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von instinkten, zombies, schönheit

Ein Gespräch mit Thomas Raab


Thomas Raab: Nachbrenner. Zur Evolution und Funktion des Spektakels

Main: edition suhrkamp 2006

Rezensiert von: stefan schmitzer


Thomas Raab, unter anderem Autor des Romans Verhalten (Tropen Verlag 2002) und Kognitionstheoretiker, hat 2006 das Buch Nachbrenner herausgebracht. Es handelt sich um eine Studie, die von einer empirischen Rezeptionsästhetik ausgeht, welche auf dem Gedanken fußt, ästhetisches Erleben sei eine Weiterentwicklung von Instinktreaktionen auf Umweltreize unter den Bedingungen des „Spiels“, des „Lernens“. Auf solcher Grundlage unternimmt Raab den Versuch, die Kritik Guy Debords an der „spektakulären Gesellschaft“ auf eine feste wissenschaftlich- systemtheoretische Basis zu stellen. Diesem Unterfangen dienen Versuche zum Verhalten der Katze des Autors ebenso wie literarische Essay- Strecken und Ausflüge in di  Wissenschaftsgeschichte. Der in sich stimmige Methodenmix ist aber auch aus der Perspektive der einzelnen methodologischen Traditionen höchst angreifbar. Über diese Problematik, den Kontext und die strategische Ausrichtung von Nachbrenner diskutierte Stefan Schmitzer mit dem Autor.

Schmitzer: Bei oberflächlicher Lektüre von Nachbrenner drängt sich der Verdacht auf, du hättest dich nicht entscheiden können, ob du eine geistes-, eine natur- oder eine sozialwissenschaftliche Arbeit schreiben sollst: Disparate Fragestellungen aus allen drei Bereichen sind in einer Weise nebeneinandergestellt, die eine Erkenntnishierarchie – von der Empirie über die Philosophie zur sozialen Relevanz der so gewonnenen Daten – suggeriert. Diese Hierarchie wird von dir jedoch bloß behauptet.

Raab: Man liest dieses Buch am besten sehr genau oder ganz oberflächlich, nämlich als Literatur. Als Dichter nütze ich einfach meine Freiheit, keine akademische Abhandlung schreiben zu müssen, und so kann man Nachbrenner eben als Pamphlet, als Entwicklungsroman, als „Scientia povera“, als Punk oder als didaktischen Ansatz einer naturwissenschaftlichen „Ästhetik“ lesen. Bleiben wir also bei letzterer Lesart. Hierarchie gibt es: Überprüfbare naturwissenschaftliche Hypothesen, wo diese möglich sind; wo sie noch nicht möglich sind, ich aber meine Modelle trotzdem stützen muss, Ausweichen in vagere Gefilde wie Philosophie und Wirtschaftstheorie. Der vage „sozioökonomische“ Rahmen hinter dieser „Ästhetik“ ist straight-forward: Erwirtschaftet eine Eigentumsökonomie qua technischem Fortschritt immer mehr Spielräume, in denen die Bürger vor dem Überlebenskampf geschützt sind, sättigen sich zugleich die klassischen Absatzmärkte für Unternehmen, wie Nahrungsmittel, Kleidung, Autos etc. Als Wachstumsbranche bleibt „Leerlaufkonsum“ in diesem Spielraum. Der für die Unternehmen billigste Weg zu effektivem Kulturkonsumverhalten geht über Produkte, die nicht verbraucht, sondern vom Konsumenten ästhetisch wiedererkannt oder deren massive Auswirkungen auf das Nervensystem als angenehm empfunden werden können. Dies wiederum verstellt die „Bildungspotenz“ der Konsumenten, die ihrerseits für die Demokratisierung notwendig wäre. Es entsteht, wie ja viele heute beobachten, ein bisweilen sogar „gegenkulturell“ aussehender Biedermeier. Diesen ökonomischen Rahmen brauche ich jedenfalls, da eine naturwissenschaftliche Ästhetik, an der ich arbeite, auf der Grundlage ökonomischer, das heißt bioenergetischer Kompromisse im Gehirn stehen muss. Innere und äußere Ökonomie hängen über das fortlaufende Orientierungsverhalten jedes Organismus’ in einem Fließgleichgewicht. Schwankungen dieses Gleichgewichts können menschliche Organismen, so sie Spielraum haben, „ästhetisch“ erleben. Da diese Sichtweise von „Ästhetik“ sowohl in der Wissenschaft als auch in der Kunst weit davon entfernt ist, anerkannt zu sein, ist Nachbrenner als didaktische Verführung zu diesen Gedanken angelegt.

