mehr an konzeptuellen Komponenten, Assoziationen und Bewertungen, die alle nicht expliziert, sondern impliziert sind. Wenn solche Elemente häufiger auftreten, bilden ihre Mit- und Nebenbedeutungen sozusagen den impliziten ideologischen Subtext des Diskurses. Und genau das ist, woran mein Ansatz – die kritische Diskursanalyse – interessiert ist, besonders wenn dieser Subtext soziopolitisch problematische Annahmen enthält, also Diskriminierendes und Ungerechtigkeiten Untermauerndes.

Sprache ist also die Linse, durch die wir die Welt wahrnehmen, und sie ist nie gänzlich durchsichtig, sondern sie färbt ein, konfiguriert, verzerrt. Wenn ein Diskurs ständig von prick (~ Schwanz, ohne die Metaphorik allerdings), pussy (Muschi) und fuck (ficken) spricht, dann ist das keine genauere oder authentischere Repräsentation von Sexualität, als verwendete er stattdessen penis, vagina und make love (Liebe machen), es ist nur eine andere Darstellung, eingebettet in eine andere Sichtweise von Sex, Liebe, Beziehungen.

Dies heißt, Diskurse sind im Grunde nie direkt und unmittelbar. Und ich bin Archäologe im foucaultschen Sinne und grabe das Implizite aus der sprachlichen Gestaltung von Diskursen aus. Der Vollständigkeit halber sei hier noch hinzugefügt, dass ich, um einen repräsentativeren Überblick über einen Diskurs zu bekommen, zu diesem Zweck in meiner Forschung mit großen elektronischen Textkorpora und Analyseprogrammen arbeite, die das Aufspüren von sprachlichen – und somit indirekt von subtextuellen – Mustern leichter machen.

 

7. Das klingt abstrakt. Welches Beispiel könnte diese Theorie, den Ansatz und die Vorgangsweise konkreter illustrieren?
Ich habe – ohne auf die technischen Details einzugehen – alle Ausdrücke für menschliche Genitalien in meinem Korpus eruiert. Fast alle dieser Ausdrücke sind metaphorisch, das heißt sie bedienen sich eindrücklicherer Ideen aus anderen Bereich, wie z.B. in muscle (Muskel) oder serpent (Schlange) für den Penis, treasure box (Schatzkästchen) für die Vagina oder pleasure button (Genussknopf) für die Klitoris. Auch wenn manche dieser bildhaften Ausdrücke originell erscheinen und es hier große Vielfalt gibt – ich habe insgesamt deutlich über 500 verschiedene Ausdrücke für männliche und weibliche Geschlechtsorgane gefunden –, so erkennt man doch schnell, dass die Bildspender sich bedeutungsmäßig zu ein paar wenigen großen Kategorien zusammenfassen lassen, z.B. Körperteile, Tiere, Wertgegenstände, Maschinenteile. Ich gehe nun von der Annahme aus, dass die Kategorien, die besonders viele verschiedene Ausdrücke enthalten, die einzeln auch häufig verwendet werden, den größten Einfluss darauf haben, wie wir über Genitalien denken.

Bei den männlichen Geschlechtsteilen ist die größte Kategorie die der Werkzeuge (im weitesten Sinne des Wortes) und der Waffen. Die folgenden Auswahl sollte einen Eindruck davon vermitteln:

crank – Kurbel, cum-shaft – Sperma-Schaft, equipment – Ausrüstung, extended periscope of a prick – ausgefahrenes Periskop eines Schwanzes, firehose – Feuerschlauch, fuck pump – Fickpumpe, hammer – Hammer, love tool Liebeswerkzeug, male apparatus – männlicher Apparat, arrowhead – Pfeilspitze, ucking stick – Fickstecken, love rocket – Liebesrakete, ramrod – Ladestock (für Gewehre), sex bomb – Sexbombe, spear – Speer, sword – Schwert

Die bevorzugten Bildspender für weibliche Genitalien lassen sich als leerer Raum bzw. als negativer Raum (durch Absenz eher denn durch Präsenz von etwas definiert) beschreiben. Dabei handelt es sich um Öffnungen, Durchgänge, Höhlen und Behälter. Eine Auswahl von Metaphern aus der genannten Kategorie mag ihre Natur verdeutlichen:

box – Schachtel, cave – Höhle, entrance – Eingang, flesh valley – Fleischtal, hidden depths – verborgene Tiefen, hole – Loch, love canal – Liebeskanal, opening – Öffnung, passion passage – Leidenschaftspassage, pocket – Tasche, sheath – Scheide, slipper slit – Rutschschlitz, treasure chest – Schatztruhe, void – Leere

Wenn der Penis durch Metaphern ständig mit Werkzeugen und Waffen in Analogie gesetzt wird, so kann man nicht umhin, sich den Penisbesitzer als Benutzer von Letzteren vorzustellen und somit als jemanden, der in der Sexualität aktiv und möglicherweise auch gewaltsam tätig ist.

