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träumst du schon oder lebst du noch?

ilona kästner | träumst du schon oder lebst du noch?

Gerade der Tod stellt Fragen. Träumt sich unser Bewusstsein nach dem Sterben einfach weiter fort?

„Es hat keinen Sinn, es zu versuchen“, sagte Alice. Man kann nicht an das Unmögliche glauben.“ „Ich wage zu behaupten, dass du darin nicht viel Übung hast. Als ich in deinem Alter war, habe ich es immer für eineinhalb Stunden getan. Manchmal habe ich an sechs unmögliche Dinge noch vor dem Frühstück geglaubt.“

 Lewis Carroll


Unter den vielen, vielen Fragen die uns das Leben täglich stellt, gibt es einige Fragen, die es nicht auf Antworten abgesehen haben. Solche Fragen haben die schöne Aufgabe, Konzepte und Annahmen, auf denen unser Denken ruht, ins Schwanken zu bringen und dezent darauf hinzuweisen, dass wir in einem fluktuierendem Universum wohnen, voller Veränderung, Bewegung und Eventualitäten. Eine gute Frage ist wie das Bild von Magritte, in dem ein Mann vorm Spiegel steht und darin seinen Hinterkopf sieht. Er sieht nicht seine Reflexion, sondern sieht sich selbst, wie er sieht. Plötzlich ist da ein Bruch zwischen dem Sehen und der gewohnten Vorstellung von dem, was gesehen wird, und du merkst, dass du selbst an deiner Wahrnehmung beteiligt bist. – Potentielle gute Fragen gibt es viele. Aber meistens stehen sie nur vor unserem autoritären Denkapparat und werden nicht hinein gelassen. Anders gesagt, ob eine Frage zu einer guten Frage wird, entscheidet nicht die Frage, sondern der Blick, der in den Spiegel schaut.


Glaubensfrage
Vor kurzem hat sich bei mir so eine Frage durch die Hintertür geschlichen; ganz nebenbei gestellt, an Ostern, dem Fest der Wiederauferstehung. Meine Freundin und ich saßen auf einer Parkbank und dösten der Sonne entgegen. „Glaubst du eigentlich an deinen Tod?“, fragte sie mich. Wahrscheinlich, weil gerade zwei Gruftis an uns vorbeigegangen waren; mit ihren hängenden Schultern eine schlurfende Erinnerung an unsere endliche Existenz. „Wieso glauben?“, fragte ich zurück, „Hast du dich gerade dazu entschieden, den Tod zu einer Glaubensfrage zu machen?“ Ich musste schmunzeln bei dem Gedanken. Eigentlich keine schlechte Idee. Nur, was würde das helfen? Der Sensemann ist eine unbestrittene Tatsache. Jeder von uns wird einmal abtreten müssen. Reif und bereit oder überrumpelt und plötzlich. Da hatte die Frage schon ihren Fuß in der Tür. Auf dem Nachhauseweg stellte ich fest, dass die einfachste Antwort auf solche Fragen ist, sie gar nicht erst zu stellen. Nach dem Motto: Klar sterben wir, aber wer glaubt schon an den eigenen Tod? Ich hatte den Kollateralschaden des Lebens erfolgreich aus meinem Blickfeld verbannt. Im Vergleich zu den vielen österlichen Kirchgängern hatte ich keine Auferstehungs-Versicherung abgeschlossen. Ich konnte mich damit brüsten, erwachsen geworden zu sein und Mamis Rockzipfel nicht mehr im kirchlichen Jenseits zu suchen. Aber wenn es wirklich um den eigenen Tod geht, verhalten wir uns wie ein Kind, das aus dem Zimmer gehen soll und sich einfach die Augen zuhält. Als hätten wir eine unbegrenzte Dauerkarte für diesen Club. Wenn ich an mein Leben denke, dann sehe ich nicht das ultimative Ende, sondern eine Art unreflektierte Ewigkeit. Es gibt einen Automatismus in unserem Denken und der heißt ICH. Wie soll ich mir etwas vorstellen, in dem ICH nicht mehr vorkommt?


