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schneewittchensyndrom

Wenn ruhelose Seelen erzählen


Myriam Keil: Angst vor Äpfeln. Kurzprosa.

St. Ingbert: Edition Thaleia 2006

Rezensiert von: cornelia schuss


Allergien sind in. Man gewinnt den Eindruck, dass jeder, der mitreden will, eine haben sollte. Pollen, Laktose, Äpfel. Äpfel? Ja, durchaus. Das kann sogar richtig heftig werden, erzählt uns eine Protagonistin im ersten Buch der deutschen Autorin Myriam Keil. „Im Laufe der Zeit finde ich neun Uhr achtundvierzig als Grenze für die Apfelübelkeit heraus, die [...] ausschließlich rohe Äpfel betrifft.“ Bis zu dieser Uhrzeit verursacht ihr der Verzehr von Äpfeln Qualen. Aber richtig schlimm wird es erst, wenn ihr Freund Jan täglich frühmorgens in einen Granny Smith beißt. „Schneewittchensyndrom“ also, doch die Erkenntnis folgt: „Aber es sind nicht die Äpfel. Er ist es.“ Und schon ist der Leser mittendrin in einer Welt voller Zwänge, Abhängigkeiten und Substitutionsversuchen. Drin in der Welt von Myriam Keils Erzählband Angst vor Äpfeln.

Nicht alle ihrer kurzen Texte sind so bissig wie dieser. Einer handelt von einer jungen Frau, deren kranker Freund sie verlassen hat, damit sie ihn nicht sterben sehen muss. „Manchmal können Menschen nicht loslassen, wenn sie ihre Abschiede nicht bekommen“, erzählt sie. Aus Sehnsucht schreibt sie sich selbst Postkarten im Namen ihres verstorbenen Freundes:

„Es ist schön, sich über Dinge so sicher sein zu können“. So sind sie, Keils Figuren: Manche können mit der Vergangenheit nicht abschließen, andere mit der Zukunft nichts anfangen, und sehr oft spielt beides zusammen. Eine Mutter verkraftet den Unfalltod ihres kleinen Kindes nicht, eine Tochter kehrt an die Wurzeln ihrer furchtbaren Kindheit zurück. Ein anderer Ruheloser versteht das Weggehen des Geliebten nicht, und „dass ich, obwohl ich Miete zahle, keine Heimat mehr habe.“ Der Klappentext verspricht „die verschiedensten Arten und Gesichter von Fluchten“, die Geschichten selbst aber sind gar nicht auf der Flucht. Einige sind ganz langsam, scheinen stillzustehen oder sich sogar rückwärtszubewegen. Man kann sich auch in die Vergangenheit flüchten. Es ist eher eine innere Unruhe, eine Nervosität, die der Leser spürt. Manchmal bleibt bei der Tristesse auch Zeit für Schmunzeln – wenn etwa eine vernachlässigte Frau entdeckt, dass ein liebloser Mann problemlos gegen seinen Hund eingetauscht werden kann. „Wir zwei kommen doch eigentlich ganz gut allein zurecht, denke ich.“

Zwar sind die Storys alle anders, passen aber in den umfassenden Bogen grüblerischer menschlicher Gemütszustände. Und so kann es passieren, dass man bis zur dritten Erzählung dem Irrglauben anhängt, es hier mit einem Roman zu tun zu haben. Aber irgendwie gehören sie ja auch alle zusammen, die Verdränger, Zweifler, kleinen Revoluzzer und ewigen Sucher. Bis zum Ende meint man auch, den einen und anderen Gedanken schon mal wo aufgeschnappt zu haben, dieses oder jenes Thema bereits gestreift zu haben. Das stört aber kaum, da jede Geschichte Platz für eigene Projektionen lässt. Man lernt schnell, wie man Anspielungen, kurze Rückblenden und Charakterskizzen zu seinem persönlichen Bedeutungsgebilde zusammenbaut. Bei manchen Texten gelingt dies schneller, bei manchen scheinbar gar nicht. Und bei manchen lohnt es, noch mal von vorn zu beginnen. Denn wie sagt es eine von Keils traurigen Figuren: „Manchmal muss man zurück an den Anfang.“ Oder in den sauren Apfel beißen.