Ich folge dir in der Behauptung der naturwissenschaftlichen Voraussetzungen der Ästhetik, nicht aber in Bezug auf die gesellschaftlich-politische Dimension, die diese Ästhetik mit „empirischer“ Notwendigkeit annimmt. Genauer gesagt: Dass Ästhetik ihre Grundlagen in der Neurologie hat und dort auch zu erforschen ist, was neues Licht in Teilbereiche der Geisteswissenschaften wirft, ist eine Behauptung, der schwer widersprochen werden kann. Deine neurophysiologisch-funktionale Definition von „Unterhaltung“ kann in diesem Kontext stehen gelassen werden. Aber: „Bildungspotenz“, welche für die Demokratisierung nötig wäre? Da dräut das Bild von Unterschicht- Zombies herauf, die nicht in der Lage sind, den Mangel an Essen im Kühlschrank, an Geld am Konto und an Arbeit in Beziehung zueinander und zur Weltwahrnehmung zu setzen, und die deshalb der wohlwollenden Hand eines Philosophenkönigs bedürfen; ein Bild, dem ich nicht zustimmen kann.

„Bildungspotenz“ oder „Lernfähigkeit“ besitzen einfach alle, d.h. unter diesem Aspekt sind alle Bürger gleich. Bildung ist eine Urforderung der Französischen Revolution: Der Bürger sei frei in seiner Meinung, um für seine Bedürfnisse eintreten zu können. Um eine Meinung zu haben, muss man aber Dinge verstehen, ansonsten kann man nur nachplappern. „Ungerechtigkeitsgefühl“ hat auch jeder; um dieses beseitigen zu können, müsste man aber erst wissen, was man genau mit „Ungerechtigkeit“ meint. Heute haben z. B. fast alle Haushalte Autos, Fernseher usw. Deswegen kann der Konservative sagen, sie seien „gleich“, ohne Unterschiede im Wissen als Hauptmerkmal für Schichtzugehörigkeit und Entwicklungsmöglichkeiten erwähnen zu müssen. Das erfind’ ich ja nicht! Ich ziehe nur eine in der heutigen Akademikerlinken unschickliche Schlussfolgerung: Es ist kokett, wenn sich Eliten an die Unterschicht, der ich übrigens jeden Tag begegne, anbiedern, indem sie deren Zombietum schönreden. Unter einigen Aspekten sind Menschen gleich, unter anderen nicht. Was ist da so strittig dran? Die Frage ist doch: Wieweit sind wir als Eliten, und da zähl’ ich die schreibkraft dazu, selbst statische Zombies. Hier geht’s nicht um Könige, sondern um die Investitionen, die in ein Elitenwesen bereits gemacht wurden. Macht es was draus? Entwickelt es sich? Hat es neue Einsichten? Die Leugnung der Tatsache, einer Elite
anzugehören, macht noch keinen Egalitaristen.

Staatliche und privatwirtschaftlicheInvestitionen in ein Elitenwesen lassen sich ja verstehen als Investitionen in eine bequem segregierte Klassengesellschaft, in der die Interessen der verschiedenen „Schichten“ einander mit Notwendigkeit widersprechen, die also leicht den jeweiligen Anforderungen der Profitmaximierung entsprechend zugerichtet werden kann. In Frage steht da nicht, dass auch wir, die wir unseren Lebensunterhalt mit Textemachen bestreiten, einer Klasse mit bestimmten Bedingungen und Möglichkeiten angehören. In Frage steht vor diesem Hintergrund, ob deine Behauptung zutrifft, dass die „erlösende Frage“, jene Perspektive auf die Gesellschaft, die zu mündigem politischem Handeln befähigt, nämlich das gute alte „Cui bono?“, tatsächlich erst der Deleuze-Lektüre oder dergleichen bedarf. Was ich so verneinen
würde.

Ich auch; da sind wir uns einig. Es geht mir eben nicht um das Herstellen von Texten und Utopien, sondern um das Formulieren von Regelmäßigkeiten. „Die Anderen“ und ich selbst sind, sofern ich ihr Verhalten berechnen kann – und das geht oft nicht sehr weit – auch Regelmäßigkeiten. Mit derartig partiellem Verständnis der Einzelagenten kann ja das Verständnis von Populationen oder „Schichten“ von Menschen nicht weit gehen. Jedenfalls habe ich versucht, trotz leider merkbarer anarchistischer Wurzeln vieler Formulierungen im Nachbrenner, mir keine Utopie für andere, d.h. keine politischen Handlungsmaximen entschlüpfen zu lassen. Wie schon gesagt, will ich auf bestimmte belegbare Widersprüche im Rechtstaat hinweisen, z. B. zwischen Verfassungs- und Wirtschaftsrecht, da das zumindest für mich die stärkste „Kritik“ ist. Ob man Revolten anstrebt oder nicht: Man muss verstehen, wie das Spektakel funktioniert, und zwar im eigenen Körper und nicht bloß in der Buchhaltung der Manager, die ja auch nur mit Macht versehene Unwissende sind. Ich glaub’ nicht an Verschwörungen, da jeder Mensch, sogar der Massenmörder, glaubt, das „Gute“ zu wollen. Da ich diesbezüglich nicht besser als alle anderen bin, muss ich, wenn ich die Möglichkeit bekomme, mein Verhalten in dem vorgegeben Rahmen zu verstehen versuchen, dieses Verstehen möglichst mechanistisch formulieren und damit nachprüfbar machen.