Der Realist
Aus diesem Grund hört der Realist hier auf zu denken. Frei nach Wittgenstein: Worüber man nicht sprechen kann, soll man gefälligst schweigen. Aber strandet nicht gerade derjenige, der meint, er halte sich in dieser Sache ausschließlich an die Fakten, in einer Sackgasse seiner Vorstellungskraft? Glauben fängt bekanntlich dort an, wo Wissen aufhört. Er gibt dem Unbekannten ein Gesicht. Sterben bedeutet das Ende des Lebens, so wie wir es kennen. Sobald mit unseren Sinnen oder ihren technischen Verlängerungen keine Lebenszeichen in Herz, Lunge, Gehirn mehr erkennbar sind, sprechen wir davon, dass jemand gestorben ist. Der Tod ist der Zustand, in den wir eintreten, nachdem wir gestorben sind. Wie dieser Zustand zu interpretieren ist, da scheiden sich die Geister. Bestimmte Fakten sind klar. Aber darüber hinaus ist eigentlich alles noch möglich. Über Zeiten, Kulturen und Religionen hinweg geistert die Vorstellung einer Fortexistenz von Was-auch-immer. Ist das nur das ICH, das nicht aufhören mag zu existieren? Und ist die bessere Alternative das NICHTS? Oder ist das NICHTS auch nur eine abstrakte Idee, eine Vorstellung, die dem objektiven Blick unserer rationalisierten Welt entspricht, dem Oberflächendenken eines Laborassistenten, der versucht mit seinen gemessenen Daten die Welt zu erklären? Ich beschloss dieser Frage weiter auf den Grund zu gehen…


…und fand Wissenschaftler, die mit empirischen Methoden in dem Grenzbereich zwischen Leben und Tod forschen. Die so genannte Überlebensforschung erfasst und überprüft Indizien, die für ein Weiterleben nach dem Tod, für eine nicht-physische Dimension unserer Existenz sprechen. Darunter fallen Nahtoderfahrungen, außerkörperliche Erfahrungen, Erinnerungen an vergangene Leben, Experimente mit Medien, visionäre Erscheinungen… Nicht gerade Phänomene, mit denen sich ein durchschnittlicher, seriöser Weltbürger herumschlägt. Eher verbuchen wir diese Dinge unter Kuriosität, Spinnerei oder esoterischem Schwachsinn. Andererseits legt diese beeindruckende Menge an weltweit gesammeltem, Kultur und Zeiten übergreifendem Material die Vermutung nahe, dass Schwachsinn nur eine andere Bezeichnung für „nicht kompatibel“ sein könnte. Möglicherweise klingt das alles nur deshalb so bizarr, weil kein allgemein akzeptierter theoretischer Rahmen dafür existiert. Da es in diesem Feld meistens um subjektive Erfahrungen geht, die nur schwer objektiv zugänglich zu machen sind, ist die Grenze zwischen Spinnerei, Traum, geistiger Projektion und einer unter bestimmten Bedingungen allgemein nachvollziehbaren Erfahrung kaum auszumachen.

 

Das gemeine Ableben
Das gemeine Ableben hat, wie alle Dinge in unserer Welt, verschiedene Seiten, je nach dem, aus welcher Perspektive wir es uns anschauen. Es hat ein empirisch messbares Gesicht: das Aussetzen aller Lebensfunktionen und die appetitliche Verwesung des Körpers. Es hat einen institutionalisierten, gesellschaftlichen Look. Und es hat ein kulturelles Bedeutungs-Szenario. Nur die vierte Perspektive – das subjektive, innere Abenteuer - ist beim Tod schwer auszumachen. Der übliche Kanal, um an diese Innerlichkeit heran zu kommen, ist abgeschnitten: Es gibt keine Kommunikation mehr. Da ist plötzlich niemand mehr, mit dem man reden könnte. Kein ICH, nur noch Schweigen, also das NICHTS. Das ist wohl der wesentliche Grund dafür, warum sich unsere abendländische Informationsgesellschaft mit dem Gedanken an das Erlöschen des Bewusstseins abgefunden hat.