Mit der Idee von leerem oder negativem Raum in Verbindung gebracht, wird die Vagina als empfangendes Ende eines Füll- oder Hineinsteckvorgangs imaginiert. Die Besitzerin wird dadurch zur passiven Teilnehmerin in sexuellen Aktivitäten. Somit tragen diese Metaphern zu einer nicht-egalitären Rollenaufteilung in aktiver Mann versus passive Frau bei. Diese Konzeption wird nicht nur von der Pornographie propagiert, sondern ist wahrscheinlich in vielen sexuellen Diskursen gängig, so gängig, dass viele Menschen geneigt sein werden, sie als natürlich und ontologisch gegeben zu betrachten (in einem solchen Fall empfiehlt die Feministin Susan Brownmiller, sich Geschlechtsverkehr als enclosing (Umschließen) vorzustellen, um durch den Perspektivenwechsel die Konstruiertheit der Natürlichkeit zu erleben). Durch ihren exklusiven Fokus auf Sexuelles muss der Pornographie allerdings eine besondere Rolle in der Konstruktion zugewiesen werden.


8. Geht es in dieser Forschung nur um Wörter? Oder gibt es auch Beispiele einer anders gelagerten Analyse?
Die Untersuchung elektronischer Korpora hat meist zur Folge, dass man sich eher auf kleinere Einheiten wie Wörter oder Wortkombinationen konzentriert. Aber grammatikalische Konstruktionen können auch unter die Lupe genommen werden. Im Zusammenhang mit der oben beschriebenen Differenzierung von Geschlechterrollen in der Sexualität bietet sich das geradezu an. Das paradigmatische Sex-Verb #fuck# kann in verschiedenen syntaktischen Konstellationen gebraucht werden, zum Beispiel:

They fucked – Sie fickten

She fucked with him – Sie fickte mit ihm

She fucked with his penis – Sie fickte mit seinem Penis

He fucked her – Er fickte sie

He fucked into her – Er fickte in sie hinein

He fucked his penis into her vagina – Er fickte seinen Penis in ihre Vagina hinein

Je nach der Position, in der Männer und Frauen bzw. ihre Körperteile vorkommen, werden ihnen verschiedene Rollen zugewiesen, die als aktiver oder passiver interpretiert werden. In He fucked her zum Beispiel übernimmt he den initiativen Part, her den rezipierenden, in he fucked into her wird dieser Unterschied noch intensiviert, da die Frau im Grunde nur mehr als die Stoßrichtung seiner Handlung repräsentiert wird. Wenn Menschen nur fragmentiert als Körperteile vorkommen, wie z.B. in into her vagina, wird das die Passivierung weiter stärken.

In meiner Studie pornographischer Short Stories habe ich mir einige Verben, die sich auf sexuellen (z. B. fuck, screw ~ nageln, mit etwas anderer Metaphorik, make love, sleep with – schlafen mit), anders körperlichen (z. B. touch – berühren, kiss – küssen) und sozialen Kontakt (z. B. talk – sprechen, meet – treffen) beziehen, angesehen. Während die Rollenverteilung zwischen aktiv und passiv bei körperlichem und sozialem Kontakt kaum ins Gewicht fällt, so ist sie besonders bei den häufigeren und ‘härteren’ bzw. weniger euphemistischen Koitus-Beschreibungen sehr deutlich. Fuck, das bei weitem meistgebrauchte Verb in diesem Zusammenhang, sieht Männer bis zu sieben Mal öfter in aktiven Positionen als Frauen. Der Einwand der Natürlichkeit darf nicht gelten, da she fucks him möglich ist und auch verwendet wird, aber eben nicht mit der gleichen Frequenz.

Meine Schlussfolgerung: die syntaktischen Konstruktionen von Geschlechtsverkehrverben deuten an, dass im Subtext der Pornographie Männer sexuell aktiv agieren, während Frauen nur passiv empfangen.


9. Was ist nun das Resümee bezüglich Pornographie und Explizitheit?
Unabhängig davon, ob man Explizitheit für einen Wert an sich hält, so melde ich doch Zweifel daran an, dass Pornographie überhaupt so explizit ist, wie oft behauptet. Auch wenn sie sicher mehr als jeder andere Diskurs das Augenmerk auf Sexualität lenkt, so behandelt sie im Grunde nur die Oberfläche des Phänomens und lässt soziale und emotionale Aspekte weitgehend außer Acht. Die Normen- und Werte untergrabende Grundhaltung gerät auch ins schiefe Licht, wenn man sich das deutliche Kokettieren mit dem eigenen Status als Tabu ins Kalkül zieht. Und direkteren und authentischeren Zugang zur Sexualität kann der pornographische Diskurs auch nicht gewähren. Im Gegenteil! Ein genauerer Blick auf Sprache (eventuell auch auf Bilder, Töne…) deutet an, dass Explizitheit immer auch eine große Menge an Implizitheit mit sich bringt, die sich in einem ideologischen Subtext mit nicht immer unproblematischen Annahmen über gesellschaftliche Zusammenhänge (z. B. Rollenverteilung in der Sexualität) manifestiert.

Und… wer Explizitheit mit Antwortreichtum gleichsetzt, der möge sich die emotionale, vielschichtige und mehrpolige Debatte zur Pornographie und den Berg an Forschung, die in ihrem Namen durchgeführt wurde, zu Gemüte führen. Sie oder er wird erkennen, dass Pornographie zu jenen Phänomenen gehört, die nicht aufhören werden, Fragen zu stellen und sich der Beantwortbarkeit zu entziehen.