schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 15 - noch fragen? und ob!
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/15-noch-fragen/und-ob

und ob!

helge streit | und ob!

Wir haben inzwischen fünftausend Meter Höhe erreicht. Oder sind es nur dreitausend? Ich habe nicht aufgepasst. Natürlich habe ich aufgepasst. Ich bin an den Lippen des Ausbildners gehangen, als ginge es um mein Leben, und es geht ja schließlich auch um mein Leben. Trotzdem habe ich kein Wort seiner Ausführungen verstanden. Oder habe ich sie nur augenblicklich wieder vergessen? Es ist natürlich Unsinn, zu glauben, es würde mich beruhigen, zu wissen, dass es nur dreitausend Meter Höhe sind. Erstens, weil es keinen Unterschied macht, ob man aus dreitausend Meter Höhe in die Tiefe stürzt oder aus fünftausend. Nicht einmal ein mit allen Wassern gewaschener Pathologe könnte aus dem, was dann noch von einem übrig bleibt, schließen, ob die Fallhöhe nur dreitausend oder fünftausend Meter betrug.

Aber warum sage ich immer „Nur dreitausend Meter?“ Und eines habe ich mir zumindest merken können. Je höher, desto ungefährlicher ist es. Das klingt paradox, ich weiß, aber es muss stimmen, denn sonst würde man nicht den ersten Fallschirmsprung aus dreitausend oder fünftausend Metern Höhe machen, sondern nur aus, sagen wir hundert, oder fünfzig Metern. Und doch, wenn ich jetzt die Wahl hätte, ich würde hundert oder fünfzig Meter Höhe vorziehen. Geht es nur mir so? Was denken die anderen? Was bedeuten ihre unbeweglichen Mienen? Soll ich jetzt fragen, ob es fünftausend Meter Höhe sind, oder doch nur dreitausend? Aber dann denken die anderen bestimmt, dass ich mich beim Ausbildner wieder wichtig machen will. Wir stehen in Reih und Glied. Ich bin der Fünfte, nein, der Sechste in der Reihe, und sich weiter nach hinten schmuggeln ist nun nicht mehr möglich. Der Ausbildner blickt uns mit einem Lächeln an. Was bedeutet dieses Lächeln? Er schiebt jetzt die Ladeklappe auf. Augenblicklich fährt der Wind in seine Haare. Soll das jetzt bedeuten, dass das in den letzten Wochen alles ernst gemeint war und wir sollen da wirklich raus? Und das war nicht nur so eine Art Gedankenexperiment? Und warum wa  uns der Ausbildner wochenlang mit seinem nie enden wollenden Wortschwall auf die Nerven gegangen, wenn er jetzt, wo es wirklich ernst wird, mit einem Mal ganz wortkarg ist? Nur zwei Worte kommen ihm von den Lippen: „Noch Fragen?“

Und ob!

Welche Leine muss man eigentlich ziehen, damit sich der Schirm öffnet? Gibt es eine Reserveleine? Und wenn, wo ist sie? Was tut man, wenn sich der Schirm auch dann nicht öffnet? Gibt es noch eine Reserveleine für die Reserveleine? Ist diese Ausbildung mit irgendeiner Art von Zusatzversicherung verbunden, so dass meine kleine Familie im Falle meines Ablebens mit einer Rente rechnen kann? Hafte ich für den Fall, dass ich jemandem auf den Kopf springe? Oder für anderen etwaig entstandenen Schaden? Warum springen Menschen aus dreitausend oder fünftausend Metern in die Tiefe? Warum springe ich aus dreitausend oder fünftausend Metern in die Tiefe? Ist es möglich, dass ich Fragen dieser Wichtigkeit in den letzten Wochen und Monaten nie gestellt habe? Oder habe ich sie gestellt und es nur vergessen? Und was waren die Antworten? Und warum stelle ich diese Fragen nicht jetzt? Warum sage ich nicht, dass ich natürlich nicht aus dreitausend oder fünftausend Metern in die Tiefe springe, und jetzt, wo ich darüber nachdenke, auch nicht aus hundert oder fünfzig Metern? Warum schweige ich? Warum schweigen wir alle? Mit Entsetzen sehe ich, wie vor mir der erste von der Reihe abtropft und irgendwo da draußen verschwindet. Und dann der nächste, der nächste, der nächste, der nächste, der nächste ...