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Verhöre, Inquisition, Guantanamo

christian de simoni | Verhöre, Inquisition, Guantanamo

Du schaust immer so böse, meint sie, lächle doch mal! – Ich werd’s versuchen, murmle ich und grinse. Nicht so, sagt sie. – Ich: Anders geht’s gerade nicht. Und, nach einer Pause: Wie geht es dir? – Sie verzieht das Gesicht. Willst du das wirklich wissen? – Würde ich sonst fragen? – Ich glaube nicht, dass dich das interessiert. Chaos pur. Depression. Weltfrieden, UNICEF, Angela und ihr neuer Freund, Stress im Büro, Ängste, Zukunft und so. Mein Ex. Dinge halt. Ich habe dich gewarnt. Du willst das nicht wissen. – Ich habe dir doch gesagt, erkläre ich ihr, dass es mich interessiert. – Menschen erzählen irgendwelche Dinge, den ganzen Tag labern sie einen voll, wollen von irgendwas überzeugen, können sich nicht zurückhalten, immer nur ich, ich, ich und so weiter... – Ja, sage ich und schaue an ihr vorbei einer Frau nach. Sie: Was ist? Ich dreh den Kopf. Nichts, wieso? – Sag es doch! – Was denn? – Es ist immer dasselbe mit den Typen, wollen nicht darüber sprechen, lassen einen im Unklaren, nur sich auf nichts festlegen, cool bleiben, die Welt kann mir am Arsch. Dann wieder Kriege, Gewalt und so. Frauen werden vergewaltigt, jeden Tag, keiner schaut hin. Fahren mit ihren Autos mit neunzig Ka-em-ha durch die Fünfzigerzone. Den Kindersitz hintendrauf. Rauchen, saufen, schlagen ihre Frau... – Was meinst du, frage ich verwirrt. Sie: Womit? – Damit. – Was, damit? – Was du mich zuvor gefragt hast. – Habe ich dich etwas gefragt? Verstimmt sage ich ja. – Ja, fährt sie mich an, ist das alles? Ja kann vieles heißen, vielmehr noch als Nein, und Nein heißt eigentlich überhaupt nichts. Sowieso: Alle Worte bedeuten eigentlich nichts, die Leute tun nur so, als würden sie sich verstehen, dabei reden sie aneinander vorbei oder erzählen von sich selbst. Ich: Ja. Sie ruft meinen Namen. Hörst du mir überhaupt zu?, fragt sie. – Weshalb fragst du mich das? – Fragen, die Menschen stellen immer Fragen, wollen aber gar nichts wissen, aber Fragen stellen, wie die Polizei. Verhöre, Inquisition, Guantanamo, was weiß ich. Löcher bohren sie mit ihren Fragen. Höhlen dich aus, nehmen dir die Luft zum Atmen. Patriarchat, Sozialversicherungen, Zutexten, Bekehren ...

In meinem Kopf dreht sich alles. Sie atmet geräuschvoll aus, um danach einen Schluck Tee aus dem Glas zu trinken, das bereits seit zehn Minuten unberührt vor ihr steht. Sie nimmt einzelne, ganz kleine Schlucke. Ich mag das.

Was meintest du mit „Was ist?“, frage ich, da mir ihr Trinken das Wort gibt. – Habe ich das gefragt? Wann? – Vorhin. – Wann vorhin? – Bevor du von der Sozialversicherung zu reden begonnen hast und von Kindersitzen und Guantanamo. – Sozialversicherung, fragt sie verständnislos, – vergiss es. – Was? – Die Sozialversicherung. Ist eh eine Verarschung.

Wir zünden uns zeitgleich eine Zigarette an und schauen aneinander vorbei auf die Straße. Sie zieht sich die Jacke zu. Ist dir kalt? Sie nickt: Ich muss auswandern, in den Süden oder so, keiner hält es in dieser verdammten Kleinstadt aus. Immer nur kaufen, kaufen, kaufen, konsumieren, Geld, Geld, Geld, ich, ich, ich... – Wohin denn? frage ich. Sie: Auswandern? Ich deute ein Nicken an. Südafrika, Brasilien, Guatemala, Rio, Venezuela, was weiß ich. Wo’s warm ist und Palmen wachsen und die Menschen nicht so spinnen... Spinner gibt es überall, denke ich, und während sie weitererzählt, betrachte ich ihr Haar.