Aber gute Fragen hören nicht mit den Möglichkeiten der Informationsvermittlung auf. Was wäre, wenn das subjektive Erleben, das Bewusstsein, doch weiter existierte? Und wir nur die Fähigkeit verlören, auf den Frequenzen unserer materiellen Vorstellungskraft zu senden? Zunächst wäre eine Grundannahme unseres westlichen Denkens in Frage gestellt: nämlich die, dass Bewusstsein ein Output der physiologischen Prozesse im Gehirn sei. Wir müssten dann schweren Gemütes davon ausgehen, dass wir mehr wären als nur ein schöner Körper. Stehen wir damit automatisch schon in der gemütlichen Lounge von Mythologie, Mystik, esoterischer Philosophie und Religion? Die alten Traditionen sehen den Tod grundsätzlich als eine permanente, außerkörperliche Erfahrung an. Bis zur nächsten Wiedergeburt. So zum Beispiel das berühmte tibetanische Totenbuch. Aus unserer heutigen Sicht bietet diese „Wissens“-Sammlung eine ziemlich rätselhafte Lektüre über den Bardo, das Reich der Toten. Es ist kaum zu verkennen, dass diese Texte Mythen, Aberglauben und Anschauungen enthalten, die für uns, Jahrhunderte später, keinerlei Relevanz mehr besitzen. Gleichzeitig präsentieren sie sich als eine detaillierte Landkarte einer nicht-physischen Bewussteinsdimension. Diese ist nun entweder reine Einbildung, Erfindung, Phantasterei irgendwelcher Menschen, die in Don Quichotte’scher Manier Fiktion und Wirklichkeit nicht auseinander halten konnten. Oder es handelt sich um Interpretationen von lebendigen Erfahrungen aus einer anderen Zeit. Interpretationen, die damals im Einklang waren mit der damaligen Weltsicht, mit unseren heute natürlich nicht mehr. Theoretisch müssten wir heute dieselben Erfahrungen machen können und würde sie nur anders einordnen und interpretieren.


Luzides Träumen
Schaut man sich ein wenig um, dann fällt unter diese Rubrik das Phänomen „anderer Bewusstseinszustand“. Meditierende Mönche werden ja schon seit einiger Zeit vermessen. Schamanische Traditionen aller Zeiten und Kulturen berühren diesen Bereich. Aber auch die Halluzination von Drogenkonsumenten, Alkoholikern, Schlafentzogenen, Schizophrenen etc. und jede Nacht unser Schlaf- und Traumbewusstsein. In den Dzogchen-Lehren des tibetischen Buddhismus ist mit Bardo nicht nur das Reich des Todes gemeint. Es werden sechs Bardos unterschieden. Der erste Bardo ist das normale Wachbewusstsein, der zweite unser Bewusstseinzustand in der Nacht, das Traumbewusstsein. Ein dritter Bardo ist über die Meditation zu erreichen (als hoch konzentrierter, veränderter Bewusstseinszustand). Drei weitere Bardos sind mit dem Sterbeprozess selber, den Erfahrungen nach dem Verlassen des physischen Körpers und der Zeit bis zur nächsten Wiedergeburt verlinkt. Diese Tradition lehrt auch, dass der Vorgang des Einschlafens analog sei zum Eintritt in das Reich des Todes, der nicht-physischen Dimension des Bewusstseins. Entsprechend gibt es Techniken, mit denen man trainieren kann, sein Wachbewusstsein mit in den Schlaf zu nehmen, also wach einzuschlafen. Und Techniken, mit denen man das Aufwachen im Traum üben kann, das so genannte luzide Träumen. Diese Techniken sollen den im Wachzustand träumenden Menschen darauf vorbereiten, im Moment des Sterbens nicht in den nächsten Traum geschleudert zu werden, sondern „aufzuwachen“. Der Tod ist nämlich, so diese alte Tradition, eine psychoplastische Realität, ähnlich flexibel wie die Traumrealität. Das heißt, unsere Psyche generiert ihre Realität selber: Die Christen finden vielleicht Himmel, Engel und Fegefeuer vor, die Buddhisten den Bardo, der Realist das, woran er geglaubt hat, ohne es zu merken… Von der materiellen, schweren Welt befreit träumt sich unser Bewusstsein einfach weiter fort, geprägt von den Vorstellungen, die wir von uns und unserer Umgebung haben. Diese Vorstellungen sind es dann auch, so diese Lehre, die uns am wahren Aufwachen hindern und zur nächsten Verkörperung katapultieren. Denn auch die physische Wirklichkeit ist nur ein Traum. Ein wenig schwerfälliger zwar, aber ansonsten genauso aus psychischer Eigenkreativität generiert wie unsere Nachtträume. Nach diesem Modell ist unsere Wirklichkeit eine Massenhalluzination und der Tod nur eine Veränderung der Traumrealität, ein neuer Traum, den wir ohne unseren Körper weiter träumen.

Warum nicht? Das Schöne an Träumen ist, dass sie nur ein Spiegelbild sind, das wir selbst in die (Traum-)Wirklichkeit hineinprojizieren. Vielleicht ist der Tod und mit ihm das Leben viel geheimnisvoller, als wir uns allgemein vorzustellen trauen. Ihr Geheimnis läge in der Freiheit, die sich auftut, sobald wir uns zu uns selber umgedreht haben.