Es ist ein bedeutendes Ergebnis deinerArbeit, dass der Verlust an Geschichtsbewusstsein, der der „spektakulären“ Gesellschaft eigen ist, mit quasi naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeit aus den massenindustriellen Produktionsbedingungen folgt, denen „Kunst“ und „Unterhaltung“ unterliegen. Der Debord’sche Begriff des Spektakels aber ergibt Sinn nur vor dem Hintergrund einer Gesellschaftstheorie, die auf die gezielte Veränderbarkeit von Gesellschafts- und Bewusstseinsphänomenen hinauswill. Hast du Debord deiner Meinung nach weiterentwickelt, ihm widersprochen oder als erster korrekt gelesen?

Debord „sitzt“ auf Hegel auf, ich auf einer naturwissenschaftlichen Sichtweise. Daher kann ich ihn nur als Stichwortgeber und „Anker“ für bestimmte Leser verwenden. Debord hat mich beflügelt, doch habe ich ihn nicht verstanden. Bei allem Respekt für den lebenslang offenbar aufrechten Gang der Person, scheint mir, dass dies auch nur
unter dem Aspekt der Metaphysikgeschichte schlüssig zu machen wäre. Debords Spektakelbegriff ist so umfassend, dass er zwar überall greift, aber keine Detailkritik ermöglicht. Natürlich haben wir alle dieselben Ahnungen, doch meine ich, dass de r Weg zu einer Verbesserung nur über präziseres Verstehen der Sachlage möglich ist. Und der erste Schritt dieser Präzisierung besteht aus prinzipiell überprüfbaren Definitionen, die sich halt fad lesen. Kurz: Debord kann meines Erachten überhaupt nur akademisch oder, wie von mir, über Umwege „produktiv“ missverstanden werden.


Es trifft dieser bekannte Vorwurf, nicht „wirkliche“ Wissenschaft zu treiben, sondern Texte von poetisch-inspirierender
Schwammigkeit produziert zu haben, ja nicht nur Debord, sondern z. B. auch die Autoren der Frankfurter Schule. Gegen ihn – und damit gegen deinen Ansatz – ließe sich vorbringen, dass die standardisierte Sprache, das getreue Definieren der Grundbegriffe nach Normschema und die Rückführung der Fragestellung auf das empirisch Greifbare ihrerseits Teil der Ideologie vom gesellschaftlich Bestehenden sind, insofern Sprachverwendung ja Realitätswahrnehmung prägt.


Das ist kein „Vorwurf“; jeder soll machen, wie er oder sie will. Ich komme doch in meiner Entwicklung auch von diesem Sprachargument, sogar vom Intuitionismus her, hab eine Dissertation darauf verwendet, und habe, weil die Argumente real so ohnmächtig waren, begonnen Oswald Wiener zu studieren. Ich habe einfach immer nur gleich allgemein kritisieren können – „Sprache prägt Wirklichkeit“, „Intuitive Urteile sind besser als durchdachte“, „Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion“, „Das Spektakel ist total“ –, ohne genauer sagen zu können, was ich denn mit Sprache, Wirklichkeit, Intuition, Durchdenken, Konstruktion, Spektakel meine. Das reicht für eine akademische Karriere in bestimmten Fächern und fürs Feuilleton, aber nicht, um im Verstehen weiterzukommen. Ich will ja ein interessantes Leben!


Um kurz noch einen anderen Strang aufzugreifen: Deine „biologistische“ Ästhetik hat, wenn ich richtig lese, zur Grundlage, dass ästhetische Erlebnisse Echos bzw. Verfeinerungen von Instinktreaktionen auf Umweltreize seien, die unter den Bedingungen des „Spiels“ bzw. der „Einübung“ zustande kommen, unter Bedingungen, die jenen des tatsächlichen Überlebenskampfes entgegengestellt sind. Es ist also das Spiel, als Sonderform des Lernens, die Grundlage des Erlebens von Schönheit. Gab es auf diese von dir mit Empirie wohlunterfütterten Überlegungen bereits Reaktionen von naturwissenschaftlicher Seite?

Nein. Mein eigener Beitrag, für den zumindest ich noch kein Äquivalent gelesen habe, beschränkt sich auf die Seiten 96 bis 103. Es ist eben keine „biologistische“ Sichtweise, da wir die Bildung von „internen Modellen der Außenwelt“, die wir nur an uns selbst bezeugen können, nicht durch Gene, sondern lernendes Anpassen an die Umwelt bestimmt wird. Daher das Ausweichen in Formulierungen, die derzeit philosophisch sein müssen und damit die meisten Naturwissenschafter noch kalt lassen. Eine wissenschaftliche Theorie über das Entstehen von internen Modellen gibt es leider nur in groben Zügen. Oswald Wiener arbeitet im Moment an einer Verbesserung dieser Theorie, wobei die gröbsten Beschränkungen der Theorie von der Biologie vorgegeben werden. Sein Buch wird Vorstellungen heißen.