Freitag schläft sie dann doch bei mir. Letzten Bus verpasst oder so. Ihr Haar riecht nach Regen, ihr Atem nach Wein. Sie berührt mich sehr sanft, schmiegt sich an mich, schläft sofort ein. Ich liege die ganze Nacht wach und streiche mit der Hand durch ihr Haar. Draußen stürzt ein Gewitter über das Dach. Der Sommer beginnt.

Um halb sieben steht sie auf und raucht erstmal eine Zigarette. Kaffee will sie nicht. Muss mich beeilen, sagt sie, einkaufen und so. Ich schlafe bis zehn Uhr weiter. Wie klein sie doch ist: Hat unter meinen Armen Platz. Es bleibt noch einige Stunden nachdem sie gegangen ist eine Ahnung zurück, eine Spur von etwas sehr Schönem. Traumwandlerisch staubsauge ich die Wohnung, gehe einkaufen, liege rum, sehe fern.

Sie schaut amerikanische Fernsehserien, glaubt an die Mathematik, und dass es den südlichen Wendekreis tatsächlich gibt. Verwechselt manchmal Wörter. Will es bequem haben im Leben, sammelt schöne Dinge und stellt sie in ihrem Zimmer auf. Blätter und Grashalme. Malt Bilder, die sie nicht signiert. Findet Brad Pitt hübsch. Liest Lebensratgeber, die Geschlechter verschiedenen Planeten zuordnen, hat womöglich die Emma abonniert.

Ich werde, hat sie gesagt, das nicht mehr tun, es bekommt mir nicht. Auf Spiele und Geschichten hab ich keine Lust mehr. Mit dreißig ist es an der Zeit, sich niederzulassen, einen Mann zu haben, verheiratet zu sein, Kinder. Verstehst du das? Ich hoffe es, tut mir leid. Dann war sie draußen, und für eine Weile räkelte sich die Schlampe Ruhe im Raum. Ich blies Rauch nach oben. Dachfenster. Frauen sind anstrengend, dachte ich. Es gefällt mir, wie der Wind mit ihren Haaren spielt, wenn sie dasitzen oder liegen. Gesichter wie Gemälde, Farbkompositionen. Aber die ewigen Gespräche rauben mir den letzten Nerv.

Montag, die Post holen gegangen und zurück in der überhitzten Wohnung, Wäsche türmt sich, Geschirr. Bücher über den Boden verstreut, die Stereoanlage auszuschalten vergessen. Bahne mir einen Weg zum Schreibtisch, setze mich und stütze den Kopf mit der rechten Hand. Das Telefon klingelt. Als wäre nichts geschehen, plappert sie los, erzählt vom Büro, dass sie sich den Chef auf den Mond wünscht, das Patriarchat sowieso und diese ganzen sich für etwas Besseres haltenden Akademiker hinterher. Ich freue mich darüber, sie zu hören, stelle mir ihren Körper unter meinen Armen vor und lehne mich zurück. Ihre Stimme ist eigentlich, sieht man von der Aggression und von den derben Slangausdrücken ab, weich, manchmal äußerst lebendiger und temperamentvoller Mensch ist, hat sie doch etwas Beherrschtes, Zurückhaltendes, Scheues. Als ich mit der Hand über ihre Brüste gefahren war, hatte sie kein Geräusch von sich gegeben, bloß einund ausgeatmet, und ich hätte nicht sagen können, ob es ihr gefallen hat oder nicht. Jedenfalls ließ sie mich machen, riss meine Hände nicht weg. Bäumte sich nicht gerade auf, aber drehte sich auch nicht weg. Nur als sie tief schlief, hatte sie sich ab und zu durch ein leises Stöhnen verraten. Natürlich verpasse ich eine Frage, sie hat lange erzählt, doch plötzlich innegehalten. Wir sind noch immer am Telefon. Reime mir ungefähr zusammen, was sie gesagt haben könnte, und antworte aufs Geratewohl mit „ja“. Sie: Weshalb? – Weshalb was?, frage ich und das Spiel beginnt erneut.